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Davis Cup : Mit 66 noch mal auf den Mount Everest

  • -Aktualisiert am

Vor einem historischen Erfolg: Niki Pilic (v.) Bild: picture-alliance/ dpa

Mit Deutschland gewann Niki Pilic dreimal den Tennis-Davis-Cup. 1997 mußte der Kroate gehen, da er müde und ausgebrannt sei. Acht Jahre später steht der 66jährige mit seinem Heimatland vor einem historischen Erfolg.

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          Wenn der Deutsche Tennis-Bund (DTB) Stil besitzt, wird er am Sonntag im Fall der Fälle um ein ganz besonderes Glückwunschtelegramm nicht herumkommen. Die Formulierung allerdings dürfte DTB-Präsident Georg von Waldenfels dann schwerfallen, damit sie nicht wie eine späte Entschuldigung klingt. Auch wenn von Waldenfels 1997 noch nicht im Amt und damit nicht an den unwürdigen Begleitumständen eines merkwürdigen Machtwechsels beteiligt war.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Gesucht wurde damals eine Möglichkeit, Boris Becker in die Arbeit des DTB einzubinden, und gefunden wurde die Tätigkeit des Davis-Cup-Teamchefs. Gehen mußte dafür der Mann, mit dem Deutschland dreimal den Davis Cup (1988, 1989, 1993) gewonnen hatte. Niki Pilic sei müde und ausgebrannt, hieß es damals. Becker sollte den Deutschen wieder die glorreichen Tage im Davis Cup bescheren, was allerdings ziemlich danebenging.

          „Das Ende war nicht besonders schön“

          Einer hatte das vorausgesagt, aber sein Rat war damals nicht mehr gefragt. „Ich hatte eine tolle Zeit in Deutschland, aber das Ende war nicht besonders schön“, sagt Niki Pilic. In jedem Ende aber steckt ein Anfang: Der „ausgebrannte Pilic“ wurde 2000 Davis-Cup-Kapitän seines Heimatlandes Kroatien.

          Der Trainer und sein Team: Pilic (r.) mit seinen vier Davis Cup-Akteuren

          „Für ein, zwei Jahre“, wie er damals glaubte, und in dieser Zeit wollte er die in die Drittklassigkeit abgestürzten Kroaten wieder in die Weltgruppe führen. Das Ziel hat er übererfüllt: An diesem Wochenende steht der mittlerweile 66 Jahre alte und kein bißchen müde wirkende Pilic mit Kroatien im Davis-Cup-Finale gegen die Slowakei und kann als erster Coach überhaupt diesen Titel mit zwei verschiedenen Nationen gewinnen.

          Becker und Stich - die Quadratur des Kreises

          Wieviel Energie immer noch in ihm steckt, sieht man Niki Pilic nicht an, wenn er mit seinen schlurfenden Schritten, den Oberkörper leicht vorgebeugt, an der Seitenlinie auf und ab geht und das Training seiner Mannschaft verfolgt. Aber man sollte sich nicht täuschen, ihm entgeht nichts. „Er hatte immer das richtige Gespür für die Aufstellung“, sagt Patrik Kühnen, als Teammitglied bei allen drei deutschen Davis-Cup-Triumphen beteiligt und mittlerweile selber Teamchef der deutschen Mannschaft. „Niki ist ein harter Arbeiter, ein Tennisverrückter. Und Teamarbeit geht bei ihm über alles“, sagt Kühnen.

          Pilic habe sich immer vor die Mannschaft gestellt, sei für seine Spieler im Prinzip Tag und Nacht erreichbar gewesen. Übergangsweise sprang er so erst als Trainer für Becker, später für Michael Stich ein, und nebenbei schaffte er etwas, was der Quadratur des Kreises ungefähr gleichkommt. Becker und Stich gewannen 1992 die Goldmedaille im Doppel bei den Olympischen Spielen, obwohl die beiden sich eifersüchtig beäugenden Platzhirsche abseits des Platzes kaum ein Wort miteinander sprachen.

          Ivanisevic wird Nachfolger von Pilic

          Die aktuelle Situation der kroatischen Mannschaft erinnert ein wenig an 1997. Auch damals schien ausgemachte Sache, daß einer der beiden deutschen Stars irgendwann Pilic beerben würde. „Es gab eine Absprache, aber Boris hat sich nicht daran gehalten“, sagt Pilic, der schon damals Stich für den geeigneteren Mann gehalten hatte. Wer sein Nachfolger in Kroatien wird, steht auch bereits fest. Pilic selber ließ nie einen Zweifel daran, daß Goran Ivanisevic eines Tages Davis-Cup-Teamchef werden müsse.

          Kroatiens bislang größten und erfolgreichsten Tennisspieler hat Pilic eigens für dieses Finale aus dem Ruhestand geholt. Ivanisevic hätte eigentlich an diesem Wochenende beim Abschlußturnier der „Seniors Tour“ in London spielen müssen, statt dessen nominierte Pilic ihn als vierten Mann für das Davis-Cup-Finale.

          „Immer in der zweiten Reihe stehen“

          Ivanisevic, dem 2001 nach seinem Wimbledonsieg 150.000 Fans in seiner Heimatstadt Split einen triumphalen Empfang bereitet hatten, ist nun offenbar bereit. „Ich hoffe, ich kann bald Teamchef werden“, sagt er, und die größte Schwierigkeit dürfte darin bestehen, sich an das Credo von Pilic zu halten. „Ein Teamchef muß immer in der zweiten Reihe stehen, die Hauptsache sind die Spieler“, sagt Pilic.

          Diesmal dürfte sich ein Übergang aber vermutlich würdevoller vollziehen. Pilic wird in Kroatien verehrt. „Diesen Titel hier zu gewinnen, das wäre der Mount Everest“, sagte er in Bratislava, und höher hinaus geht es auf dieser Welt bekanntlich nicht. Das klang wie ein schöner Vergleich, und es klang für deutsche Ohren vertraut. Auch die deutschen Siege hatte Pilic stets mit dem Mount Everest verglichen.

          Ausgebrannt klingt anders

          Doch einen Unterschied hat er trotzdem ausgemacht, denn dieses Finale mit Kroatien sei doch „eine noch viel emotionalere Geschichte als damals mit Deutschland“. Pilic ist schließlich in Split geboren, genauso wie Ivanisevic und der zweite Einzelspieler Mario Ancic. Doch ändern würde auch ein vierter Davis-Cup-Triumph für Pilic nichts.

          Wenn er an diesem Wochenende Geschichte schriebe, dann würde er trotzdem in der nächsten Woche in seiner Tennisschule in der Nähe von München den Schläger in die Hand nehmen und Bälle schlagen. „Ich kann nicht einfach die Beine hochlegen“, sagt er. Ausgebrannt klingt anders, und angeblich soll mit 66 Jahren für manchen das Leben ja erst so richtig anfangen.

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