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Das Dopingproblem der Leichtathletik : „Dann sind wir eine pharmazeutische Freakshow“

„In Sydney glaubte jeder Athlet, der gewinnen wollte, dopen zu müssen”: Marion Jones und Ekaterina Thanou kamen über 100 Meter als Erste und Zweite ins Ziel Bild: AP

Leichtathletik-Chef Doug Logan ist für klare Worte bekannt. In einer bemerkenswerten Rede macht er die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln für Doping verantwortlich. In einer Kultur, in der es für alles Pillen gebe, sei es kein Wunder, dass Neunjährige mehr über Steroide wissen wollen.

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          Der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Leichtathletikverbandes (USATF), Doug Logan, kritisiert die „Pillenkultur“ in den Vereinigten Staaten und plädiert für lebenslange Sperren bei erstmaligen Doping-Vergehen. Vor Vertretern der amerikanischen Nahrungsergänzungsmittelindustrie sagte er in Scottsdale (Arizona), die Bereitschaft der Bevölkerung, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen und die Lobbyarbeit der Industrie gegen gesetzliche Einschränkungen bei der Herstellung und dem Vertrieb der Stoffe trügen dazu bei, dass das Doping-Problem in der Leichathletik nach wie vor „monumentale Ausmaße“ habe.

          „In welcher Kultur wissen schon Neunjährige über die Wirkung von Steroiden und fragen ihre Trainer und Mentoren danach?“, sagte Logan. „In einer Kultur, in der Nahrungsergänzungsmittel dazu genutzt werden, die Jugendlichkeit zurückzuholen, Gewicht zu verlieren, die Verdauung zu regulieren, Muskeln zu vergrößern, Falten verschwinden zu lassen, Geschlechtsorgane zu vergrößern und Fußpilz zu bekämpfen.“

          Tod durch Nahrungsergänzungsmittel

          Die Nahrungsergänzungsmittelindustrie habe geholfen, die Schlinge zu knüpfen, die nun die Leichtathletik zu ersticken drohe, warf Logan deren Vertretern vor. Er verwies auf Fälle, in denen Firmen ihre Mittel mit Spuren von Doping-Substanzen versetzen, um die „unglaubwürdige Werbung“ für die eigenen Produkte zu rechtfertigen. Dies habe nicht nur zu positiven Doping-Tests und Disqualifikationen geführt. Der Tod der Footballspielern Rashidi Wheeler und Korey Stringer sei auch auf die unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zurückzuführen.

          Führt den bedeutendsten Leichtathletikverband der Welt - und spricht deutliche Worte: Doug Logan

          Logan wies auf eine Razzia bei dem Hersteller Ergopharm im Januar hin. Dort habe der zuvor beim Dopingmittel-Produzenten Balco beschäftigten und deshalb zu einer Haftstrafe verurteilte Chemiker Patrick Arnold gearbeitet. Die Ermittler gingen dem Verdacht nach, Arnold habe Doping-Substanzen in Nahrungsergänzungsmittel gemischt. Ergopharm vertreibt Mittel, die angeblich die körpereigene Testosteronproduktion stimulieren. Eines dieser Mittel habe für den positiven Doping-Test und die Sperre für fünfzig Spiele von J. C. Romero aus der Baseball-Meistermannschaft Philadelphia Phillies gesorgt.

          „Tun sie das, zum Donnerwetter!“

          Football und Baseball könnten sich Doping-Probleme erlauben, sagte Logan, die Leichtathletik nicht. „Wenn unser Sport sich nicht eisern und deutlich vernehmbar gegen Doping wendet, ist er nicht lebensfähig“, sagte er. „Wenn die Zuschauer nicht glauben können, was sie im Stadion sehen, dann sind wir kein Sport, sondern Spektakel“, sagte er. „Dann sind wir eine pharmazeutische Freakshow.“

          Logan beklagte die erfolgreiche Lobbyarbeit der Hersteller in der amerikanischen Politik. Senator Orrin Hatch habe mit seinem Einfluss dafür gesorgt, dass es keinerlei bundesrechtliche Einschränkungen für diesen Industriezweig in Amerika gebe. „Seien Sie beim nächsten Mal nicht so schnell mit der Ablehnung sinnvoller und verantwortungsvoller Gesetzgebung“, rief er. „Diejenigen, die ethisch und legal handeln, werden am Ende von Gesetzesverschärfung und gesteigerter Überwachung profitieren. Wenn Sie sagen, Sie könnten sich selbst kontrollieren, tun Sie das zum Donnerwetter!“

          „Gute Trainer wurden zu guten Drogendealern“

          Seit Juli 2008 an der Spitze des USATF, hatte der 65 Jahre alte Logan zu Beginn seiner Amtszeit Aufmerksamkeit erregt, als er in einem offenen Brief den damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush davor warnte, die wegen Meineides inhaftierte, doping-geständige Sprinterin und Balco-Kundin Marion Jones zu begnadigen.

          Logan verwies darauf, dass die Bereitschaft der Leichathleten, gedopte Konkurrenten zu schützen, dazu geführt habe, dass bei den Olympischen Spielen 2000 jeder Athlet, der gewinnen wollte, glaubte, dopen zu müssen. „Das war der einzige Weg. Die Trainer glaubten es und lernten um: Statt guter Techniktrainer wurden sie zu guten Apothekern - und guten Drogendealern.“

          Lebenslange Sperren für Ersttäter

          Mit diesen „dreckigen Trainern“ sei die Ausbreitung des Doping-Problems eine sichere Folge gewesen. Seit seinem Amtsantritt habe er allerdings Fortschritte im Anti-Doping-Kampf ausmachen können. Logan lobte die Welt-Antidopingagentur (Wada) dafür, Proben über Jahre einzufrieren, und das Internationale Olympische Komitee (IOC) für die Ankündigung, Doping-Proben der Spiele von Peking abermals und auf neue Wirkstoffe zu testen. „Einige Athleten werden unruhig schlafen, bis dieser Prozess abgeschlossen ist“, sagte er. Darüber hinaus sei die Praxis des britischen olympischen Komitees vorbildlich, gegen Ersttäter lebenslange Sperren auszusprechen.

          Der Balco-Skandal habe gezeigt, dass Betrüger nicht durch Doping-Tests allein überführt werden könnten. Es sei tragisch, den Fans nicht versichern zu können, dass der eigene Sport sauber sei. Klare moralische Vorstellungen seien nötig, um die Leichtathletik aus der Doping-Ära in ein Zeitalter zu führen, in dem der beste Sportler und nicht der beste Apotheker gewinne.

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