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Davis Cup: 0:3 gegen Frankreich : Das schwache Geschlecht

  • -Aktualisiert am

Schatten auf Sand: Kapitän Kühnen (r.) bringt Kas und Petzschner (m.) nicht in Schwung Bild: AFP

Keine Chance für die deutschen Tennis-Herren: Christopher Kas und Philipp Petzschner verlieren gegen Jo-Wilfried Tsonga und Michael Llodra. Die deutschen Tennis-Herren stehen im Schatten der glänzend aufspielenden Landsfrauen.

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          Schon wieder diese Frage! Was die deutschen Tennisherren seit Wochen erleben, ist eine Neuauflage der alten Geschichte von dem Hasen und dem Igel: Wo auch immer sie hinkommen, allein als Turnierspieler oder gemeinsam als Nationalmannschaft, da lauert sie bereits, ein und dieselbe Frage. Sie wird mal so, mal so formuliert, aber ihr Kern lautet stets gleich: Wie fühlt man sich als leidlich erfolgreicher deutscher Tennisprofi, wenn man im Schatten der glänzend aufspielenden Landsfrauen steht?

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Florian Mayer hat diese Frage in Stuttgart zum x-ten Male gehört, aber er seufzt nicht, er verdreht nicht die Augen, sondern gibt eine jener Standardantworten, wie sie von den Herren des Deutschen Tennis Bundes (DTB) seit Wochen zu hören sind. „Unsere Mädels haben eben bei großen Turnieren überzeugt. Uns ist das leider nicht gelungen“, sagt Mayer. Der Bayreuther hat im Frühjahr in bestechender Form gespielt, sich bis auf Weltranglistenplatz 18 hochgearbeitet, die höchste Notierung seiner Karriere. Mit der Nationalmannschaft hat er im Mai den World Team Cup gewonnen und den favorisierten Franzosen im Davis-Cup-Viertelfinale über zwei Tage einen harten, aber vergeblichen Kampf geliefert. Aber wen interessiert´s schon groß?

          Im deutschen Tennis werden die Herren seit geraumer Zeit als das schwache Geschlecht wahrgenommen. Während Andrea Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki in den vergangenen Monaten bei Grand-Slam-Turnieren weit vorgestoßen sind, haben ihre männlichen Kollegen reihenweise Schlappen erlebt. Bei den French Open gewann keiner der aktuellen Nationalspieler mehr als ein Spiel, in Wimbledon gingen sie komplett leer aus und sorgten für das schlechteste Abschneiden seit 24 Jahren.

          Die blaue Wand: Tsonga und Llodra (r.) lassen dem deutschen Doppel keine Chance

          Das Davis-Cup-Heimspiel in Stuttgart hätte für die Herren zu einem kleinen Saisonhöhepunkt getaugt. Doch weil Philipp Petzschner und Christopher Kas im Doppel am Samstag Michael Llodra und Jo-Wilfried Tsonga 6:7 (4:7), 4:6 und 4:6 unterlagen und damit beim Zwischenstand von 0:3 das Viertelfinalaus des deutschen Teams feststeht, war auch die nächste Chance auf etwas Aufmerksamkeit dahin. Zwar hatten tags zuvor Mayer (6:4, 6:4, 5:7, 3:6, 3:6 gegen Richard Gasquet) und Philipp Kohlschreiber (6:7, 6:7, 4:6 gegen Gael Monfils) gegen deutlich besser eingestufte Profis gute Einzel-Leistungen gezeigt; aber im „Aktuellen Sportstudio“ saß am Samstagabend keiner der Herren der Schöpfung, um über den gegen Frankreich geplatzten Halbfinaltraum zu parlieren, sondern Sabine Lisicki, die kürzlich in Wimbledon stark auftrumpfte, in die Runde der letzten vier einzog und das neue deutsche Fräuleinwunder erfolgreich fortschrieb.

          „Die Frauen machen es uns ganz klar vor“, sagt der frühere Davis-Cup-Spieler Nicolas Kiefer, der am Samstag in Stuttgart vom DTB für sein Lebenswerk ausgezeichnet und verabschiedet wurde: „Sie ziehen alle an einem Strang, das fehlt bei den Männern.“ Über den kleinen Unterschied zwischen den Geschlechtern wird heiß diskutiert in diesem deutschen Sportsommer. Entzündet hat sich die Auseinandersetzung, inwieweit die Erfolge von Frauen und Männern in ihren jeweiligen Sportarten miteinander zu vergleichen sind, anhand der Frauenfußball-WM. Doch stellt sich die Frage auch im Tennis. „Bei den Damen wurden Petkovic, Görges und Lisicki nacheinander als neue Steffi Graf gefeiert“, sagt Kiefer. Dagegen hält der frühere Profi seine Nachfolger für blass, zumal im Vergleich mit den extrovertierten Franzosen Monfils und Tsonga: „Es fehlen die Typen.“

          Das Publikum scheint es in Stuttgart, eine Art Brennpunkt dieses Tennisjahres, ähnlich zu sehen: In der schwäbischen Metropole gelang den Fed-Cup-Damen im April der Aufstieg in die Weltgruppe, vor 3000 Fans, die vor der Haustür jene Spielerinnen erleben wollten, die sich andernorts in den Mittelpunkt gespielt hatten. Beim direkt anschließenden WTA-Turnier zogen vier deutsche Damen ins Viertelfinale ein; als Julia Görges das Endspiel gewann, waren die 4300 Plätze in der Arena ausverkauft - trotz Osterferien. Die DTB-Herren spielen beim Klassiker gegen Frankreich an diesem Wochenende vor halbleeren Rängen - und vor französischen Hundertschaften, die mit ihren Tröten und Fangesängen den Ton vorgeben.

          „Natürlich wünschen wir uns bei einem Davis-Cup-Viertelfinale mehr Zuschauer“, sagt Teamchef Patrik Kühnen, ein Heimspiel gegen Frankreich sei schließlich „etwas besonderes“. Das haben nicht viele gemerkt. Boris Becker, der immer noch als Experte gilt, kann nicht einmal alle Namen der deutschen Spieler richtig buchstabieren. Vor dem Davis-Cup-Doppel am Samstag twitterte er: „Petchner und Kas, auf geht's!“ Und als sich der Betreuer des besten deutschen Spielers für den Davis Cup akkreditieren wollte, wurde nach dem Karteikärtchen des Trainers von „Tobias Mayer“ gesucht. Es ist nur zwei kleine Anekdoten vom Rande dieses Tenniswochenendes. Aber sie zeigen, dass die DTB-Herren sich in der breiten Öffentlichkeit immer noch keinen Namen gemacht haben. Dagegen erscheint es in diesen Tagen schwer vorstellbar, dass bei einem deutschen Damenturnier nach dem Coach einer Angelika Petkovic oder eine Sibylle Lisicki gefahndet würde.

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