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Der erste Olympiasieger Afrikas : Barfuß auf der Via Appia

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Auf dem Weg zum Ruhm: Abebe Bikila (l.) gewinnt vor dem Marokkaner Rhadi Ben Abdesselam den Marathonlauf in Rom Bild: dpa

Vor einem halben Jahrhundert wird ein Hirtenjunge zum Volkshelden. Und ein Barfußläufer zum ersten Olympiasieger Afrikas. Der Äthiopier Abebe Bikila gewinnt am 10. September 1960 in Rom die Goldmedaille im Marathonlauf.

          Mit seinem Triumphzug auf der Via Appia hat Abebe Bikila vor 50 Jahren für eine Sternstunde des Sports gesorgt. Mit einem 135 Minuten langen Sturmlauf platziert der frühere Schafhirte aus Äthiopien sein bettelarmes Land auf die Weltkarte des Sports. Sein Olympiasieg in der Weltbestzeit von 2:15:16 Stunden macht den Unteroffizier aus der Leibgarde von Kaiser Haile Selassie über Nacht weltberühmt. Noch ein halbes Jahrhundert nach dem 10. September 1960 spricht man über den Barfußläufer, der einst die alte Laufelite düpierte.

          Bikilas Stern geht im Dunkeln auf: Erst auf den letzten Kilometern beleuchten Fackeln den historischen Straßenkurs. Im Ziel am Konstantin-Bogen, nach 42,195 Kilometern, hat das laufende Leichtgewicht 26 Sekunden Vorsprung auf den Marokkaner Rhadi Ben Abdesselam. Ein ganzer Kontinent feiert seinen schnellsten Soldaten und die erste olympische Medaille für Afrika.

          Nur als Ersatzmann darf er nach Rom

          Bei der Rückkehr drängen sich Zehntausende auf dem Flugplatz von Addis Abeba - alle wollen ihren Helden sehen. „Ich wollte der Welt beweisen, dass mein Land Äthiopien immer mit Entschlossenheit und Heroismus gesiegt hat“, erklärt der Mann aus dem Hochland am Horn von Afrika.

          Barfuß zu Gold: der Beginn der afrikanischen Laufzeitalters

          Die Reise nach Rom ist schon aufregend genug für den 28-Jährigen, was dann aber bei den Olympischen Spielen passiert, kann kaum spannender sein: Erst in letzter Minute springt der Marathon-Mann auf den Olympia-Zug - ein Flugzeug nach Rom. Sein finnischer Trainer Onni Niskanen, der als Major die kaiserliche Leibgarde fit hält, holt ihn praktisch als „Ersatzläufer“ ins Team, denn der schon nominierte Wami Biratu bricht sich beim Fußball das Sprunggelenk.

          Schuhe passen nicht und die 26 ist auch nicht zu finden

          Damit geht ein Jugendtraum des kleinen Abebe in Erfüllung, der am 7. August 1932 in einem Dorf auf dem Hochplateau der Provinz Shoa zur Welt gekommen war. Glück hat Bikila in der Stadt am Tiber aber zunächst nicht: Kein Laufschuh will so richtig passen, sein Ausrüster hat kaum noch Auswahl - und Bikila bekommt Blasen an den Füßen. Kurzentschlossen startet der schlaksige Äthiopier, der nur 55 Kilo wiegt, barfuß. Warum? Weil er sein ganzes Leben barfuß gelaufen ist. Nomen est omen: Der Name Abebe bedeutet schließlich „Wiese“.

          Neben Bikila gehen an jenem Spätsommerabend 68 Marathonläufer auf die Strecke, vor dem Marokkaner Rhadi hat ihn sein Trainer Niskanen ausdrücklich gewarnt: Pass' auf den Mann mit der Nummer 26 auf! Doch der Nordafrikaner läuft mit der Nummer 185, die er vom 10.000-Meter- Finale gleich behalten hat. So sucht Bikila vergeblich nach der „26“. Den Mann mit der 185 nimmt er erst viel später als Haupt-Konkurrenten wahr. 500 Meter vor dem Ziel zieht der Äthiopier das Tempo an und rennt davon - Rhadi kann ihm nicht folgen.

          1964 vollbringt Bikila das zweite Wunder

          Die Italiener nennen Bikila abschätzig „einen aus unserer alten Kolonie“ - der Sportler gibt die Antwort auf der Straße. Für jeden Äthiopier hat der erste Olympiasieg eine besondere Symbolkraft: Auf der Via Appia waren Mussolinis Soldaten nach dem Krieg gegen Abessinien (1935/36) zur Siegesparade aufmarschiert.

          In Tokio läuft Bikila 1964 mit Schuhen - und vollbringt das zweite Wunder: Fünf Wochen nach einer Blinddarmoperation holt er wieder Gold. Mit Weltbestzeit (2:12:11 Stunden) und über vier Minuten Vorsprung auf den Briten Benjamin Heatley. 1968 will Bikila das historische „Triple“, doch nach 17 Kilometern muss er aufgeben. Wahrscheinlich ein Ermüdungsbruch stoppt den flinken Dauerläufer.

          Ein schrecklicher Autounfall im März 1969 setzt seiner Karriere ein jähes Ende. Am 25. Oktober 1973 stirbt Bikila nach einem Schlaganfall an einer Gehirnblutung. Das ganze Land trauert, die Sportwelt ist bestürzt. Kaiser Haile Selassie kommt persönlich zur Beisetzung in die St. Josephs Kirche von Addis Abeba.

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