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Darts-WM : Was ist so toll an fettleibigen Pfeilewerfern?

Im Anflug: Die Darts-WM zieht in ihren Bann - warum eigentlich? Bild: dpa

Fettleibige Pfeilewerfer, leichtbekleidete Damen, dazu trinkende und singende Zuschauer: Die Darts-WM im Londoner Alexandra Palace sorgt zwei Wochen für gute Fernsehquoten. Warum nur? Ein Erklärungsversuch.

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          Kurz vor Weihnachten geschah etwas Unerwartetes bei der Darts-Weltmeisterschaft im Londoner Alexandra Palace. Pfeile machten sich selbständig, wie von Zauberhand geführt. Nein, es ging nicht um die Darts, die auf schier wundersame Weise nach dem Wurf in ihr winzig kleines, nur 0,8 mal 4 Zentimeter kleines Ziel der Dreifach-20 oder der zum Beenden eines Spiels nötigen Doppel-Feldes finden. Uns beschäftigen die Pfeile des Engländers Dave Chisnall, der zu den besten Werfern der Welt gehört. Chisnall gewann sein Erstrunden-Duell mit dem Niederländer Ryan De Vreede souverän.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und das, obwohl Magie im Spiel schien. Immer wieder fielen einzelne von Chisnalls Pfeilen einige Sekunden nach dem Wurf aus den Sisalfasern, dem Material der Darts-Scheibe. Wir warteten also ungeduldig auf das Interview nach dem Spiel und spektakuläre Aussagen Chisnalls bezüglich böser Geister oder wenigstens einer Anklage gegen das minderwertige Material. Doch Chisnall nuschelte davon, dass er vergessen habe, seine Pfeile an der Spitze „anzurauhen“. Deshalb seien sie wieder „rausgerutscht“. Wieder mal war es nichts mit einer Meta-Ebene, die jeden Sport-Genuss in eine andere Sphäre hebt.

          Darts bietet eigentlich nichts

          Auch Fußball ist nicht immer 7:1. Aber selbst das langweiligste Spiel bietet wenigstens Geschichten von kläglichem Versagen und jämmerlichen Versuchen, misslungener Technik und gescheiterter Taktik. Und selbst die biedersten Profis hauen mal einen Spruch raus, wenn auch versehentlich. All das bietet Darts nicht, wo man einem Spieler nicht ernsthaft Vorwürfe machen kann, wenn er das winzig kleine Ziel mal in Serie verfehlt. Wir sind zuhause an der Scheibe schon froh, wenn wir bei 30 Würfen mal einen Volltreffer landen.

          Bierzeltatmosphäre: Der Alexandra Palace in London
          Bierzeltatmosphäre: Der Alexandra Palace in London : Bild: dpa

          Also ist eigentlich jeder Volltreffer der Superwerfer ein kleines Wunder für sich. Nur werden auch Wunder langweilig, wenn sie in Serie geschehen. Eine Taktik gibt es beim Darts nicht. Es geht immer in die Vollen. Eigentlich spielen die beiden Duellanten auch nicht gegeneinander, sondern nebeneinander her. Die Heldentaten des einen beeinflussen das Spiel des anderen höchstens marginal.

          Faszination des Banalen

          Spannung entsteht lediglich aus der Macht der Zahlen, die in der Fernsehgrafik stets eingeblendet sind. Und aus dem Split-Screen, der Gesichtszüge und Dartscheibe auf einen Blick liefert. Das Ganze ist, so könnte man meinen, eigentlich also nur bei entsprechendem Alkoholpegel zu ertragen. Und deshalb verzeihen wir den bunt maskierten, im Schnitt angeblich mit mehr als fünf Pints pro Abend abgefüllten Zuschauern im stets ausverkauften Alexandra Palace ja auch ihre nicht zu bremsende Begeisterung, ihre ununterbrochene Sangeslust zur Verherrlichung von Phil Taylors „Wonderland“ – und selbst ihre Deutschland-feindlichen Lieder bei Spielen von Max Hopp, der am Montagabend sein Zweitrundenspiel gegen Vincent van der Voort bestreitet. Wir verzeihen sogar den leicht bekleideten „Walk-on-Girls“ ihr ununterbrochenes Grinsen, während sie die Spieler beim Einlaufen fortwährend lasziv auf die Bühne hinauf begleiten, wo weitere ebenfalls leicht bekleidete Damen Cheerleader-Gehampel vorführen.

          Aber warum, um Himmels Willen, schauen sich das Millionen von Briten und bis zu 800.000 Deutsche am Fernsehapparat an? Ist es die Faszination des Banalen, dass vor der Fernsehkamera auf einmal nicht durchtrainierte Asketen stehen, sondern fettleibige Pfeilewerfer, die scheinbar nur mal kurz aus der Eckkneipe gekommen sind? Ist es das menschlich, allzu menschliche Leiden, das den hochkonzentrierten Männern im gleißenden, 50 Grad heißen Scheinwerferlicht ins Gesicht geschrieben steht angesichts von stundenlanger Anstrengung bei der ewigen Wiederkehr des Gleichen? Nebenbei entfaltet das mikrofontechnisch überhöhte Geräusch des landenen Pfeils seinen meditativen Charakter. Und das legendäre, mit der sonoren Stimme von Ansager-Legende Russ Bray ausgerufene „Onehundredandeighty“ für eine Dreierreihe mit der Maximalpunktzahl lullt endgültig ein.

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          Die WM der Professional Darts Corporation, des größeren von zwei Profi-Verbänden, wird bis zum Finale am 4. Januar Abend für Abend in Deutschland bei Sport 1 über den Sender flimmern. Moderator Elmar Paulke wird im stets übersteigerten Tonfall einer Fernseh-Verkaufsshow die Würfe begleiten und sich beharrlich in der Sinngebung des Sinnlosen üben. Dann wird der Sieger zu seinem Geheimnis befragt werden. Und er wird ehrlich antworten: „Ich habe eben gut getroffen.“ Dann ist es endlich vorbei – und wir können uns wieder vom Bildschirm lösen.

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