https://www.faz.net/-gtl-87za0

Davis Cup in der Karibik : Party, Blitz und Donner

  • -Aktualisiert am

Victor Estrella Burgos freut sich auf die karibischen Tennis-Fans: „Sie singen, sie tanzen“ Bild: dpa

Alles andere als ein Sieg wäre eine Überraschung. Aber man weiß nie: das deutsche Davis-Cup-Team erwartet in der Dominikanischen Republik eine spezielle Tennis-Party.

          3 Min.

          Die Arbeitseinheit war beendet. Victor Estrella Burgos drückte auf die Taste eines kleinen Lautsprechers, entledigte sich zum Merengue, der traditionellen Musik seines Landes, eines Teils seiner durchgeschwitzten Klamotten, wrang Socken und T-Shirt aus und ließ sich dann zum Dehnen der Muskulatur auf einem Handtuch nieder. Während er lag, sang er ein Lied mit, gab den Blick auf diverse Tattoos an den Waden und an der Hüfte frei, tippte ein paar Nachrichten in sein Handy und machte den Eindruck, als sei er sehr lässig eins mit sich und der Welt.

          Diesen Freitag wird er nicht ganz so locker sein; der Mann weiß sehr gut, welche Bedeutung seine Leistung beim Play-offspiel im Davis Cup gegen Deutschland hat. Estrella Burgos ist mit weitem Abstand der beste Tennisspieler der Dominikanischen Republik, aktuelle Position in der Weltrangliste 57, und wenn sein Team auch nur den Hauch einer Chance haben will, dann muss er liefern. Seine letzte Niederlage im Einzel im Davis Cup bei einem Heimspiel im Tenniszentrum Parque del Este liegt mehr als fünf Jahre zurück, und mit seinen Siegen gewann jeweils auch die ganze Mannschaft.

          Estrella Burgos: „Für uns wäre es unglaublich“

          Mit einem Erfolg gegen Ecuador landete die Dominikanische Republik in diesem Jahr zum ersten Mal im Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die Weltgruppe. Theoretisch könnte man sagen: Alles andere als ein Sieg der Deutschen mit Philipp Kohlschreiber, Debütant Dustin Brown, Benjamin Becker und Philipp Petzschner wäre eine riesengroße Überraschung. Aber im Davis Cup passieren manchmal Dinge, die man nicht für möglich hält; wer hätte sich vorstellen können, dass die Schweiz mit Roger Federer und Stan Wawrinka in einem Heimspiel gegen Kasachstan am Rande einer Niederlage steht, wie im vergangenen Jahr im Viertelfinale geschehen?

          Victor Estrella Burgos (l.) und Jose Hernandez (r.): Wenn sie gegen Deutschland gewinnen, ist wochenlang Party in Santo Domingo

          Estrella Burgos sieht die Sache so: „Für uns wäre es unglaublich, wenn wir es schaffen könnten. Ich müsste meine beiden Einzel gewinnen, José müsste ein Einzel gewinnen, im Doppel haben wir keine Chance. Für mich und für den Verband ist das jedenfalls eine tolle Chance, den Leute zu Hause zu zeigen, dass wir Tennis spielen können.“ Der erwähnte José ist der zweitbeste Mann des Landes, trägt den klangvollen Nachnamen Hernandez-Fernandez und steht in der Weltrangliste auf Platz 200.

          Der Jüngste im Team, José Olivares, könnte mit seinen 18 Jahren fast der Sohn von Estrella Burgos sein; er gehört jedenfalls zu einer Generation, die von den Erfolgen des Routiniers inspiriert wurden.

          Tennis spielte in der Dominikanischen Republik lange Zeit kaum eine Rolle; es gab außer in den Resorts für die Touristen nur wenige Anlagen, und den meisten Familien fehlten sowohl das Interesse als auch das Geld. Fragt man Burgos Estrella, welche Tennisspieler er als Junge bewunderte, dann sagt er: „Ich kann mich nicht erinnern. Als ich klein war, gab es kaum Tennis im Fernsehen.“ Das ist inzwischen anders. Viele Landsleute empfangen den amerikanischen Sportsender ESPN und sehen die wichtigsten Tennisturniere live.

          „Tennis ist auf dem Vormarsch bei uns“

          Der beste Mann des Landes brauchte lange, bis er sich bemerkbar machen konnte. Einst ließ er seine Schläger weicher besaiten, als es ihm lieb gewesen wäre, weil die Saiten damit länger hielten und er weniger Geld für neue ausgeben musste. Zwischendurch arbeitete er eine Zeitlang als Coach, weil er nicht mehr daran glaubte, als Tennisprofi Erfolg zu haben.

          Doch über den Davis Cup fand er quasi zurück und ist inzwischen ein populärer Mann; spätestens, seit er im Februar in Quito (Ecuador) mit einem Sieg im Finale gegen den Spanier Feliciano López im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren seinen ersten Titel auf der ATP-Tour gewann. „Nachdem ich vor zwei Jahren zum ersten Mal unter die Top 100 gekommen war, hörte ich zu Hause immer öfter von jungen Leuten: Ich will auch Profi werden, was muss ich tun?“, sagt Estrella Burgos. „Tennis ist auf dem Vormarsch bei uns.“

          Nun gut, das kleine Stadion im Trainingszentrum des Verbandes im Parque del Este der Hauptstadt Santo Domingo - unweit eines monumental hässlichen Denkmals für Christoph Kolumbus - kann sich sehen lassen, auch wenn es in den Gängen bei heftigem Regen durch die Decke tropft. Und wie ist der Dominikaner als Tenniszuschauer in Form? „Sie singen, sie tanzen, sie machen alles; das sind gute Leute. Da sagt dir jeder, wie ich die Vorhand spielen soll.“

          Victor und die Seinen hatten Glück mit dem Training an diesem Tag. Kurz nachdem sie den Platz verlassen und er fröhlich versprochen hatte, im Falle eines Sieges seiner Mannschaft werde danach in der Dominikanischen Republik ein Jahr lang Party sein, begann es unter Blitz und Donner zu schütten und hörte den ganzen Tag nicht mehr auf. Merengue und andere Vergnügungen fanden danach im Saale statt.

          Weitere Themen

          40-Millionen-Dollar-Sklaven

          FAZ Plus Artikel: Amerikanischer Profi-Sport : 40-Millionen-Dollar-Sklaven

          Schwarz die Spieler, weiß die Klubbesitzer: In Amerikas großen Profiligen NBA und NFL hat sich wenig an den Machtverhältnissen geändert. Viele Vorurteile funktionieren auch 70 Jahre nach dem schrittweisen Abbau der Rassenschranken.

          Münchner Skateboarder will zu Olympia Video-Seite öffnen

          Für den Libanon : Münchner Skateboarder will zu Olympia

          Ali Khachab ist Münchner, doch bei den Sommerspielen 2020 in Tokio will er für den Libanon an den Start gehen, die Heimat seiner Vorfahren. Der 28-Jährige ist Skateboarder, und davon gibt es im Libanon nur sehr wenige.

          Topmeldungen

          Tesla-Fabrik in Deutschland : Angriff im Heimatmarkt

          Für die deutschen Autohersteller wird der Wettbewerb noch schwieriger, wenn Tesla in Brandenburg eine große Fabrik baut. Ein Selbstläufer ist das Projekt allerdings nicht – Tesla muss sich auf einen harten Wettkampf einstellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.