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Das Finale der Tour : Huhn in Cola

Radrennfahrer mit Tunnelblick - das Peloton legt bei der Tour manchmal ungewöhnliche Wege zurück Bild: AFP

Die Tour de France hinterlässt auch in ihrer am Sonntag endenden 101. Auflage zwiespältige Eindrücke. Das gilt auch für den Dominator, den Sizilianer Nibali. Die Deutschen kämpfen derweil weiter gegen ihre Ausgrenzung.

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          Die Einladung in den Palazzo Chigi in Rom soll bereits zugestellt sein, Regierungschef Matteo Renzi wird es wohl als große Ehre empfinden, Vincenzo Nibali zu empfangen. Ist ja auch ein Ereignis von sporthistorischer Dimension: ein Italiener, der die Tour de France gewinnt. Hat es lange nicht mehr gegeben, die Leere reicht zurück bis 1998, bis zur Ära von Marco Pantani, der, wie nun Nibali, über allen schwebte, dessen Leben allerdings ein tragisches Ende nahm.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Es wäre nicht angebracht zu sagen, dass der Sizilianer Nibali nun den Geist Pantanis wiederbelebt haben könnte, obwohl Italiens Radsport in diesen Tagen des neuen Stolzes auch seiner gedenkt. Obwohl die Nation, wie einst bei Pantani, ganz beseelt scheint von dem Beutezug eines ihrer Radprofis, der manchem Italiener gar wie ein „CanNibali“ vorkommt. Weil er so bissig war in den vergangenen Wochen, so energisch sein Ziel verfolgte, das er – nicht zuletzt wegen seiner souveränen Machtdemonstration in den Pyrenäen – kaum noch verfehlen dürfte. Es sei denn, Nibali würde sich an diesem Sonntag bei der „Champagner-Fahrt“ nach Paris kräftig verschlucken.

          Der Mythos lebt - allen Problemen zum Trotz

          Nur noch knapp 200 Kilometer, reine Formsache eigentlich, bis zum großen Glück. Bis zu dem Moment, in dem Nibali sich im Hellblau seines Teams Astana und im Gelb der Tour auf den Champs-Élysées als Herrscher des prestigeträchtigsten Radrennens der Welt präsentieren wird, das diesmal einen frühen Spannungsverlust erlitten hatte durch die Ausfälle von Christopher Froome und Alberto Contador. Auch Frankreich wird Nibali gewiss huldigen, die Grande Nation hat sich in Sachen Tour längst an die Eroberer aus dem Ausland gewöhnt, an Spanier etwa oder an Briten. Nun gut, dann ist es diesmal eben ein Italiener. Die Tour bleibt trotzdem ein französisches Kulturgut, eine Art Nationalheiligtum, sie wird immer größer sein als die Protagonisten auf dem Rad, daran kann auch ein gefräßiger „Hai aus Messina“ nichts ändern. So sieht Frankreich das.

          Vive le Tour, vive le Velo, der Mythos lebt, allen Problemen des Radsports, allen Doping-Debatten und allen Vorbehalten, die einem im Zusammenhang mit dem Sieger in den Sinn kommen, zum Trotz. War doch wieder ein prächtiges Fest, auch weil die heimischen Profis in diesem Sommer ein überraschend hohes Tempo angeschlagen haben. Chapeau! Die Maschinerie funktioniert wie ehedem, ein Hochglanzprodukt des Radsports, mit Bildern von blühenden Landschaften. Mit Schafen in Gelb, mit Kühen, geschmückt mit Insignien der Tour. Mit hohen Tieren, die sich der Tour freudig zuwenden, wie der französische Präsident François Hollande, der es sich nicht nehmen ließ, sich neben Tour-Boss Christian Prudhomme in ein Begleitfahrzeug zu setzen. Gut fürs Geschäft, für beide Seiten, also auch für die Amaury Sport Organisation (Aso), den Veranstalter der Tour und anderer Radrennen.

          Hellblau und Gelb - die Farben des Siegers: Vincenzo Nibali beherrscht die Tour und verkörpert das alte System des Radsports

          Gerade erst, während der laufenden 101. Tour, warb die Aso für eine ihrer neuesten Errungenschaften, das „Arctic Race“ im August in Norwegen, das diesmal bis zum Nordkap führt. Expansion ist ein wesentliches Merkmal des Radsports der Gegenwart, die Globalisierung wird vehement vorangetrieben. Und so kam es der Tour jetzt auch sehr gelegen, dass Cheng Ji im Peloton aufgetaucht war – der erste Chinese überhaupt bei dieser Rundfahrt. Der Mann aus Harbin war schließlich auch für nette Geschichten gut, er erzählte zum Beispiel, dass er am Herd ziemlich gut sei, vor allem pries er seine in Cola gekochten Hähnchenflügel. Das mag nicht nach jedermanns Geschmack sein, so wie die Tour, wie der Radsport generell nicht überall auf reine Begeisterung stößt. Der Argwohn ist beträchtlich bei nicht wenigen Beobachtern, das ist – die aktuelle Tour betreffend – eng mit Nibali und seiner kasachischen Equipe verbunden, mit dem umstrittenen Teamchef Alexander Winokurow.

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