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Das Finale der Tour : Huhn in Cola

Ein überführter Doping-Sünder, ein Vertreter des alten Systems im Radsport, ein Mann, der einst mit Jan Ullrich gemeinsame Sache gemacht hatte. Winokurow, protegiert und alimentiert vom kasachischen Regime, geriert sich inzwischen zwar als Unschuldslamm, er behauptet, dass der Sport sich gewandelt habe. Das könnte, teilweise zumindest, tatsächlich so sein. Ob aber Winokurow selbst plötzlich ein anderer geworden ist?

„Die alten Köpfe“ und eine frische Generation

Der Pharmakologe Fritz Sörgel aus Nürnberg zum Beispiel mag dem Kasachen nicht so recht trauen, er betont: „Winokurow wird doch seine alten Verbindungen nicht abreißen lassen.“ Auch gegenüber Nibali, der die Tour mit spielerischer Leichtigkeit dominiert und seine Konkurrenz im Gebirge endgültig demoralisiert, hegt Sörgel eine gewisse Skepsis. Er sagt, dass ihm der Italiener ein bisschen wie ein Rennfahrer „aus der Retorte“ erscheine. Man kann auf Distanz gehen zu Nibali, zweifelsohne, allerdings gibt es keine konkrete Handhabe gegen ihn, auch nicht gegen seine direkte Umgebung. Winokurow findet deswegen, dass sein italienischer Star ein würdiger Patron dieser Tour sei, trotz „aller Polemik“, wie er hinzufügte; er meinte kritische Einschätzungen von Medien.

Das Gestern, das Heute, die „alten Köpfe“ und eine frische Generation: Das sind die Pole, zwischen denen die Tour sich bewegt. Das Rennen erzeugt dadurch zwiespältige Eindrücke. Auch ein Mann wie Sörgel tut sich schwer damit, die Lage genau zu beurteilen. Er hat festgestellt, dass die Fahrer „viel abgekämpfter ins Ziel kommen als zu Lance Armstrongs Zeiten“. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass sie „ohne große Hilfsmittel an ihre körperlichen Grenzen gehen“. Dass vielleicht 60 Prozent der Profis gedopt seien, wie es früher immer wieder hieß, „das kann ich im Moment nicht sagen“.

Schlusssprint ins Ziel: Marcel Kittel (Bildmitte) gehört zu den schnellsten Männern auf der Tour

Es wird, das zeichnet sich ab, keinen einzigen offiziellen Doping-Fall bei der Tour geben, das war häufig so in der Historie dieses Rennens. Betrüger wurden oft erst später, manchmal Jahre danach, entlarvt, wenn Substanzen, die als Beschleuniger eingesetzt wurden, durch verbesserte Analysemethoden entdeckt werden konnten. Es sei durchaus auch denkbar, sagt Sörgel, dass sich jetzt jemand, vielleicht für „200.000 Euro“, einfach ein noch nicht nachweisbares Doping-Mittel habe herstellen lassen, indem ein Steroid chemisch modifiziert wurde. „Das sind Dinge, die mir durch den Kopf gehen.“

Rudolf Scharping beschäftigt sich ebenfalls intensiv mit der Materie, für die Deutschen ist das bekanntlich ein besonders schwieriges Feld. Der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer ist selbstverständlich sehr angetan vom Hoch der deutschen Garde, von den Etappensiegen von Marcel Kittel, André Greipel oder Tony Martin. Und natürlich auch von der Ankündigung eines Raublinger Unternehmers, künftig – wenn auch mit bescheidenem Budget – das Team Bora für Deutschland ins Rennen zu schicken. „Das macht mir richtig Spaß.“ Grundsätzlich mag der frühere Verteidigungsminister auch an der Tour keinen Schaden erkennen, ungeachtet eines Hauptdarstellers wie Winokurow. „Dass in manchen Teams noch Schatten der Vergangenheit sichtbar sind, überschattet die Tour nicht mehr.“

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