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Schweizer Davis-Cup-Sieg : Federer vollendet sein Tennis-Lebenswerk

„Das ist für die Jungs“: Roger Federer Bild: Reuters

Die Finalwoche beginnt mit gesundheitlichen Problemen und endet mit einem Triumph: Mit Stan Wawrinka gewinnt Roger Federer für die Schweiz erstmals den Davis Cup durch ein 3:1 über Frankreich.

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          Wer’s im Kreuz hat, sollte nichts schleppen. Erst recht keine 6,75 Kilogramm schwere, ästhetisch zweifelhafte Silberschüssel. Egal, Roger Federer hatte sich drei Tage lang beim Tennisspielen gemüht, also packte er am Sonntag beherzt zu, als ihm der Davis Cup vor die Nase gehalten wurde. Dieses Prestigeobjekt mit Hilfe der Teamkollegen in die Höhe zu stemmen, erschien für den Schweizer als leichteste Übung am Ende einer Finalwoche, die für ihn mit Rückenbeschwerden begann und mit einem Triumph endete.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nachdem Federer fünfzehn Jahre lang relativ regelmäßig dieser Tennistrophäe hinterhergejagt war, konnte er sie nun in einem Fußballstadion endlich festhalten. Und durfte dabei froh sein, nicht auch den dreiteiligen Unterbau des Davis-Pokals, auf dem sämtliche Gewinner eingraviert sind, in die Hände gedrückt zu bekommen. Das Gesamtkunstwerk mit es seinen 105 Kilogramm wäre selbst für Männer zu schwer, die einen weniger empfindlichen Rücken haben als Federer.

          „Ich habe in meiner Karriere schon so viele Titel gewonnen – der hier ist für die Jungs“, sagte der 33-Jährige, der schon vor dem 3:1-Finalsieg gegen Frankreich viel mit den Kollegen gescherzt und gelacht hatte: „Wir sind zusammen glücklich hier.“ Nun hat der 17-malige Grand-Slam-Turniersieger, der schon alle bedeutenden Trophäen der Tenniswelt in Händen hielt und dabei eine Reihe von Rekorden brach, seine Ausnahmekarriere also in Frankreich mit dem wichtigsten Mannschaftstitel abgerundet. Gemeinsam mit dem bärenstarken Stan Wawrinka, der am Finalwochenende nahe Lille zu Unrecht im Schatten seines berühmten Landsmannes stand, hat er die Schweiz im zweiten Anlauf zum ersten Davis-Cup-Triumph geführt.

          Beim ersten Versuch war das eidgenössische Team um Marc Rosset, Jakob Hlasek und Co. im Endspiel 1992 an einer amerikanischen Auswahl gescheitert, die dank der Herren Agassi, Sampras, Courier und McEnroe übermächtig besetzt war. In Frankreich waren es der Weltranglistenzweite Federer und der viertplazierte Wawrinka, die als nominell beste Kräfte aufliefen. Besiegt haben sie die „Grande Nation“ nicht einer nach dem anderen, sondern als starkes Kollektiv.


          Den entscheidenden Punkt zum verdienten Titelgewinn sicherte Federer, der sich zwei Tage nach seiner Auftaktniederlage gegen Gael Monfils von seinem Rückenleiden restlos erholt zeigte und Richard Gasquet 6:4, 6:2 und 6:2 bezwang. Der Schweizer spielte aggressiv und variabel wie zu besten Zeiten und ließ keinen einzigen Breakball zu. Hätte er von seinen eigenen 16 Gelegenheiten, dem Franzosen den Aufschlag abzunehmen, mehr als die fünfe genutzt, dann wäre die Spielzeit noch kürzer verlaufen als 1:52 Stunde.

          War da was mit dem Rücken gewesen? Schon am Vorabend hatte Federer klargestellt, dass es ihm wieder „hundertprozentig“ gutgehe, basta. Unter Federers Fitness und Form hatte Gasquet, der für den mental indisponierten Jo-Wilfried Tsonga als Einzelspieler auf den Platz geschickt wurde, extrem zu leiden. Um den Schweizer Maestro am Sonntag auf dem Stadionsand zu besiegen, hätten die Franzosen schon einen wie Rafael Nadal aufbieten müssen. Aber der ist bekanntlich nicht nur angeschlagen, sondern auch Spanier.

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          Erstmals holt das Schweizer Team diese Trophäe :

          Die Grundlage für den Gesamtsieg hatten Federer und Wawrinka tags zuvor geschaffen, als sie ein so harmonierendes und hochklassiges Doppel spielten, wie es selbst diesen beiden Einzelkönnern kaum zuzutrauen war. Schon am Samstag war bei der Nummer eins von Rückenbeschwerden nicht mehr zu sehen – Federer servierte souverän wie eh und je. Sein kongenialer Kumpel Wawrinka zeigte wie bei seinem Auftakterfolg gegen Tsonga, dass er über einen starken Return und die famoseste Rückhand auf der Profitour verfügt.

          „Es war wichtig, aggressiv zu sein und auf dem Platz zu zeigen, dass wir die Führung übernehmen wollen“, sagte Wawrinka nach dem 6:3, 7:5 und 6:4-Erfolg gegen Julien Benneteau/Richard Gasquet. Da konnten die Franzosen nur staunen über das Doppel, das zwar 2008 in Peking olympisches Gold gewann, zuletzt aber viermal nacheinander verloren hatte: „Sie haben sehr interessante Kombinationen gespielt. Das war beeindruckend“, sagte Gasquet.

          „Das beste Doppel, das wir je gespielt haben“

          Dahinter steckt kein Wunder, sondern eine pfiffige Idee. Der Schweizer Kapitän Severin Lüthi hatte sich fachliche Verstärkung ins Team geholt. David MacPherson, Trainer der fabelhaften Bryan-Brüder, gab wertvolle Tipps aus dem Erfahrungsschatzkästlein des besten Doppels der Tennisgeschichte. „Wir waren perfekt vorbereitet“, sagte Federer, „das war wohl das beste Doppel, das wir je gespielt haben.“

          Frankreichs Kapitän Arnaud Clement hatte zwar auch einen guten Einfall gehabt, als er seine Profis vor dem Finale wochenlang in Bordeaux auf einem Sandplatz wie im „Stade Pierre Mauroy“ vorbereitete. Doch Clement musste letztlich anerkennen: „Die Schweizer Spieler haben so viel Klasse, dass sie unsere Spieler unter Druck setzen konnten.“ Dabei trat auch die Nummer zwei auf wie ein sportlicher Anführer. Nach einer Krise im Spätsommer hatte Wawrinka pünktlich zum Saisonfinale sein Selbstvertrauen und damit seine spielerische Stärke wiedergefunden.

          Wawrinka muss nicht mehr zum Schläger greifen

          „Ich spiele richtig gutes Tennis und fühle mich auf dem Platz großartig“, sagte der 29-Jährige. Zu Beginn des Jahres gewann Wawrinka bei den Australian Open seinen ersten Grand-Slam-Titel, am Ende der Saison den Davis Cup – viel besser hätte es nicht laufen können für den Lausanner. Nur ein weiteres Davis-Cup-Einzel gegen Monfils wäre noch schön gewesen. Aber weil Federer den entscheidenden dritten Punkt schon geholt hatte, brauchte Wawrinka am Sonntag nicht mehr zum Schläger greifen, sondern sogleich zur Silberschüssel. Es gibt schwerere Übungen, aber wenige schönere.

          Gewinner Davis Cup seit 1900 nach Zahl der Erfolge

          Vereinigte Staaten 32 (1900-02,13, 20-26, 37, 38, 46-49, 54, 58, 63, 68-72, 78, 79, 81, 82, 90, 92, 95, 2007)
          Australien 28 (1907-11, 14, 19, 39, 50-53, 55-57, 59-62, 64-67, 73, 77, 83, 86, 99)
          Frankreich 9 (1927-32,91,96,2001)
          Großbritannien 9 (1903-06,12,33-36)
          Schweden 7 (1975,84,85,87,94,97,98)
          Spanien 5 (2000,04,08,09,11)
          Deutschland 3 (1988,89,93)
          Tschechien 3 (1980,2012,13)
          Russland 2 (2002,06) Schweiz 1 (2014)
          Serbien 1 (2010)
          Kroatien 1 (2005)
          Italien 1 (1976)
          Südafrika 1 (1974)

          Kein Davis Cup in den Jahren 1915-1918 und 1940-1945

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