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IOC unterstützt Stepanowa : Geld allein reicht nicht

Bekommt ein Stipendium vom IOC: Whistleblowerin und Leichtathletin Julija Stepanowa Bild: AP

Noch während Olympia ging Thomas Bach so weit wie möglich auf Distanz zu den Enthüllern des russischen Staatsdopings. Nun will er dem Ehepaar Stepanowa helfen. Doch das IOC wird beweisen müssen, dass es ebenso viel Anstand hat wie Geld.

          Niemand habe so viel für Julija Stepanowa und ihren Mann Witali getan wie das Internationale Olympische Komitee (IOC), behauptete vor rund zehn Wochen dessen Präsident Thomas Bach – und löste Fassungslosigkeit und Empörung aus bei dem Paar aus Russland. Was niemand ahnte: Bach lobte sich und seine Organisation im Vorgriff.

          Am Montag bestätigte das IOC Berichte über eine finanzielle Unterstützung der beiden Whistleblower durch die Dachorganisation des olympischen Sports. Bach habe bei einem Treffen die im Juli angekündigte Hilfe konkretisiert. Julija werde ein Stipendium erhalten, um unbeschwert trainieren zu können. Witali solle Berater des IOC werden in Anti-Doping-Fragen und zum Schutz sauberer Athleten. Bislang hielten sich die beiden auf ihrer Flucht aus Russland und ihrer Odyssee durch Europa sowie die Vereinigten Staaten mit Zuwendungen Einzelner und rund 80.000 Euro über Wasser, die eine Spendenaktion im Internet erbracht hatte.

          Beschimpft als Vaterlandsverräter

          Die ehedem gedopte Läuferin und der ehemalige Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur haben schließlich systematisches Doping in der russischen Leichtathletik entlarvt und werden deshalb bis heute beschimpft als Vaterlandsverräter. Erst ihre Enthüllungen haben Untersuchungen durch die Welt-Anti-Doping-Agentur ausgelöst, welche die Manipulation von Leichtathletik- und Schwimm-Weltmeisterschaft in Russland sowie der Olympischen Winterspiele von Sotschi 2014 ans Licht brachten. Die Leichtathleten des Landes wurden von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen und damit auch von den Olympischen Spielen in Rio. Doch auch die Teilnahme von Julija Stepanowa am 800-Meter-Lauf in Brasilien scheiterte – am IOC.

          Zwar war die Läuferin nach Ende ihrer Sperre sportlich qualifiziert, und der internationale Leichtathletik-Verband IAAF hatte ihr den Weg zu einem Start unter neutraler Flagge geebnet. Doch Bach beharrte darauf, dass allein das Nationale Olympische Komitee Russlands Julija Stepanowa nominieren dürfe. Zugleich sprach seine Ethik-Kommission ihr die ethischen Anforderungen an eine Olympia-Teilnehmerin ab. Das IOC lud das Paar zu den Spielen ein, was die beiden als Bestechungsversuch ablehnten. Es erklärte sich auch bereit, Julija bei der Fortsetzung ihrer sportlichen Laufbahn zu unterstützen.

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          Als dann während der Spiele Hacker ins System der Welt-Anti-Doping-Agentur eindrangen und offenbar die geheim gehaltene Adresse der beiden Whistleblower in ihren Besitz brachten, bekamen es die Stepanows mit der Angst zu tun. Wenn ihnen etwas zustoße, sagte die Läuferin damals, sollten alle eines wissen: Das wäre dann kein Unfall gewesen. Bach kommentierte den Hilferuf mit dem Hinweis, er sei nicht verantwortlich für Gefahren, denen Frau Stepanowa ausgesetzt sein möge. Mehr Distanz ging nicht. Und nun die Versöhnung?

          Das wäre eine atemraubende Wende. Das IOC wird beweisen müssen, dass es ebenso viel Anstand hat wie Geld. Am besten, indem es Witali Stepanow, der seine Existenz dem Kampf gegen Doping geopfert hat, nicht nur bezahlt, sondern auch respektiert. Die Ernsthaftigkeit des IOC wird sich daran bemessen, wie viel Gehör es seinem neuesten Berater schenkt und wie viel Einfluss es ihm gewährt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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