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Erste WM in Asien : Das Rugby-Feuer der Japaner soll weiter brennen

  • -Aktualisiert am

Tränen nach dem Viertelfinal-Aus: Nicht nur die japanischen Spieler Yutaka Nagare (links) und Lomano Lava Lemeki haben sich in die WM in Japan verliebt. Bild: AP

Das Experiment ist aufgegangen: Der internationale Rugby-Verband wertet die Weltmeisterschaft in Asien als wertvoll für sein globales Wachstum. Japan ist infiziert durch den Sport.

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          Ben Tameifuna ist eine furchteinflößende Gestalt. Mit seinen 155 Kilogramm war der Abwehrspieler aus Tonga der schwerste aller Spieler der diesjährigen Rugby-Weltmeisterschaft und deshalb von keinem Angreifer gerne gesehen. Vor dem letzten Gruppenspiel im südlichsten Austragungsort Kumamoto hatte eine Schulklasse das Abschlusstraining der Tongaer besucht, und als einer der Erstklässler sich aus seiner Gruppe löste, um Big Ben zu umarmen, da hatte diese WM ihre große Geste. Höflichkeit und Respekt stehen in Japan im höchsten Rang. Einen Fremden umarmen ist selbst bei Kindern selten. Doch für die Rugby-Welt und ihre Helden hatte Japan buchstäblich seine Arme geöffnet.

          Die Rugby-WM und Japan, das war von den ersten Gruppenspielen an eine außergewöhnliche Liebesbeziehung, die an diesem Samstag mit dem Finale zwischen England und Südafrika (10 Uhr/ live bei ProSiebenMAXX und ran) nach 44 Tagen endet. Kaum ein Tag, an dem sich nicht eine Zeitung der großen Rugby-Nationen vor den Ausrichtern verbeugte und den Japanern für ihren Überschwang, ihre herzliche Gastfreundschaft, ihre perfekte Organisation und letztlich auch für ihr Auftreten voller Fairness und Sportlichkeit gelobt hätte. Der neuseeländische Trainer Steve Hansen sagte noch vor dem Viertelfinale: „Du bekommst eine Energie, die Leute wollen einfach, dass du hier bist.“ Und weiter: „Ich war im Stadion, als die Japaner Irland besiegt hatten. Noch dreißig Minuten nach dem Spiel standen die Japaner auf den Tribünen und feierten. Das ist großartig für die kleinen Kinder hier, die das Spiel spielen möchten, und deshalb auch großartig für Rugby allgemein.“

          Auf dem Weg zur Rugby-Nation

          Japan als Ausrichter des angeblich drittgrößten Sport-Events der Welt war für den Dachverband World Rugby anfänglich alles andere als eine sichere Bank gewesen. Als das Turnier vor genau zehn Jahren erstmals nach Asien vergeben worden war, da hatte Japan zwar an allen Weltmeisterschaften seit 1987 teilgenommen, dabei aber lediglich einmal gewinnen können. Zwei Jahre später bei der WM in Neuseeland verlor Japan alle Vorrundenspiele und schied als schlechtestes Team des Turniers aus. Vor einer Woche dann – Japan und sein Team wurden längst von allen überschwänglich gefeiert – erklärte Bill Beaumont, Chef von World Rugby, stolz: „Es war eine mutige Entscheidung, dieses Turnier nach Japan zu geben, aber wir haben die Gelegenheit zur Erschließung des Rugby-Potentials in Japan und damit des Potentials des bevölkerungsreichsten und jugendlichsten Kontinents der Welt erkannt und sehen uns nun in unserer Entscheidung gerechtfertigt.“

          Wann immer die „Brave Blossoms“, Japans Rugby-Nationalteam, bei diesem Turnier wieder einen der Großen mit Schnelligkeit, Flexibilität und exzellenter Pass-Technik geschlagen hatten, fielen die Worte „Stolz“ und „Wachstum“. Und tatsächlich stellt sich in Japan nun die Frage, ob das Rugby-Feuer auch über diese WM hinaus weiter brennen kann. Zwar ist die japanische Top-League immer noch ein Wettbewerb auf Amateurniveau und wird Rugby auch in den Tageszeitungen normalerweise erst hinter Baseball, Sumo und Fußball erwähnt. Doch ansonsten haben die Japaner viel von dem zu bieten, was im Rugby so begehrt ist.

          Verbeugung vor dem Publikum: Das japanische Team verabschiedet sich stilvoll nach dem Viertelfinal-Aus. Bilderstrecke

          Mit 1522 Rugby-Vereinen belegen sie weltweit Platz fünf und mit 122.368 aktiven Spielern im selben Ranking Platz sechs. Die Zahl der Rugby-Spieler hat sich in den vergangenen vier Jahren nahezu verdreifacht. Auch deshalb und erst recht nach dem überzeugenden Auftritt der Japaner bei dieser WM wird es deshalb Zeit, dass Japan in den Kreis der großen Rugby-Nationen aufgenommen wird. Ein erstes Zeichen ist wohl, so berichteten neuseeländische Zeitungen kürzlich, dass Japans einziges Profi-Team, die Sunwolves, nun doch in der Vereinsliga der südlichen Hemisphäre, Super Rugby, verbleiben können. Doch viel wichtiger ist, ob das Nationalteam demnächst in einer der großen Turnierserien, entweder den Six Nations oder der Rugby-Championship, mitspielen wird. Laut Agustín Pichot, dem Vizepräsidenten von World Rugby, könnte Japan in weniger als zwei Jahren an der Rugby-Championship teilnehmen. Der Argentinier hofft, in den nächsten sechs Monaten einen strategischen Plan für Japan und die Championship zu haben. Die Argumente für Japan, so Pichot, lägen auf dem Tisch: begeisterndes Rugby, Siege über Schottland und Irland und vor allem 60 Millionen Fernsehzuschauer.

          Es ist nun an World Rugby, Japan dabei zu unterstützen, mit seiner Rugby-Kultur voranzukommen. In Bezug auf die Finanzen und auf eine stabile Liga in Japan sagte Pichot: „Japan ist in vielen Bereichen des Rugby deutlich besser aufgestellt als Argentinien.“ Für sein globales Wachstum, so schrieb es die englische „Times“ kürzlich, brauche World Rugby Japan viel dringender als umgekehrt.

          Gary Gold hat selbst viele Jahre in Japan als Rugby-Trainer gearbeitet und verwies kürzlich auf die Vorreiterrolle Japans für die Modernisierung der weltweiten Rugby-Strukturen: „Für uns ist Japan aus so vielen Gründen ein einzigartiges Vorbild“, sagte der jetzige Coach der amerikanischen Rugby-Nationalmannschaft. „Ihre unglaubliche Weltmeisterschaft hat uns darin bestärkt, dass die Vereinigten Staaten ein Anwärter auf die Rugby-WM 2027 sein müssen. Wenn World Rugby das Spiel wirklich ausbauen will, müssen sie jetzt auf anderen Kontinenten mit ihrer Strategie fortfahren.“ Für Japan hatte kürzlich ein großer englischer Rugby-Blog eine noch viel ambitionierte Zukunft ins Spiel gebracht. Dort schrieb ein Autor: „Stellt euch vor, Japan nimmt an den Six Nations teil, und ihre Spiele werden im Berliner Olympiastadion ausgetragen.“

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