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Denken wir an Sport (3) : Die Narbe in mir

15 Zentimeter Lochplatte, acht Schrauben, zwei Operationen: ein Schicksalsschlag Bild: Jan Ehrhardt

Schmerz, Ungewissheit, Zukunftsangst: Ein einziger Moment kann alles zerstören, wofür man jahrelang aufopferungsvoll gekämpft hat. Auch das ist Sport für mich. Weil ich davon persönlich betroffen bin.

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          Denken wir an Sport ... an was denken wir dann? Und was macht das mit uns? Sieben Sportredakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählen in einer Serie jeden Tag ihre ganz persönliche Geschichte.

          Der Moment, als der Knochen brach, hat sich fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Wie ein Negativ auf Fotopapier. Unauslöschlich. Immer und immer wieder schießen mir die Bilder durch den Kopf, vor die Augen, ins Bewusstsein. Weil an diesem kalten Novemberabend nicht nur mein Bein zu Bruch gegangen ist, sondern mit ihm meine sportliche Zukunft. Diagnose: Splitterfraktur des linken Wadenbeins, Innenbandriss, Syndesmosebandriss, Anbruch des Außenknöchels. Therapie: 15 Zentimeter Lochplatte, acht Schrauben, zwei Operationen.

          Denk ich an Sport, denke ich an die Tage im Krankenhaus zurück. An die vielen Stunden voller Schmerzen, voller Rückschläge, voller Ungewissheit. Wann kommt jemand, der mir sagen kann, was los ist? Wie lange muss ich hierbleiben? Wann kann ich wieder zurück zu meiner Mannschaft? In drei Tagen spielen wir in der Bundesliga, wie jedes Wochenende. Die Saison läuft. Wir kämpfen gegen den Abstieg. Ich bin Kapitän, ich darf nicht fehlen. Ich will helfen. Ja, ich muss helfen. Das wird von mir erwartet, glaube ich. Noch mehr aber erwarte ich das selbst von mir. Einen Blick auf mein Bein später aber ist klar: Das wird nichts. Das kann nichts werden. Scheiße.

          War es das?

          „Es ist schlimm“, sagt der Arzt plötzlich, als könne er Gedanken lesen. „Aber nicht so schlimm, wie Sie vielleicht glauben.“ Lächelt er etwa? „Sie machen ein Gesicht, als hätten Sie einen Geist gesehen“, höre ich durch den dumpfen Schleier aus Schmerzmitteln und Adrenalin. „Kopf hoch. Das wird schon wieder.“ Du hast leicht reden, will ich erwidern. Du hast nicht die vergangenen 20 Jahre fast dein ganzes Leben für einen Sport aufgeopfert. Training um Training, Spieltag um Spieltag, Meisterschaft um Meisterschaft. Jahre voller Entbehrungen, voller Anstrengungen, voller Glück. Siege, die mehr bedeuteten als vieles auf der Welt. Niederlagen, die so schmerzhaft waren wie kaum etwas und doch so lehrreich wie fast nichts anderes. Mitspieler, die zu Freunden fürs Leben wurden. Sport ist alles für mich. Oder war alles für mich?

          Doch das verkneife ich mir in diesem Moment. Es bringt ja nichts. Außerdem trifft den Arzt keine Schuld. Im Gegenteil. Er will und wird mir helfen. Ich stehe das durch.

          Soll ich auf mich wütend sein, weil mir das passiert ist? Das frage ich mich viele Monate später manchmal noch. Hätte ich vorsichtiger sein können? Hätte ich es verhindern können? Wohl kaum. So etwas passiert eben. Ich bin nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein. Bei weitem nicht. Und es sind noch viel schlimmere Verletzungen möglich. Viel schlimmere. Das, was ich damals in der Notaufnahme dachte, war ungerecht. Gegen all die anderen, gegen den Arzt, gegen mich. Es ist mir heute peinlich. Auch wenn mein Bein nie wieder so beweglich sein wird, wie es zuvor war. Auch wenn ich gerade mal 30 Minuten joggen kann, bevor die Schmerzen kommen. Auch wenn die Narbe für immer bleiben wird, auf meiner Haut und in mir. Ich weiß: Das Schlimmste sind die Gedanken.

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