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Davis Cup : Hoffen auf ein neues Erweckungserlebnis

  • -Aktualisiert am

Vom Sandmännchen zum Superstar: 2004 war Rafael Nadal in Sevilla überraschend ins Team gerückt, mittlerweile ist er längst der Führungsspieler Bild: dapd

Rafael Nadal kehrt an jenen Ort zurück, an dem 2004 seine Profikarriere ins Rollen kam. In Sevilla trifft der Tennisspieler im Finale des Davis Cup auf Argentinien.

          Mitte dieser Woche zeigte er zwei Dutzend Kindern und Jugendlichen bei einer Lehrstunde auf der Plaza de San Francisco vor dem Rathaus ein paar Tricks. Es waren Jungen dabei, die ähnlich aussahen wie er mit acht oder zehn, und vielleicht erkannte er sich in ihnen wieder. Als er nur wenig älter war als diese Jungen jetzt, hieß es, der Junge aus Manacor werde irgendwann die Welt des Tennis aufmischen. Das war nicht ganz falsch, wie sich später herausstellte, und einer der Tage, an dem die Weichen zur großen Karriere gestellt wurden, war der 3. Dezember 2004, der erste Tag des Davis-Cup-Finales zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten in Sevilla.

          Vier Jahre zuvor hatten die Spanier, damals angeführt von Juan Carlos Ferrero, den ersten von inzwischen vier Titeln im traditionsreichen Wettbewerb um die große Silberschale von Mr. Dwight Filley Davis gewonnen. Und Ferrero stand auch in der Mannschaft, die 2004 gegen Amerika gewinnen wollte. Doch zur allgemeinen Überraschung entschied sich der spanische Kapitän Jordi Arrese, neben Carlos Moya, damals Fünfter der Weltrangliste, den 18 Jahre alten Rafael Nadal als zweiten Einzelspieler zu nominieren. Es gab heiße Diskussionen in den spanischen Medien, ob das die richtige Wahl sei. Aber derjenige, der am meisten zweifelte, war Nadal selbst.

          Nadals Angst

          In seiner in diesem Sommer erschienenen Autobiographie „Rafa“ schildert er, wie er damals beinahe schockiert gewesen sei angesichts der Aussicht, eine tragende Rolle in dieser Aufführung zu spielen. „Ich war doch der Kleine in der Mannschaft, eher ein Cheerleader als irgendwas anderes.“ Er hatte zwar in jenem Jahr schon Einzel und Doppel im Davis Cup für Spanien gespielt, fand aber, er habe sich dabei nicht mit Ruhm bekleckert. Und die Aussicht gegen Andy Roddick antreten zu müssen, damals Weltranglistenzweiter, war ihm auch nicht ganz geheuer; von dem hatte er bei den US Open ein paar Wochen zuvor eine ordentliche Packung bekommen.

          Für einen Moment die Augen schließen: Rafael Nadal

          Warum ich, fragte er sich, warum nicht Ferrero oder Tommy Robredo, die haben mehr Erfahrung und stehen alle in der Rangliste besser als ich. Was ist, wenn ich alle hängenlasse und wir meinetwegen verlieren? Er war so aufgeregt, dass ihm die Luft wegblieb, er hatte große Angst, zu versagen, und er hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber Ferrero. In seiner Not ging er zu Moya, der so etwas wie ein großer Bruder für ihn war, offenbarte seine Zweifel und fragte, was soll ich tun? „Sei kein Idiot“, sagte Moya, „du gehst da raus und spielst. Wenn dir der Kapitän vertraut, dann tu ich’s auch.“ Moya hatte Bedenken, wie er später zugab, aber er versuchte, sie nicht zu zeigen.

          Die Feuertaufe

          Als Nadal zum Spiel gegen Roddick auf den in eine Kurve des Olympiastadions von Sevilla gelegten Sandplatzes ging, führte Spanien 1:0; Moya hatte die erste Partie gegen Mardy Fish gewonnen. Nadal sah und hörte die 27.000 aufgeregten Fans auf den Rängen, und auf einmal spürte er, wie das Adrenalin in seinem Körper die Angst wegschwemmte. Er war soweit. Vamos, vamos!

          Näher als in diesem lauten, dramatischen, feurigen Spiel, schreibt er in seinem Buch, sei er seinem Traum, ein Fußballstar zu sein und die Emotionen im Kreis einer Mannschaft zu erleben, nie gewesen. Mit zwölf hatte er sich schweren Herzens gegen Fußball und für die Karriere als Tennisspieler entschieden. Bei jedem Punkt, den er gewann, kam er sich vor wie der Schütze eines entscheidenden Tores, erst recht nach dem letzten, dem wichtigsten Punkt der Partie. Danach sank er in den roten Sand, schloss für einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete, sah er die anderen seiner Mannschaft im Freudentaumel.

          Moya machte die Sache mit seinem Sieg im dritten Einzel klar, und Rafa, der kleine Bruder, hatte die Feuertaufe bestanden. Falls es stimmt, wenn er sagt, man sei die Summe der Matches, die man spiele, dann war dieses Spiel an einem warmen, sonnigen Wintertag in Sevilla mehr als nur ein Beitrag zur großen Summe. Ein halbes Jahr später gewann er in Paris den ersten seiner inzwischen zehn Grand-Slam-Titel, mit den gleichen Qualitäten, die er in damals seinem ersten Finale um den Davis Cup zeigte.

          Letzte Niederlage 1999

          Nun ist er wieder in Sevilla; wieder wird er am Wochenende in einem Finale spielen, diesmal gegen Argentinien. Als er sich vor einer Woche in London vom ATP-Finale verabschiedete, wirkte er müde, fast deprimiert und klagte, irgendwie sei ihm in diesem Jahr die Leidenschaft für das Spiel abhandengekommen. Nach der Auslosung am Donnerstag auf der Bühne des wunderschönen alten Theaters Lope de Vega wollte er von dieser Aussage nichts mehr wissen und meinte, vielleicht habe er sich im Englischen falsch ausgedruckt, oder aber er sei falsch verstanden worden. Und fügte trotzig hinzu: „Aber selbst wenn ich müde bin, ich bin bereit, um jeden Punkt zu kämpfen, alles zu versuchen.“

          Die Spanier bauen beim Versuch, den fünften Titel seit 2000 zu gewinnen, darauf, dass Nadal bisher in seiner glorreichen Karriere nur ein einziges Spiel mit drei Gewinnsätzen verlor, vor zwei Jahren bei den French Open gegen Robin Söderling aus Schweden. Spaniens letzte Niederlage in einem Heimspiel stammt aus dem Jahr 1999, also aus einer Zeit, zu der der schüchterne Junge aus Manacor noch keine Ahnung hatte, dass er wirklich ein Großer werden würde. Vielleicht wird die Aufgabe, vor der er vor genau sieben Jahren so einen höllischen Respekt hatte, seine Lebensgeister wieder wecken. Zumindest jene Gruppe dieser Geister, die für das Spiel zuständig ist.

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