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Darts : Zauberer aus der Kneipe

  • -Aktualisiert am

„Ooooooonehundredaaaaandeightyyy!” ist das Ziel Bild: AP

Noch sehen die Männer vom Sicherheitsdienst meist harmloser aus als die Spieler. Darts kommt aus den englischen Pubs, diese Wurzeln kann man nicht verleugnen. Doch der „Unterhaltungssport“ kommt an.

          3 Min.

          Der dreizehnmalige Weltmeister Phil Taylor steht direkt vor ihnen auf der Bühne und setzt zum Wurf an. Trotzdem starren alle Zuschauer auf die Leinwand neben ihm. Das geteilte Bild zeigt rechts Taylor, links die Dartscheibe, in die er gleich die Pfeile rasen lässt: Plopp! Dreifach-Zwanzig. Plopp! Dreifach-Zwanzig. Die Kamera zoomt auf das wertvollste aller Felder. Plopp! Auch der dritte Pfeil steckt in der Dreifach-Zwanzig. „Ooooooonehundredaaaaandeightyyy!“, ruft ein Mann mit rauchiger Stimme ins Mikrofon. Die Zuschauer schreien, springen auf, wedeln mit blauen Zetteln: Die Zahl 180 steht darauf. Drei Fans ziehen ihr Hemd hoch: 180 haben sie auf ihre Bäuche gemalt, die bestmögliche Punktzahl im Darts. Der Frankfurter Südbahnhof bebt!

          Die European Darts Championship ist das bedeutendste Dartturnier, das je in Deutschland ausgetragen wurde. Die Spieler bekamen rund 250.000 Euro Preisgeld, das britische Fernsehen übertrug den Wettbewerb live. Während in Großbritannien manchmal Millionen vor den Fernsehgeräten mitfiebern, muss man sich in Deutschland erst an Darts gewöhnen. An den vier Turniertagen kamen immerhin 1500 Zuschauer. Werner von Moltke hat das Turnier organisiert und würde es gerne in Frankfurt etablieren, irgendwann damit vielleicht sogar die Ballsporthalle füllen. Tatsächlich ist der „Unterhaltungssport“, wie von Moltke zu Darts meint, „auf keinem so schlechten Weg“.

          Die Spieler sehen gefährlich aus

          Der Südbahnhof ist in weiß-rot-blaues Licht getaucht, in der Ecke bläst eine Maschine künstlichen Nebel in die Luft. Das leise Plopp der Pfeileinstiche wird durch Mikrofone zu einem Plopp laut wie ein Bassschlag. Dass die Fans an den Spielern so nah dran sind, sorgt für Emotionen, das Fernsehbild auf der Leinwand für Klarheit über die Punkte. „Darts wird sich auch in Deutschland durchsetzen“, sagt der Engländer Phil Taylor, „jeder kapiert Darts, jeder kann es. Du beginnst bei 501 Punkten, spielst dich runter und beendest es mit einem Double.“

          Starspieler Phil Taylor: „Jeder kapiert Darts, jeder kann es”
          Starspieler Phil Taylor: „Jeder kapiert Darts, jeder kann es” :

          Noch sehen die Männer vom Sicherheitsdienst meist harmloser aus als die Spieler. „Darts kommt aus den englischen Pubs, diese Wurzeln kann man nicht verleugnen“, sagt von Moltke. Aber die Zeiten, in denen Andy Fordham Weltmeister werden konnte, sind vorbei. Der 190 Kilo schwere Mann trank nach eigenen Angaben jeden Tag 25 Flaschen Lagerbier.

          Kneipenspielerei hat sich zur Show entwickelt

          Mittlerweile feiern nur noch die Zuschauer mit Bier, den Spielern ist Alkohol beim Darts längst verboten. Außerdem rücken jetzt Akteure wie der 24 Jahre alte Jelle Klaasen nach: Sie sind jung, durchtrainiert und ehrgeizig. „Jelle, der Schnelle“ wurde der Niederländer in seiner Heimat genannt, weil er seine drei Pfeile so rasch hintereinander wirft. Aber für die große Bühne taugte dieser Name nicht. Jetzt heißt er Jelle „The Matador“ Klaasen. „Die Inszenierung muss stimmen. Jeder Spieler bekommt sein eigenes Image“, sagt von Moltke. Aus der Dartarena in Frankfurt muss sich der Matador aber schon nach der zweiten Runde verabschieden.

          Die Kneipenspielerei Darts hat sich zur Show entwickelt. Und die Show läuft so gut, dass daraus ein Sport geworden ist. Die Veranstalter zahlen mittlerweile hohe Preisgelder, die Konkurrenz wächst, das Training wird härter. Der 48 Jahre alte Taylor sieht sich längst als Leistungssportler. Er wirft vormittags drei Stunden lang Pfeile, nachmittags geht er schwimmen und ins Fitnessstudio. „Danach bin ich kaputt und lege mich ins Bett.“ Darts hat den früheren Maschinenschlosser zum Millionär gemacht. Allein in diesem Jahr verdiente Taylor als Weltranglistenerster schon mehr als eine halbe Million Euro.

          Phil Taylor ist der Meister

          Die Deutschen hinken noch hinterher: Der deutsche Meister Andree Welge hat in der Profiserie 2008 bisher knapp 3500 Euro erspielt. In Frankfurt durfte er immerhin mitspielen, unterlag aber in der ersten Runde 0:5 - gegen ein zeltgroßes Hawaiihemd. Wayne Mardle trug es, sein Spitzname „Hawaii 501“. Die Titelmusik der amerikanischen Krimiserie Hawaii Fünf-Null dröhnt so laut wie in einer Disco durch den Südbahnhof, als Mardle auf die Bühne wackelt.

          Er kann seine Pfeile sogar mit dem Mund auf jede beliebige Zahl der Scheibe werfen oder besser: spucken; klar, dass so einer beim Einlaufen eine Show abzieht. Er klatscht jeden ab, der nicht weit genug weg steht, zieht Grimassen und tanzt moonwalk-artig vorwärts und rückwärts, dass sich die schwarzen Palmen auf seinem orange-gelben Hemd nur so biegen. Die Zuschauer klettern auf ihre Stühle, johlen, klatschen über dem Kopf. Während des Spiels schaut der Weltranglistenelfte immer wieder ins Publikum, reibt sich die Stirn, rollt die Augen, rümpft die Nase. Die Fans bedauern, dass er schon im Achtelfinale ausgespielt hat.

          Die Pfeile sehen aus wie Zahnstocher

          Phil Taylor braucht nicht mit dem Publikum zu kokettieren. Er ist der Meister, der Unfehlbare, die Legende. Das bestätigt er eindrucksvoll in Frankfurt. Im Finale gegen Adrian Lewis führt er haushoch. Er braucht nur noch eine Doppel-Sechzehn, dann heißt der Sieger wieder einmal Phil „The Power“ Taylor. Die Pfeile sehen in seiner großen linken Faust aus wie Zahnstocher.

          Er befeuchtet seinen Zeigefinger mit der Zunge und nimmt einen Pfeil in die rechte Hand. Er neigt seinen Kopf zur Seite, Schweiß perlt über sein Gesicht. Er kneift das linke Auge etwas zusammen und hebt langsam den rechten Unterarm in Richtung Stirn. Dann macht er eine Bewegung, wie ein Zauberer seinen Zauberstab schwingt. Der Pfeil schießt aus seiner Hand: Plopp! Doppel-Sechzehn.

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