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Davis Cup : Wiederbelebung oder Beerdigung?

  • -Aktualisiert am

Zerren um einen Traditionswettbewerb: Der Davis Cup soll reformiert werden Bild: Reuters

Ein Vorschlag zur Reform des Davis Cups spaltet die Tennis-Welt. Viele fürchten um Tradition wie legendäre Duelle, andere hoffen auf mehr Geld. Egal wie die Abstimmung ausfällt: Es bleiben jede Menge Fragen.

          Seit fast sechs Monaten dräut das Thema, jetzt ist es Zeit für die Entscheidung. In einem Fünf-Sterne-Hotel in Orlando in Florida wird die Generalversammlung des internationalen Tennisverbands (ITF) an diesem Donnerstag über die Zukunft des Davis Cups abstimmen. Der vom amerikanischen Präsidenten der ITF, David Haggerty, Ende Februar präsentierte Vorschlag sieht eine drastische Veränderung vor, nach der der traditionsreichste Mannschaftswettbewerb des Tennis kaum noch Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger gleichen Namens haben wird.

          Mit äußerst üppiger finanzieller Unterstützung einer Investorengruppe (Kosmos) um den spanischen Fußballprofi Gerard Piqué soll der Davis Cup nach Haggertys Plan nur noch in der ersten Runde nach dem Format von Heim- und Auswärtsspielen gespielt werden, die Entscheidung soll dann jeweils im November innerhalb einer Woche in einer Endrunde mit 18 Teams fallen.

          Die Vertreter von 147 Nationen der insgesamt 210 Mitgliedsländer des internationalen Verbandes sind in Orlando mit unterschiedlichen Paketen stimmberechtigt, angeführt von den vier Nationen der Grand-Slam-Turniere Australien, Frankreich, Großbritannien und Vereinigte Staaten sowie Deutschland mit jeweils zwölf Stimmen bis runter zu kleineren Mitgliedsländern mit nur einer Stimme. Der Antrag braucht eine Zweidrittelmehrheit, um angenommen zu werden, und auch nach den aktuellsten Erkenntnissen und Parolen dürfte es um wenige Stimmen hüben oder drüben gehen.

          DTB ist Traditionalist

          Für den Deutschen Tennis Bund (DTB) sind Präsident Ulrich Klaus und die Vizepräsidenten Eva-Maria Schneider und Dirk Hordorff in Orlando dabei, und es ist kein Geheimnis, wie die deutsche Entscheidung ausfallen wird; der größte Tennis-Verband der Welt wird mit „Nein“ stimmen. Ulrich Klaus sagt dazu: „Es geht uns nicht vorrangig um Geld, sondern darum, dass wir den Tennisfans in Deutschland unsere besten Spieler präsentieren wollen. Der Davis Cup benötigt durchaus gewisse Anpassungen, um die Profis zu entlasten. Die von der ITF vorgeschlagene Radikalreform würde jedoch einen der traditionsreichsten Teamwettbewerbe im Sport in seinen Grundfesten verändern – und ihn beerdigen.“

          An der Spitze der Gegner stehen die Australier. Mannschaftskapitäne und Spieler aus vier Generationen, von Rod Laver und Ken Rosewall über Pat Cash und Pat Rafter bis zum aktuellen Chef, Lleyton Hewitt, meldeten sich in der vergangenen Woche noch einmal mit einem offenen Brief an den Weltverband zu Wort. Hewitt schrieb darin, er sei entschieden gegen die geplanten Änderungen und sei auch ziemlich frustriert über den fehlenden Zugang zu Informationen. „Der Wettbewerb, den sie da vorschlagen, hat nichts mit dem Davis Cup zu tun.“

          Spitzenspieler fehlten zuletzt

          Zu den Befürwortern gehören nicht nur die Vereinigten Staaten und Frankreich, sondern auch der britische Verband, viele kleinere Verbände werden sicher auch für den Plan stimmen, weil er ihnen in Zukunft sichere finanzielle Unterstützung aus den Geldtöpfen der ITF verspricht. Piqué und Kosmos bieten drei Milliarden Dollar für einen Vertrag über 25 Jahre, und erst kürzlich sprang der amerikanische Milliardär Larry Ellison mit ins Boot und teilte mit, er freue sich sehr darauf, die neue Idee zu unterstützen. Ellison gehört sowohl der Tennis Park in Indian Wells in Kalifornien als auch das dort jedes Jahr im März stattfindende Turnier der Masters-1000-Serie, und er bewarb sich auch gleich für die Davis-Cup-Endrunde des Jahres 2021.

          Als Investor dabei: Barca-Star Gerard Pique

          Unstrittig ist, dass der Davis Cup Reformen braucht. In den vergangenen Jahren fehlten immer wieder Spitzenspieler, die sich die zusätzliche Belastung im vollen Turnierkalender nicht mehr zumuten mochten. Es gibt Vorschläge, das Ganze zu entzerren; etwas die Reduzierung von bisher drei auf zwei Gewinnsätze in den Spielen oder die Idee, nur noch alle zwei Jahre um den Davis Cup zu spielen, abwechselnd mit dem Fed Cup der Frauen. Die früher diskutierten Reformpläne des Weltverbandes für den Fed Cup verschwanden während der heißen Diskussion um den Davis Cup übrigens bis auf weiteres in den Schubladen; auch eine fragwürdige Entwicklung.

          Schwer zu sagen, was die Spieler wollen, um die es in der ganzen Geschichte gehen sollte. Es gibt Befürworter von Haggertys Plan wie Rafael Nadal oder Novak Djokovic und erklärte Gegner in allen Ländern. Yannick Noah, Kapitän jener französischen Mannschaft, die 2017 den Davis Cup gewann, und der selbst viele Jahre mit Begeisterung um die große Schüssel gespielt hatte, hatte einen Tag nach dem Bekanntwerden von Haggertys Plan über Twitter die Zeilen verschickt: „Das ist das Ende für den Davis Cup. Sie haben die Seele eines historischen Wettbewerbs verkauft. Sorry Mister Davis.“

          Sternstunden des Davis Cup: Boris Becker 1987 nach einem legendären Sieg gegen die Vereinigten Staaten in Hartford mit deutscher Fahne

          Aber selbst wenn man die ganze Sache unsentimental betrachtet und sich nicht an unvergessliche Begegnungen erinnert, darunter viele mit deutscher Beteiligung wie zuletzt im April in der Stierkampfarena von Valencia, dann bleibt doch die Frage, wie die Landschaft im Männertennis zukünftig aussehen soll.

          Wie groß wird wohl die Begeisterung der Spieler über eine Endrunde im Davis Cup nach dem ATP-Finale zum Ende der Saison sein? Und wie passen die Pläne der ATP Tour zu diesem Termin, die eine neue Version des früher in Düsseldorf ausgespielten World Team Cups auf den Weg bringen will und als Termin dafür Anfang Januar vorsieht, also nur ein paar Wochen nach der Finalrunde im Davis Cup? Einstweilen steht nur so viel fest: Auch nach der Entscheidung in Orlando wird es mehr Fragen als Antworten geben.

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