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DDR-Dopingsystem : Versuchte Reinwaschung

Uwe Trömer, einst Frontmann des Bahnvierers von Turbine Erfurt Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Dopingopfer lehnen die angebliche Entschuldigung des früheren DDR-Sportfunktionärs Thomas Köhler ab. „Ein bisschen Wahrheit reicht nicht. Er hätte die Hosen runter lassen müssen“, sagt Uwe Trömer, Sprecher des Dopingopfer-Hilfevereins.

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          Uwe Trömer, der Sprecher des Dopingopfer-Hilfevereins, hat die angebliche Entschuldigung des früheren DDR-Sportfunktionärs Thomas Köhler als „schlechten Versuch einer Reinwaschung“ bezeichnet. „Warum entschuldigt sich einer nach zwanzig Jahren wenige Tage, bevor sein Buch auf den Markt kommt, in dem aber genau jene Halb- und Unwahrheiten zum Doping stehen, um die es geht und in dem von einer ehrlichen Bitte um Entschuldigung mit keiner Silbe die Rede ist?“, sagte Trömer am Mittwoch auf Anfrage.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Berliner reagierte damit auf eine Meldung, Köhler habe sich „mittlerweile offiziell“ bei Doping-Opfern der DDR entschuldigt. Der frühere Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR hat in seinem dieser Tage veröffentlichten Buch „Zwei Seiten einer Medaille“ das seit 19 Jahre bekannte wie dokumentierte Staatsdoping der DDR bestätigt, unter anderem aber behautet, dass die Vergabe der Dopingmittel keine schweren Nebenwirkungen erzeugt habe. Zudem rechtfertigt Köhler Kinderdoping und erklärt, von der Vergabe verbotener Substanzen an Minderjährige unter 16 Jahren nichts gewusst zu haben.

          „Ein bisschen Wahrheit reicht nicht“, meint Trömer

          Sowohl Trömer als auch andere Experten in Deutschland widersprachen Köhler und verwiesen auf Gerichtsurteile und Dokumente. Die am Mittwoch vom Sportinformationsdienst als Entschuldigung verbreitete Erklärung Köhlers stammt aus einem Interview des WDR vom vergangenen Freitag. Darin sagt Köhler: „Das tut mir sehr leid. Dass wir im Nachhinein gemerkt haben, dass wir eine Reihe von Fehlern und Versäumnissen zugelassen haben, (...) Auswüchse unterschätzt haben - das tut mir sehr leid. (...) Ich entschuldige mich bei den Opfern, die es tatsächlich gab.“

          Heute ist Trömer Sprecher des Dopingopfer-Hilfevereins

          Trömer wertet diese Erklärung als Versuch, die Öffentlichkeit zu beruhigen: „Das ist keine wirkliche Entschuldigung. Köhler war in der Befehlskette so weit oben, dass er über Nebenwirkungen und Fehlschläge, über Kinderdoping Bescheid wusste. Er spricht nur von Fehlern, aber nicht davon, dass ein Dopingsystem an sich menschenverachtend ist. Ein bisschen Wahrheit reicht nicht. Er hätte die Hosen runter lassen müssen.“

          Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, bezeichnete die fünf Tage alte Aussage von Köhler, mit der die Deutsche Presse-Agentur ihn konfrontierte, „als Genugtuung“. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte Bach Köhler zu einer ehrlichen, weitreichenden Entschuldigung aufgefordert, die auch die damals ungedopten Sportler einschließt. Bach wies gleichzeitig eine Darstellung im ARD-Hörfunk zurück, er habe das Buch Köhlers „begrüßt“. „Das darf man so nicht interpretieren. Ich kenne das Buch nicht. Ich habe nur zum Ausdruck gebracht, dass ein Bekenntnis ein erster Schritt ist. Dem müssen aber weitere folgen.“

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