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Alexander Zverev : Die Zukunft muss warten

  • -Aktualisiert am

Es hat nicht gereicht: Alexander Zverev verliert gegen Lukas Rosol. Bild: dpa

Teenager Alexander Zverev hätte beinahe für eine Sensation im Davis Cup gesorgt. Am Ende scheitert er, die Hoffnungen aber projizieren sich nur auf ihn.

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          Plötzlich wurde es hektisch. Die deutsche Mannschaft steckte in der Box die Köpfe zusammen, diskutierte fieberhaft. Und Alexander Zverev spurtete sofort mit zwei Betreuern zurück in die Umkleidekabine in den Katakomben der Messehalle von Hannover. Auf einmal war die Hoffnung wieder da. Denn Tomas Berdych hatte sich am rechten Oberschenkel verletzt, damit war nicht zu rechnen gewesen.

          Eigentlich schien die Lage am Sonntag vor dem dritten Einzel im Davis Cup recht aussichtslos für die Deutschen, die bereits 1:2 zurücklagen. Philipp Kohlschreiber ging mit einer Bilanz von 1:8 Siegen in die Partie gegen den Weltranglistensiebten aus Tschechien. Wenig sprach nach seinen durchwachsenen Auftritten an diesem Wochenende für den 32-jährigen Augsburger. Doch nun war Berdych gehandicapt, beim Stand von 3:6 und 5:7 gab der Zweimetermann schließlich auf. 2:2 - alles war wieder offen.

          Und so eröffnete sich die große Chance für Zverev zum neuen Tennis-Heroen zu avancieren, durch einen Sieg im entscheidenden Spiel gegen Lukas Rosol. Enormer Druck, doch diese prickelnden Momente gefallen dem 18-jährigen Hamburger besonders. Nervenflattern kennt er nicht. Gegen Berdych hatte Zverev am Freitag ein beeindruckendes Debüt für Deutschland hingelegt, das er knapp in fünf Sätzen verlor.

          Und während einer wie Kohlschreiber nach einem mäßigen Match gerne sagt: „Ich bin zufrieden“, ärgert sich Zverev selbst nach einer starken Leistung immer mächtig über jede Niederlage. Aus diesem Holz sind Champions geschnitzt, und Zverev hat das Potential, einer zu werden. Am Sonntag reichte es für den Teenager noch nicht zum modernen Helden-Epos. Das Debüt hatte zu viel Kraft gekostet, vor allem im Kopf.

          Er unterlag Rosol 2:6, 3:6 und 1:6, und die deutsche Mannschaft damit in dieser ersten Davis-Cup-Runde 2:3. „Ich habe alles probiert“, sagte Zverev tief enttäuscht, „aber ich habe zwei Mal verloren. Was soll ich da Positives sehen?“ Bei aller Ernüchterung lässt Zverev dennoch hoffen. Er ist einer, der das deutsche Tennis wieder in die Gegenwart holen kann. „Zverev ist einer der wenigen Jungen, denen man wirklich eine große Zukunft voraussagen kann“, lobte ihn Berdych.

          Diese Frischzellenkur ist nötig. Kohlschreiber wird bald 33 Jahre alt, seine Teamkollegen Dustin Brown (31) und Philipp Petzschner (31) sind kaum jünger. Das Gros der deutschen Spieler in den Top 200 ist fast durchweg über Dreißig oder zumindest schon Ende Zwanzig. Zudem stehen die Arrivierten wie Tommy Haas (37) und Florian Mayer (32) mit anderthalb Beinen im Ruhestand. Doch es liegt nicht allein am fortgeschrittenen Alter, das Niveau ist eben nur Durchschnitt. Und so überrascht es kaum, dass man inzwischen Zielscheibe der Spötter geworden ist.

          Tomas Berdych konnte gegen Philipp Kohlschreiber nicht weitermachen.

          Das „Handelsblatt“ schrieb neulich in einer Weinkritik eines Müller-Thurgau vom Discounter: „Ähnlich wie deutsches Herrentennis: international völlig irrelevant, aber für einen Samstagnachmittag durchaus unterhaltsam.“ So weit ist es gekommen im einstigen Becker-Land. Und begonnen hatte das Wochenende auch mit einem Schuss Tennisnostalgie. Boris Becker machte zwischen den Aufzeichnungen für zwei Fernsehshows einen kurzen Abstecher nach Hannover. Er winkte in die Menge, und die Halle tobte. Als Trainer des weltbesten Spielers Novak Djokovic kennt Becker seit zwei Jahren vor allem die Sonnenseite der Szene. Wie schattig es dagegen hierzulande oft war, bekam der 48-Jährige aus Leimen nur am Rande mit.

          Zumindest bei den Frauen ist nach dem Überraschungserfolg von Angelique Kerber in Melbourne neuer Schwung im Spiel, doch auch dort belegten die verheerend schwachen Einschaltquoten im Anschluss beim Auftritt des Fed-Cup-Teams in Leipzig, dass ein deutscher „Ker-Boom“ kein Selbstläufer ist. Auch der Davis Cup schaffte es nicht aus dem Quotentief. Und in die Messehalle kamen im Schnitt 5000 Zuschauer an jedem der drei Tage, ausverkauft war es längst nicht. Die Stimmung war dem zuständigen Discjockey derart lahm, dass er beim ersten Spiel von Kohlschreiber „Deutschland, Deutschland“-Rufe samt Applaus vom Band einspielte.

          Fragende Blicke: Kohlschreiber (l.) und Petzschner wissen gegen die starken Tschechen nicht weiter

          Bundestrainer Michael Kohlmann gibt sich allerdings seit einem Jahr große Mühe, das Bestmögliche aus dieser schwierigen Übergangsphase zu machen. Und es ist dem ehemaligen Doppelspezialisten hoch anzurechnen, dass es ihm in seiner ruhigen und lockeren Art gelang, die traditionellen Streitereien im Team zu befrieden. Zudem ist er uneitel genug, um Zugeständnisse zu machen. Zverevs Vater durfte die Woche über beim Team bleiben. Von Interviews und Anfragen wurde der Teeanger konsequent abgeschottet, aber lange wird das so nicht mehr gehen. Doch Zverev ist schon sehr viel reifer, professioneller und abgezockter als die meisten seiner Altersgenossen und bereits die Nummer 58 der Welt. Doch so golden Zverevs Zukunft auch scheint, er braucht einfach noch ein bisschen mehr Zeit.

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