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Olympia 2020 in Tokio : Wieso die IOC-Exekutive die Aiba ausschließen will

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Amateurboxer Artem Harutyunyan bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro Bild: dpa

Thomas Bachs IOC treibt einen Dissens auf die Spitze, der sich in den vergangenen Jahren hochgeschaukelt hat. Nun steht fest: Es wird bei Olympia 2020 geboxt – aber nicht unter der Organisation des Weltverbandes.

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          Die Empfehlung der dreiköpfigen Arbeitsgruppe an die Olympioniken war eindeutig. Diese empfahl ihren Auftraggebern vom IOC die vorläufige Aberkennung der Association Internationale de Boxe Amateure (Aiba) als Mitgliedsverband – „bis nachhaltige Verbesserungen auf den Gebieten der Führung, Ethik, Ringrichter und Urteile sowie finanzieller Stabilität und andauernder Beunruhigung erreicht worden sind“. So steht es am Ende des elfseitigen Papiers, das der IOC-Exekutive am Mittwochnachmittag in Lausanne übergeben wurde. Die Autoren: Nenad Lalovic, serbischer Präsident des Ringerweltverbands, sowie ein Finanzmanager aus Puerto Rico und eine ehemalige Eishockeyspielerin aus Finnland, alle IOC-Mitglieder.

          Auf der Bühne der großen Sportpolitik sind die Flurschäden gravierend. Das olympische Boxturnier wird zwar auch nächstes Jahr in Tokio ausgetragen werden. Das versicherte auch IOC-Präsident Thomas Bach bei der Gelegenheit. Nur wird es erstmals nicht von der Aiba organisiert. Sondern von einer Task Force unter Leitung des Japaners Morinari Watanabe, Präsident des Weltturnverbands, der am Donnerstag sagte, er sei „total unvorbereitet“ und überblicke die Situation „noch nicht vollständig“. Erst nach den Spielen von Tokio soll geprüft werden, ob die Aiba Fortschritte bei der internen Erneuerung gemacht hat.

          Damit treibt Bachs IOC einen Dissens auf die Spitze, der sich in den vergangenen Jahren hochgeschaukelt hat. Das IOC war nicht amüsiert, als Nachrichten über die Manipulation der Punkturteile beim Turnier in Rio die Runde machten; sämtliche Juroren wurden damals ausgewechselt. Und sie drohten recht direkt mit Verbannung, als Ende 2018 mit Gafur Rachimow ein Usbeke Präsident der Aiba wurde, der wegen angeblicher, organisierter Kriminalität auf einer schwarzen Liste der amerikanischen Finanzbehörden steht. Auch nach dessen Rücktritt im Frühjahr beharrte man seitens des IOC darauf, von der Aiba Belege für tiefgreifende Reformen vorgelegt zu bekommen. Sie kamen, wurden jedoch als nicht ausreichend eingestuft.

          Die Mini-Kommission, die mit unabhängigen Wirtschaftsprüfern zusammenarbeitete, stieß sich an manchem Aiba-Funktionär, der trotz eventueller Verwicklung in die Entscheidungen von Rio noch hohe Ämter bekleidet – allen voran Interimspräsident Mohamed Moustahsane. Außerdem wähnt sie den zurückgetretenen Rachimow weiter als stillen Lenker im Hintergrund. Nicht zuletzt ist sie auch von der Konsolidierung der Finanzen wenig überzeugt: die horrenden Schulden des Verbands (jetzt noch 16 Mio. Dollar) seien durch Lizenz-Deals mit den Kreditgebern eher vertagt als wirklich abgebaut. Dieses Problem würde durch die Empfehlung der Arbeitsgruppe allerdings deutlich größer: Auch die Tantiemen für die Spiele 2020 (über 18 Mio. Dollar) stünden der Aiba dann nicht mehr zu.

          Manches im vorgelegten Report klingt, als habe das Urteil vielleicht schon vorher festgestanden. Legte man die Kriterien der drei Kommissionäre an sämtliche Weltverbände der olympischen Sportarten an, bliebe wohl nur ein Restprogramm. Trotzdem will sich die Aiba vorerst jeden Kommentars enthalten, wie sie auf ihrer Internet-Seite in einem knappen Statement betont. Demgegenüber macht Jürgen Kyas als Präsident des Deutschen Boxverbands (DBV) und Exekutivmitglied aus seiner Verärgerung keinen Hehl: „Das werden wir uns nicht gefallen lassen, wir haben alle Forderungen erfüllt.“ Abschließend entschieden wird darüber im IOC erst Ende Juni bei der Vollversammlung. Sollte sie die Empfehlung der Exekutive übernehmen, bliebe der Aiba nur eine Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof.

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