https://www.faz.net/-gtl-7hiyu

Davis Cup : Deutschland bleibt in der Weltgruppe

  • -Aktualisiert am

Der Ersatzmann als Matchwinner: Daniel Brands besiegt den brasilianischen Spitzenmann Bild: dpa

Davis-Cup-Team-Kapitän Arriens liegt mit seiner Wahl richtig: Der für den erkrankten Spitzenspieler Kohlschreiber eingesprungene Ersatzmann Brands sichert dem deutschen Tennis-Team den Klassenverbleib.

          3 Min.

          Die meisten Davis-Cup-Kapitäne gebrauchen ihre Hände normalerweise nur zum Applaudieren. Ist einem ihrer Spieler ein spektakulärer oder bedeutender Punktgewinn gelungen, springen sie von der Bank auf und klatschen begeistert Beifall.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Oder, falls die Sache andersherum gelaufen ist und der Gegner Großes geleistet hat, muntern sie ihren Spieler klatschend auf. Ausnahmsweise gebrauchen die Teamchefs ihre Hände darüber hinaus, um bei strittigen Schiedsrichterentscheidungen damit in der Luft herumzufuchteln. Carsten Arriens ist anders.

          Der deutsche Kapitän gehört, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Patrik Kühnen, nicht zu den großen Claqueuren in eigener Sache. Aber am Sonntag Schlag 15 Uhr wusste Arriens gar nicht, wohin mit seinen Händen: Erst umarmte er seinen Siegertypen Daniel Brands, ehe er ihm dutzendfach auf den Rücken schlug, eine Deutschland-Fahne in die Hand drückte und auf die Ehrenrunde schickte.

          Der Davis-Cup-Debütant, der kurzfristig für den erkrankten Philipp Kohlschreiber eingesprungen war, hatte nach seinem 6:4-, 6:2- und 6:3-Sieg gegen Tomaz Bellucci das 3:1 im Relegationsspiel gegen Brasilien sichergestellt.

          „Daniel ist ein so guter Junge“

          Das bedeutungslose Abschlusseinzel gewann Florian Mayer gegen Rogerio Dutra Silva 6:4, 6:4 und erhöhte zum 4:1-Endstand. „Daniel ist ein so guter Junge und hat seine Aufgabe großartig gelöst“, sagte der Teamchef, nachdem der Verbleib in der Weltgruppe der besten sechzehn Teams feststand. Beifall also für Brands, Applaus für Arriens.

          Der gewöhnlich mit Gesten sparsame Arriens hatte in Neu-Ulm alle Hände voll zu tun. Zum Beispiel, um einen angespannten Tennisprofi wie Kohlschreiber bei dessen Eröffnungseinzel ruhigzustellen. Wie Arriens während eines Seitenwechsels vor seinem Spitzenspieler hockte und ihm die linke Wade massierte, auch das gehört zu den Bildern dieses erfolgreichen Davis-Cup-Wochenendes.

          Kohlschreiber mit Magen-Darm-Problemen

          Die Heilkräfte des ausgebildeten Gesundheitscoaches Arriens waren allerdings am Sonntagvormittag an ihre Grenzen geraten, als Kohlschreiber unter Magen-Darm-Problemen litt und meinte, nicht zum Einzel gegen Bellucci auflaufen zu können. Die Beschwerden seien schon am Freitag im Laufe seines Auftakterfolges gegen Rogerio Dutra Silva aufgetreten und hätten ihn „viel Kraft gekostet“, sagte Kohlschreiber, der in aller Früh einen Trainingsversuch unternommen hatte, aber letztlich abwinkte wie schon das eine oder andere Mal zuvor.

          Nachdem er im Februar vergangenen Jahres erkrankt den Weg nach Bamberg zur Erstrundenpartie gegen Argentinien gescheut hatte und sein Mitspieler Tommy Haas darauf öffentlich schnippisch reagiert hatte, begannen jene Turbulenzen, die letztlich Teamchef Kühnen aus dem Job beförderten. Er habe nicht garantieren können, „dass ich eventuell über fünf Sätze gehen kann“, begründete Kohlschreiber seinen abermaligen Verzicht.

          Brand behält im Alleingang die Nerven

          „Es war körperlich nicht fit, es gibt überhaupt keinen persönlichen Hintergrund“, erklärte Arriens zur „Causa Kohli“. Der Rückzieher des einen Bayern erlaubte einem anderen, von der Aushilfskraft zum gefeierten Matchwinner aufzusteigen. Der Deggendorfer Brands, dessen Davis-Cup-Debüt tags zuvor im Doppel mit Martin Emmrich misslungen war (3:6, 4:6, 4:6 gegen Bruno Soares und Marcelo Melo) behielt im Alleingang die Nerven und besiegte Bellucci nach Startschwierigkeiten überzeugend.

          Wie gut, dass der Sechsundzwanzigjährige sein Lampenfieber schon tags zuvor hinter sich gebracht hatte. „Es war wichtig für mich, dass ich die Atmosphäre schon gewohnt war“, sagte der 60. der Weltrangliste, „sonst hätte ich mich schwerer getan.“ Arriens hatte bei der Nominierung also ein gutes Händchen bewiesen, auch wenn sich die brasilianischen Einzelspieler als recht schwach entpuppten.

          „Carsten führt die Gespräche nicht emotional“

          Der Kapitän aus Köln, der seinen Job im vergangenen November begann und dessen Pflichtspielstart drei Monate später bei der 0:5-Erstrundeniederlage in Argentinien schief ging, ist es bei seinem Heimdebüt gelungen, eine interne Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, die zum Klassenverbleib beigetragen hat. „Der Teamgeist ist richtig gut, es war eine schöne Woche“, sagte Brands.

          Selbst Kohlschreiber war zufrieden: „Carsten führt die Gespräche nicht emotional. Auf seine Art und Weise gibt er uns Rückhalt.“ Seine Autorität bezieht der Vierundvierzigjährige nicht aus einem aufsehenerregenden Auftreten, sondern aus seinem Denken und Handeln. So hat er stets ein offenes Ohr für die Spieler. Allen voran die beiden erfahrenen Mayer und Kohlschreiber konnten in den zurückliegenden Tagen ihre Wünsche einbringen – ob beim Training in der Vorbereitung oder beim Coaching auf dem Platz.

          „Es gibt ein klares Motto“

          Obwohl Arriens in den Pausen gewöhnlich ruhige Ansprachen wählt, kann er auf Wunsch auch anders. „Philipp zum Beispiel möchte es, dass er auf der Bank Zeit hat zum Relaxen“, sagte der Teamchef, „es kann also auch lustig zugehen.“ Arriens erträgt sogar die Spitzen von außen mit größtmöglicher Ruhe.

          Die jüngst vom früheren Tennisprofi und heutigen Fernsehexperten Nicolas Kiefer verbreitete Ansicht, dass die deutsche Auswahl einen Umbruch benötige, konnte nur den – neben Kohlschreiber – gemeinten Mayer aus der Fassung bringen. Teamchef Arriens quittierte die mehr oder weniger unverhohlene Kritik an seiner Nominierung auf seine Art. Lächelnd sagte er lässig: „Es gibt ein klares Motto: Im Davis Cup spielen die Besten, und wenn unsere Topspieler älter sind, dann spielen sie.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Werder Bremen: Pure Freude

          Werder bleibt in Bundesliga : Mit Ach und Krach

          „Scheiß Saison, gutes Ende“: Werder bleibt der Fußball-Bundesliga doch noch erhalten, Trainer Florian Kohfeldt ist einfach nur froh. Beim 1. FC Heidenheim genügt den Bremern ein 2:2-Remis, sie profitieren von einem kuriosen Eigentor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.