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Davis-Cup-Relegation : Stebe kämpft sich durch – Struff verliert

  • -Aktualisiert am

Tennis statt Klavier: Cedrik-Marcel Stebe Bild: dpa

Der zur Nummer zwei aufgestiegene Cedrik-Marcel Stebe bezwingt überraschend den portugiesischen Spitzenspieler Joao Sousa. Doch dann verliert Jan-Lennard Struff. Und was macht Boris Becker?

          Deutschland ist quasi mit einem „Break“ in die Davis-Cup-Relegation gegen Portugal gestartet. Der wegen der Absagen der Zverev-Brüder und Philipp Kohlschreiber zur Nummer zwei aufgestiegene Cedrik-Marcel Stebe bezwang im Eröffnungseinzel den portugiesischen Spitzenspieler Joao Sousa 4:6, 6:3, 6:3, 6:0. In wie weit dabei Boris Beckers erster Auftritt im Davis Cup als „Head of Men‘s Tennis“ zum überraschenden Auftaktsieg beitrug? Schwer zu sagen, auf jeden Fall schadete Beckers Anwesenheit in der ersten Reihe inmitten des Teams nicht.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Als er dem deutschen Spitzenspieler Jan-Lennard Struff, auf dem Nebenplatz beim Einspielen für das zweite Einzel gegen Pedro Sousa noch Tipps gab, lag Stebe zurück. Als er ihm zuschaute, drehte der Schwabe auf und wendete das Match zu seinen Gunsten.

          Struff verliert zweites Einzel

          Doch lange konnte sich das Team des Deutschen Tennis Bundes (DTTB) nicht über die unverhoffte Führung freuen. Jan-Lennard Struff unterlag anschließend dem zweiten Portugiesen, Pedro Sousa, 2:6, 5:7, 6:7 (5:7). Die Bedingungen auf der Anlage in Oeiras waren nicht einfach. Böige Winde aus unterschiedlichen Richtungen spielten den Tenniscracks so manchen Streich. Dennoch hätte Struff durchaus etwas weniger schlecht spielen dürfen. Dem langen Sauerländer (Nummer 54 der Weltrangliste) unterliefen viele unerzwungene Fehler, und so manche Chance, die ihm der Gegner eröffnete, der 53 Plätze hinter ihm in der Weltrangliste steht, erkannte oder nutzte er nicht.

          Struff wirkte mit der ungewohnten Aufgabe, das deutsche Team anzuführen, überfordert. Immerhin kämpfte er bis zum letzten Moment gegen die drohende Niederlage an. Er lag im dritten Satz schon 0:3 und zwei Breaks hinten, erzwang dennoch den Tie-Break. Aber da beging er dann den einen Fehler zu viel, als er einen Volley-Stopp ins Netz setzte.

          Klavierkönner Stebe spielte grundsolide

          Stebe dagegen erwies sich wieder als grundsolider, nervenstarker Tennisprofi. Vor fünf Jahren verhinderte er den Abstieg aus der Weltgruppe durch seinen Dreisatzsieg über den australische Tennis-Heroen Lleyton Hewitt im entscheidenden fünften Spiel. Viele sagten dem Linkshänder daraufhin eine große Karriere voraus, der 2012 bis auf Weltranglistenposition 71 vorgedrungen war. Allein die große Laufbahn fiel aus – wegen einer beispiellosen Verletzungsserie.

          Als im Januar 2013 die Beschwerden mit einer Überdehnung des Hüftbeugers begannen, war Stebe noch nicht beunruhigt. Doch dann wurde eine Hüftoperation notwendig. Es folgten starke Rückenschmerzen, eine Schambeinentzündung, eine Leistenoperation und schließlich eine Stressfraktur des Schambeins. Zwischen März 2015 und Februar 2016 war Stebe nicht aktiv, er fiel aus der Weltrangliste heraus. In dieser Zeit beschäftigte er sich gar nicht mehr mit Tennis. „Ich hätte es psychisch kaum verkraftet, zu sehen, wie andere Spieler auf meinem Niveau in der Weltrangliste nach oben schossen.“

          Stebe vertrieb sich die Zeit mit Klavierspielen, was er in seiner Kindheit erlernt hatte. Bis zu fünf Stunden täglich übte er: „Wenn man einen positiven Aspekt aus der ganzen Verletzungsmisere herausziehen möchte, dann vielleicht den, dass ich zum Ende meiner Verletzungszeit sehr gut Klavier gespielt habe“, sagte Stebe dem Internet-Portal „Spox“ in einem Interview. Mittlerweile spiele er wieder schlechter, weil durch das Tennis die Feinmotorik in den Fingern gestört werde.

          Der neue Kopf des Ganzen: „Allein seine Anwesenheit spornt uns an.“

          Das kann er aber sehr gut verkraften. Denn im zweiten Anlauf verspricht Stebe das nachzuholen, was ihm im ersten versagt geblieben ist. Der 26-Jährige startete als Nummer 471 der Weltrangliste ins Tennisjahr, in der vergangenen Woche erklomm er Rang 90. Ein auf der „Ochsen-Tour“ hart erarbeiteter Aufstieg: Konstante Erfolge bei den Challenger-Turnieren, darunter Siege in Popra Tatry (Slowakei) und Vancouver brachten ihn soweit nach vorne, dass er bei den US Open die Qualifikation spielen durfte.

          Dort setzte er sich durch, gewann die erste Hauptrunde und hatte auch gegen den Bosnier Damir Dzumhur Siegchancen, doch dann verließen ihn die Kräfte. Dennoch waren die Augenzeugen Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann und Becker beeindruckt von der Spielstärke und dem Kampfgeist Stebes. Sie nominierten ihn für das Abstiegsduell gegen Portugal – und der Linkshänder lieferte.

          Er besitzt weder den Touch eines Federers noch die Gewalt eines Alexander Zverevs. Aber Stebe genießt das Privileg, das zu erkennen, was er kann und das zu spielen, was ihm möglich ist. Bis auf eine leichte Phobie vor Netzattacken weist sein Spiel wenig Schwächen auf. Ausgesprochene Stärken sind der Return, seine Beinarbeit und die gute Länge in seinen Schlägen, wenn er in die Defensive geraten ist. Der Portugiese Sousa, an Position 57 der Weltrangliste notiert, verzweifelte mit der Zeit an dem Deutschen, dem kaum Fehler unterliefen. Und der Becker-Faktor? Stebes Antwort: „Allein seine Anwesenheit spornt uns an. Man sieht sofort, wie viel Erfahrung er hat. Ich nehme jeden Krümel mit, den er mir gibt.“

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