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Darts-Weltmeister Anderson : Einer der letzten Pub-Spieler

Der große Wurf: Gary Anderson ist zum zweiten Mal Weltmeister Bild: AP

Gary Anderson ist vielleicht einer der letzten Vertreter des Kneipensports Darts. Der Schotte ist nun zum zweiten Mal Weltmeister geworden. Das könnte ihm auch im Kampf um die Gunst seines Sohns helfen.

          3 Min.

          Tai Anderson ist früh dran mit seiner Entwicklung zum Darts-Spieler. Mit 13 Monaten warf er die ersten Pfeile auf ein Board, kürzlich bekam der kleine Brite seine ersten eigenen Darts. Vor allem aber ist er ein großer Fan des niederländischen Spitzenspielers Michael van Gerwen, des dominierenden Darts-Spielers der vergangenen beiden Jahre. „Es liegt vermutlich an dem grellgrünen Shirt von Michael, das auf Kleinkinder eine besondere Wirkung hat“, sagt Vater Gary schmunzelnd. Seit Sonntagabend hat Vater Anderson indes neue Argumente, mit denen er um die Gunst seines Sohns buhlen kann. Denn der 45 Jahre alte Schotte Gary Anderson ist zum zweiten Mal in Serie Weltmeister geworden, abermals hat er das vorzeitige Ausscheiden van Gerwens im Achtelfinale genutzt, um wie im Vorjahr den begehrtesten Thron des Darts zu besteigen.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Finale gewann er mit 7:5 Sätzen gegen den 30 Jahre alten Engländer Adrian Lewis, der ihn 2011 bei der ersten Begegnung in einem WM-Finale noch daran gehindert hatte, den Siegerpokal für ein Jahr mit nach Hause nehmen zu dürfen. Anderson genügte nun eine eher mittelmäßige Leistung. Während er in seinen Spielen oftmals einen Treffer ins wertvollste Dreifach-20-Feld an den anderen reiht und mit einem sehr hohen Durchschnittswert weit jenseits von 100 Punkten bei einer Aufnahme mit je drei Würfen glänzt, kam er im Endspiel gerade einmal auf 99,26 Punkte. Von der Form der 6:0-Machtdemonstation im Halbfinale gegen den Niederländer Jelle Klaasen, als ihm gar der einzige Nine-Darter der WM, also 501 Punkte mit der minimalen Zahl von neun Würfen, gelang, war er weit entfernt.

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          Da Finalgegner Adrian Lewis indes auch nicht sicherer zielte, gewann Anderson dank einer etwas besseren Quote bei den Würfen auf die Doppelfelder, mit denen jedes einzelne, von 501 auf Null zu spielende Leg beendet werden muss. „Bei uns beiden ging auf der Bühne nicht viel, als das Spiel begann. Ich habe nur zeitweise gut gespielt, dann auch wieder sehr wirr“,m sagte Anderson.

          Kurioserweise konnte sich der alte und neue Weltmeister dabei sogar gelegentliche Rechenfehler erlauben, die im Darts üblicherweise bitter bestraft werden. Zweimal zielte der Schotte, der trotz einer gewissen Kurzsichtigkeit ohne Sehhilfe spielt, mit dem letzten Wurf auf das falsche Feld, einmal visierte er die Doppel-1 statt der benötigten Doppel-6 an, ein anderes Mal warf er in die Dreifach-20, obgleich er nur noch 56 Punkte auf dem Konto hatte.

          Lehre an der Theke

          Anderson wird mit dem zweiten WM-Titel seinem branchenüblichen Ehrennamen „Flying Scotsman“ nun endgültig gerecht. Diesen Spitznamen vererbte ihm vor wenigen Jahren die schottische Darts-Legende Jocky Wilson, der in den achtziger Jahren zweimal Weltmeister war. Zudem hat er in der Welt des Darts, in der die Konkurrenz immer jünger wird, abermals für einen Sieg der Tradition gesorgt: Er ist nämlich einer der letzten echten Pub-Spieler. Während die jüngeren Herausforderer vor allem aus den Niederlanden die Hand-Auge-Koordination in Vereinen trainieren und das Spiel kaum noch als Kneipenvergnügen kennen, ist der einst auf dem Bau tätige Anderson samt seiner Tattoos noch ein echtes Gewächs von der Theke.

          Er kam erst mit 25 Jahren überhaupt dazu, sich intensiver mit den 15 bis 30 Gramm schweren Pfeilen mit der Spitze aus Stahl zu beschäftigen. An einem der Boards, die auf der Insel klassischerweise noch in fast jedem Pub neben der Theke hängen, lernte er, wie man aus 2,37 Metern Entfernung die jeweils 501 Punkte in einem Spiel möglichst schnell auf Null herunterspielt und dabei vor allem auch den Kneipenlärm zu ignorieren vermag. Diese Qualität ist vor allem bei der Weltmeisterschaft im Londoner Alexandra Palace äußerst gefragt, wo die fast 4000 trinkfreudigen und meist kostümierten Zuschauer oktoberfestähnliche Stimmung erzeugen.

          Titel verteidigt: Gary Anderson darf die Sid-Wadell-Trophäe ein zweites Mal in Empfang nehmen Bilderstrecke
          Titel verteidigt: Gary Anderson darf die Sid-Wadell-Trophäe ein zweites Mal in Empfang nehmen :

          Über Pub-Teams, die es im Vereinigten Königreich in nahezu jedem Dorf gibt, spielte sich Anderson nach oben, bis er im Jahr 2000 erstmals als Profi an den Turnieren der British Darts Organisation teilnahm. 2009 wechselte er dann zur Professional Darts Corporation (PDC), die den Kampf mit der konkurrierenden BDO, die in dieser Woche ihre Weltmeister bei Männern wie Frauen sucht (live in Eurosport), dank besserer Vermarktung und höherer Preisgelder eindeutig für sich entschieden hat.

          Erst viel im Pub trainiert, dann viel gewonnen

          Neben der Profikarriere, die nur den rund 20 besten Spielern der Welt ein einträgliches Auskommen sichert, führte Anderson bis 2011 sogar noch gemeinsam mit seiner Frau ein eigenes Pub. „Ich habe in dieser Zeit, als ich den Pub hatte, mehr trainiert als ich jetzt übe“, sagte Anderson, nachdem er 2011 die Zapfanlage im Wellington Arms in andere Hände übergab. Der Trainingsaufwand sank demnach in den Folgejahren, dafür kamen freilich die großen Erfolge. Der „fliegende Schotte“ wurde zumindest ansatzweise zum Überflieger, gewann große Major-Turniere und im vergangenen Jahr erstmals die Weltmeisterschaft.

          Der Erfolg im „Ally Pally“, wie die Pilgerstätte Alexandra Palace im Londoner Norden von den Darts-Fans genannt wird, verlieh Anderson endgültig den Nimbus, einer der ganz Großen seines Sport zu sein. Diese Stellung hilft den Spitzenspielern im Alltag, manche nahezu verlorene Begegnung auch dank ihrer Aura doch noch zu ihren Gunsten zu entscheiden. „Ich weiß jetzt ein wenig, wie es Phil Taylor geht, wenn er auf der Bühne steht“, sagte Anderson kürzlich. Der Rekordweltmeister, der in diesem Jahr bereits im Achtelfinale gescheitert ist, profitierte jahrelang auch von der Ehrfurcht eines Großteils der Gegner, die erst langsam mit dem Älterwerden des mittlerweile 55 Jahre alten Superstars schwindet.

          Anderson wird nun vielleicht schon nach der Rückkehr nach Hause merken, welche Wirkung ein zweiter Weltmeistertitel entfalten kann. Womöglich kann er nun doch den kleinen Tai als Fan gewinnen.

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