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Davis Cup : Mit 33 Jahren, da fängt das Leben an

Zurück zu alter Stärke: „Der Glaube, sieben Spiele, fünf Sätze und all das zu gewinnen, ist wieder da“, sagt Roger Federer. Bild: dpa

Roger Federer dreht die Zeit zurück. Der Schweizer Tennis-Ästhet hat noch Großes vor. Nun winkt der erste Sieg im Davis Cup.

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          Es gibt Uhren in der Region Lille, die gehen rückwärts. Sie hängen an Wänden jener Fußballarena, in der an diesem Wochenende Tennis gespielt wird, und sie zeigen den Countdown an bis zur Öffnung der Stadiontore, bis zum ersten Aufschlag im Davis-Cup-Finale zwischen Frankreich und der Schweiz, bis zum Spielbeginn am nächsten Tag. Man kann also diese Uhren betrachten und über die ablaufende Zeit sinnieren, und weil sich Roger Federer ganz in der Nähe aufhält im „Stade Pierre Mauroy“, wo er um seinen ersten großen Mannschaftserfolg kämpft, kann man sich auch fragen, wie viel Zeit dem Schweizer wohl noch bleiben wird in seinem Leben als Tennisprofi.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Jahr, um womöglich einen 18. Grand-Slam-Titel zu gewinnen? Zwei Jahre, damit er in Rio de Janeiro an seinen vierten Olympischen Spielen teilnehmen und vielleicht seine dritte Medaille mitnehmen kann? Eventuell sogar noch „mindestens vier Jahre“, wie der schwedische Altchampion Mats Wilander mutmaßte? Die Tennisfans in aller Welt, die Federer gerade zum zwölften Mal nacheinander zu ihrem allerliebsten Spieler gewählt haben, würden ihrem Favoriten gerne unendlich lange bei der Ausübung seiner Kunst zusehen.

          Der Mann, der am besten einschätzen sollte, wie lange sein in diesen Tagen angegriffener Körper noch mitmacht, gibt auf alle Fragen dieselbe Antwort: „Nicht einmal ich weiß, wie lange ich noch spielen werde.“ Auch wenn Federer vor dem Davis-Cup-Wochenende an Rückenbeschwerden litt und sein Auftakteinzel gegen Gael Monfils verlor: Warum auch ans Aufhören denken, wenn es gerade wieder am schönsten ist? An seine Rückenbeschwerden habe er sich fast gewöhnt, sie erschienen wie „ein Geist“, dessen Botschaft Federer so versteht: „Huha, sei vorsichtig!“

          Am Samstag hielt das Gespenst still, so dass der Maestro mit seinem Kumpel Stan Wawrinka eine 2:1-Führung erspielen konnte. Nach dem 6:3, 7:5 und 6:4-Sieg gegen das französische Doppel Julien Benneteau/Richard Gasquet fehlt den Schweizern nur noch ein Punkt bis zu ihrem ersten Davis-Cup-Triumph. Federer hat an diesem Sonntag gegen Jo-Wilfried Tsonga als Erster die Chance, das Finale zu entscheiden. Wawrinka tritt gegen Monfils an.

          Bei allen körperlichen Problemchen schien es in dieser Saison aber fast so, als wäre der 33 Jahre alte Schweizer in der Lage, die Zeit ein wenig zurückzudrehen. Nach seinem Wimbledon-Triumph 2012 war er weit von weiteren großen Titeln entfernt, er musste im vergangenen Jahr sogar kürzertreten, weil die Rückenschmerzen zu stark wurden. Er schleppte sich durch den Sommer 2013 und musste überraschende Niederlagen verkraften, so dass viele Nachrufe auf eine Ausnahmekarriere schon vorbereitet wurden.

          Die Kritiker verstummten und staunten

          In dieser Saison verstummten die Skeptiker und staunten, weil Federer sich ein Mammut-Turnierprogramm auferlegt und gespielt hat wie in besten Zeiten. Er hat 72 Matches gewonnen und damit so viel wie kein zweiter Tennisprofi in diesem Jahr. Er hat elf Endspiele erreicht und damit mehr als jeder andere. Er hat seine Titelsammlung um fünf auf 82 aufgestockt, und auch wenn kein Grand-Slam-Erfolg hinzugekommen ist, weil er das Wimbledon-Finale gegen Novak Djokovic verlor, kommt die Konkurrenz doch zu einem eindeutigen Schluss: „Roger spielt teilweise sein bestes Tennis, seit ich ihn kenne und verfolge“, sagte Djokovic, der sich mit dem Kollegen bis zum letzten Turnier um die Spitzenposition in der Weltrangliste stritt.

          Dass Federer ein Tennisjahr nicht zum sechsten Mal an Nummer eins, sondern „nur“ als Zweiter beendet, nimmt er hin - zumindest vorübergehend. „Am Anfang des kommenden Jahres wird es in den ersten Monaten eng zugehen. Ich glaube, das ist besonders aufregend und zusätzlich motivierend.“ 302 Wochen stand er schon an der Weltspitze, auch das eine Bestmarke. Federer ließe eine weitere folgen, wenn er die Nummer eins zurückerobern sollte. Bislang ist Andre Agassi der älteste Weltranglistenerste: 2003 war der Amerikaner 33 Jahre und vier Monate alt - und damit nur zwei Wochen älter, als es der Schweizer derzeit ist.

          Starkes Team: Roger Federer und Stanislas Wawrinka
          Starkes Team: Roger Federer und Stanislas Wawrinka : Bild: AP

          Mit 33 Jahren, da fängt das Leben an, mit 33 Jahren, da hat man Spaß daran. In diesem Alter, so hat eine englische Studie von 2012 ergeben, werden die Grübchen in der Haut zwar tiefer und der Haaransatz höher, aber Realitätssinn und Zukunftshoffnung verbänden sich mit 33 aufs feinste. Besonders ausgeprägt, so die englische Psychologin Donna Dawson, sei „der gesunde Glaube an die eigenen Begabungen und Fähigkeiten“. Gibt es einen besseren Beweis als den Maestro aus Basel? „Dieses Jahr war wichtig, um mich wieder selbst zu beweisen“, sagte Federer, der im März noch auf Weltranglistenplatz acht stand, so niedrig wie seit zwölf Jahren nicht mehr: „Der Glaube, sieben Spiele, fünf Sätze und all das zu gewinnen, ist wieder da.“

          Um zur alten Stärke zurückzukehren, ist der Schweizer neue Wege gegangen. Er hat sein gewohntes Racket beiseitegelegt und eines mit größerem Schlägerkopf in die Hand genommen. Und er hat Stefan Edberg als Trainer angeheuert. Der schwedische Serve-and-Volley-Spezialist früherer Tage inspiriert ihn nicht nur mit seiner Aura als alter Champion, sondern hat ihn auch ermutigt, wieder öfter am Netz die Entscheidung zu suchen. Edberg habe Federer „die Augen für neue Elemente geöffnet“, erkannte auch Boris Becker, dem Vergleichbares bei Djokovic gelang. Mit 33 Jahren, da kommt man erst in Schuss.

          Mit 33 Jahren ist lang noch nicht Schluss. Oder doch? Ein Teil von Federers einzigartiger Karriere neigt sich anscheinend dem Ende zu. Je nachdem, wie das Davis-Cup-Finale ausgeht, wird sich Federer wohl aus der Nationalmannschaft zurückziehen. Womöglich als erfolgreichster Spieler der Eidgenossen in diesem Mannschaftswettbewerb. Der Davis-Cup-Sieg wäre „ein großes Ding“, sagte Federer, „aber das Leben bietet noch viel mehr als Tennis.“ Zu Hause warten eine Frau und vier Kinder. Hoffentlich warten sie noch länger.

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