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Darts-WM : Aus für van Gerwen nach epischem Match

Der Engländer Rob Cross konzentriert sich in seinem Halbfinal-Match. Bild: DEMPSEY/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Darts-WM hat ein Sensationsfinale: Der alternde Superstar Phil Taylor trifft im letzten Spiel seiner grandiosen Karriere auf einen Gegner, der vor einem Jahr noch nicht einmal Profi war.

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          Und dann traf Rob Cross die Doppel-8. Er musste sie treffen, sonst hätte sein Gegner Michael van Gerwen das Spiel wohl beendet und wäre ins Finale der Darts-WM eingezogen. Es war schließlich ein Sudden Death anberaumt, ein einziges entscheidendes Darts-Spiel von 501 Punkten abwärts nach weit mehr als zwei Stunden Spielzeit. Van Gerwen, der Titelverteidiger und dominante Spieler der vergangenen Jahre, und Rob Cross, der bei van Gerwens zweitem WM-Sieg vor einem Jahr noch nicht einmal Teil der PDC-Profitour war, hatten beide fünf Sätze und jeweils fünf Legs, einzelne Spiele, für sich entschieden. Enger geht es nicht.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beide Spieler hatten zwischenzeitlich schon Match Darts, vergaben aber die Chancen auf den Sieg, weil in jenen Momenten Millimeter zwischen dem Treffpunkt des Pfeils auf der Scheibe und dem zu treffenden Doppelfeld lagen, mit dem ein Leg beendet werden muss. Van Gerwen warf im vorletzten Leg sogar alle drei Pfeile knapp an der Doppel-16 vorbei, als er das Spiel hätte beenden können, was dem 28 Jahre alten Niederländer im gesamten Jahr vermutlich nicht so oft unterlaufen ist wie an diesem verrückten Samstagabend, der in die Darts-Geschichte eingehen wird. Insgesamt vergab „Mighty Mike“ sechs Match Darts. „Ich hasse es zu verlieren. Heute war es besonders schmerzhaft, diese ganzen Doppel zu vergeben“, sagte van Gerwen. „Ich war besser als Rob, aber in den entscheidenden Momenten konnte ich nicht das gewisse Extra bringen.“ „Worte können das nicht nicht erklären“, sagte Cross. „Ich habe mich in manchen Situationen echt unerfahren gefühlt. Aber irgendwie ging es dann weiter.“

          Van Gerwen und Cross haben sich ein episches Duell geliefert, das sich im kollektiven Gedächtnis der Darts-Szene ziemlich knapp hinter einem ebenfalls erst im Sudden Death entschiedenen Duell zwischen Taylor und dessen ewigem Rivalen Ramond van Barneveld im Jahr 2007 einreihen wird, als van Barneveld den zu jener Zeit als nahezu unschlagbar geltenden Serien-Weltmeister Taylor im dreizehnten und entscheidenden Satz auf eben diese grausame Weise entthronte.

          Solche Spiele überzeugen selbst den letzten Skeptiker, der dem Darts die Faszination abstreiten will, von der Kraft dieses Duells zwischen zwei Spielern, die in Nahaufnahme vor einem Millionenpublikum an den TV-Bildschirmen vor sich hin leiden oder Erlösung empfinden, wenn der Pfeil den richtigen winzigen Fleck auf dem in 82 Wertungsfelder eingeteilten Dartsboard trifft.

          Der Sieg des 27 Jahre alten Cross ist nun die Krönung einer WM, die aufgrund von offensichtlichen Formschwächen des Weltranglistenersten van Gerwen, des gesundheitlich angeschlagenen und deshalb früh ausgeschiedenen Weltranglistenzweiten Peter Wright sowie des von Taylor im Viertelfinale demontierten Weltranglistendritten Gary Anderson sportlich nicht ganz an das Niveau früherer Jahre heranreichen konnte, dafür aber eine traumhafte Finalgeschichte zwischen zwei Männern aus dem englischen Mutterland des Darts schreiben wird.

          Denn der 57 Jahre Rekord-Weltmeister Phil Taylor, der im ersten Halbfinale den Waliser Jamie Lewis trotz großer Probleme und vieler enger Sätze wegen sensationeller Aufnahmen in spielentscheidenden Situationen deutlich mit 6:1 besiegte, begegnet nun in seinem allerletzten Turnierspiel einem Widersacher, gegen den er bislang noch nie gespielt hat. Cross, der durch die WM in der durch Preisgelder bestimmten Weltrangliste von 20 auf 6 springen wird, hatte sich die Ehre eines Duells mit der Legende des Sports in seinem ersten Jahr schlicht noch nicht verdient.

          Für Taylor wird das Spiel nun wohl eine besondere Herausforderung. Seine Psychospielchen im gesamten Turnierverlauf waren darauf ausgerichtet, van Gerwen zu verunsichern. Womöglich hat Taylors Strategie nun dazu beigetragen, dass der Niederländer schon vor dem Aufeinandertreffen mit Taylor ausreichend aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Während van Gerwen in der Szene dafür gefürchtet wird, dass er dank seines unerschütterlichen Gemüts eigentlich nie ins Nachdenken oder gar Zweifeln kommt am Board, legte er in den vergangenen Tagen erstaunliche Schwächen an den Tag – Taylor hatte sein Ziel offenkundig erreicht. Cross nutzte nicht einmal ansatzweise alle Gelegenheiten gegen van Gerwen, griff aber am Ende eiskalt zu, als van Gerwen ein letztes Mal die Tür ins Finale offen ließ.

          Für Taylor schließt sich der Kreis seiner einzigartigen Karriere somit im größten Spiel und auf der größten Bühne seines Sports, den er geprägt hat wie kein anderer. 1990, in jenem Jahr, in dem sein Finalgegner Cross geboren wurde, gewann der zuvor am Fließband tätige Fabrikarbeiter aus Stoke-on-Trent erstmals eine Weltmeisterschaft des damals noch führenden Darts-Verbands BDO. Später gehörte Taylor zu den Gründungsspielern des Konkurrenzverbands PDC, der dank besserer Vermarktung, aber vor allem auch wegen der Person Taylor der BDO schnell den Rang abgelaufen hatte. Acht WM-Titel in Serie, insgesamt 16 bei 29 WM-Teilnahmen wurden zu einer Marke, die im internationalen Sport ihresgleichen sucht. Taylor ist schlicht Darts. Bis zu diesem Neujahrstag, an dem er sein letztes Spiel bestreiten wird. Darts wird danach anders sein. Ein Spiel ohne seinen Meister, der ein siebzehntes Mal Weltmeister werden kann.

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