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Fallon Sherrock : Die Queen of Darts sorgt nicht nur für Freude

In Szene gesetzt: Fallon Sherrock spielt das Spiel gut mit. Bild: LAWRENCE LUSTIG

Fallon Sherrock ist bei der Darts-WM in die dritte Runde eingezogen. Die Siege der einzigen im Feld verbliebenen Frau gehen aber mit fragwürdigen Begleiterscheinungen einher.

          3 Min.

          Es gab am Samstagabend zwei Tonlagen im Londoner Alexandra Palace. Die eine war weihnachtlich harmonisch. Die 3000 Zuschauer in der ausverkauften Veranstaltungshalle im Nordosten Londons sangen ihre Lieblingsmelodie des englischen Adventsklassikers „Winter Wonderland“, mit der sie mehr als zehn Jahre lang bis zu dessen Karriereende Rekordweltmeister Phil Taylor gehuldigt hatten. Nun ersetzten sie Taylor durch den Namen Fallon Sherrock: „,There's only one Fallon Sherrock, walking in the Sherrock Wonderland“.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frau, die nach ihrem Erstrundensieg gegen Ted Evetts am Samstagabend mit einem 3:1-Sieg gegen Mensur Suljovic für den zweiten Erfolg einer Frau gegen einen Mann bei dieser Darts-WM des Profiverbands PDC gesorgt hat, ist binnen wenigen Tagen zu einem Publikumsliebling geworden. Erfolgreich war sie am Samstagabend, weil sie eine bemerkenswerte Quote auf die Doppelfelder, mit denen die einzelnen Legs beendet werden müssen, erreichte. Von ihren 15 Versuchen aufs „Double“ traf sie zehn. Das reichte bei einem abermals guten, aber noch lange nicht sehr guten Durchschnittswert von 90 Punkten in den Aufnahmen von je drei Würfen, um Suljovic zu bezwingen.

          Gellendes Pfeifkonzert gegen den Mann

          Der Österreicher, der wegen seines sanftmütigen Auftretens den Spitznamen „The Gentle“ auf dem Rücken seines Dartshemds trägt, spielte freilich unter seinem Niveau, weil er vermutlich mit der zweiten Tonlage im „Ally Pally“ nicht gut genug zurecht kam. Wenn der 47 Jahre alte Elfte der Geldrangliste zu seinen entscheidenden Würfen ans „Oche“, die leicht erhöhte Abwurflinie trat, setzte stets ein gellendes Pfeifkonzert ein. In einer so stark von Konzentration und mentaler Stärke abhängigen Sportart wie Darts ist das durchaus ein Erschwernis. Suljovic versuchte die Antipathie des Publikums auszublenden, mit zunehmender Spieldauer sah man ihm aber die Strapazen an. Er reagierte ungewohnt fahrig und leicht aggressiv nach eigenen Fehlwürfen. Schon nach dem ersten verlorenen Satz verließ er die Bühne mit einem sarkastischen Lachen. Da hätte er wohl schon nicht mehr wie vor dem Spiel gesprochen, als er im Gespräch mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ noch behauptet hatte: „Mir ist es egal, ob ich gegen eine Frau oder einen Mann spiele."

          Fassungslos: Fallon Sherrock nach ihrem Sieg gegen Suljovic.
          Fassungslos: Fallon Sherrock nach ihrem Sieg gegen Suljovic. : Bild: dpa

          Sherrock, die bei den Frauen-Weltmeisterschaften noch nie den Titel errungen hat und in den vergangenen jahren auch stets vergeblich versucht hat, sich eine PDCTourcard zu erspielen, ließ sich hingegen keine Nervosität anmerken – angesichts der Chance auf den nächsten großen Coup. Erst nach dem Spiel sah man ihr die Verwunderung über die eigene Leistung an. „Es ist unglaublich. Ich habe einen gesetzten Spieler geschlagen. Ich habe bewiesen, dass wir Frauen mit den besten Männern der Welt mithalten können“, sagte sie. In der nächsten Runde nach Weihnachten gilt sie nun auch gegen Chris Dobey als aussichtsreiche Herausforderin.

          Die PDC profitiertd derweil ungemein vom Hype um Sherrock. Nach ihrem Sieg gegen Evetts war sie in England einen Tag lang überall ein Gesprächsthema, sie wurde von Sender zu Sender gereicht, um ihre Geschichte zu erzählen. Werbewirksam hat Chefvermarkter Barry Hearn der „Queen of Alexandra Palace“, wie sie auf der Insel genannt wird, eine Wildcard für das erste Darts-Masters in den Vereinigten Staaten zugesagt, ein Turnier, mit dem die PDC die bislang nur wenig vom Darts-Fieber infizierten Vereinigten Staaten erschließen wollen.

          Sherrock spielt das Spiel bereitwillig mit: Sie ließ sich nach dem Spiel sogar vom Haus-Fotografen der PDC nach dessen Anweisungen auf der Bühne in Pose stellen, was dieser sich bei den männlichen Pfeilewerfern üblicherweise nicht traut. Für die 25 Jahre alte Frau geht es aber auch um ungewohnt viel Geld. Sie hat schon jetzt mit dem Einzug in die dritte Runde 25.000 Pfund (fast 30.000 Euro) sicher. Als Weltmeisterin bei der Frauen-WM der konkurrierenden Darts-Organisation BDO würde sie lediglich 20.000 Pfund (24.000 Euro) einstreichen.

          Eskalation im Publikum

          Hearn und seine Organisation müssen sich derweil aber auch Gedanken machen, wie sie die Eskalation im Publikum in den Griff bekommen wollen. „Das ist ein Problem“, sagt der frühere Weltklassespieler Wayne Mardle, der im englischen Fernsehen als Experte tätig ist. „Wir wollen nicht hinter verschlossenen Türen spielen. Aber diese Zustände braucht auch niemand. So kann man nicht Darts spielen.“ Die Masse an meist alkoholisierten Fans ist indes kaum von der Bühne aus zur Mäßigung zu animieren.

          Suljovic selbst äußerte sich nach dem Spiel nicht. Was soll er auch sagen: Würde er über die Atmosphäre jammern, stünde er als schlechter Verlierer da. Zudem ist er Teil des Geschäfts und will es sich mit der PDC auch nicht verderben.

          Ausgeschieden: Mensur Suljovic erträgt seine Niederlage mit Sarkasmus.
          Ausgeschieden: Mensur Suljovic erträgt seine Niederlage mit Sarkasmus. : Bild: dpa

          Und so wird auch im Drittrunden-Match von Sherrock gegen Chris Dobey  nach der Weihnachtspause am 27. Dezember wieder eine Atmosphäre der Sensationslüsternheit herrschen, die ein normales Spiel unwahrscheinlich erscheinen lassen.

          Den deutschen Spielern Max Hopp, der am Sonntag gegen 14:20 Uhr (live bei DAZN) auf Darius Labanauskas trifft, sowie Nico Kurz, der am Montag um 13:30 Uhr gegen Luke Humphries spielt, bleibt das fragwürdige Vergnügen eines Duells mit Sherrock vorerst erspart. Sie würden erst im Halbfinale beziehungsweise im Endspiel auf die Darts-Königin treffen. Und so weit werden im Zweifel dann weder die Deutschen noch die einzige verbliebene Frau im Feld kommen, auch wenn diese sich selbstbewusst äußert auf die Frage nach ihren Titelchancen: „Warum nicht?“, fragte Fallon Sherrock zurück. „Ich habe zwei der besten Spieler der Welt geschlagen. Ich werde es versuchen.“

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          Geheimnis des Darts : Auf der Suche nach dem perfekten Wurf Bild: FAZ.NET

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