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Darts-Funktionär Warnecke : „Die Dünnen lösen die Dicken ab“

Eine neue Generation betreibt Darts auch unter Fitness-Gesichtspunkten: Phil Taylor mit seinem Finalbezwinger Rob Cross (rechts) Bild: dpa

Die Darts-WM ist zum Fernseh-Großereignis geworden. Bengt Warnecke, Chef des Hessischen Dart Verbandes, über die noch entwicklungsbedürftige deutsche Basis, Doping, Alkohol und den Wandel einer Kneipensportart.

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          Die Darts-WM, die am Montagabend mit der Finalniederlage des englischen Superstars Phil Taylor gegen seinen Landsmann Rob Cross zu Ende ging, lockte in Deutschland die Rekordzuschauerzahl von bis zu 2,73 Millionen beim übertragenden Sender Sport 1vor den TV-Bildschirm. Deutsche stellen einen von Jahr zu Jahr größeren Anteil an den Zuschauern im Londoner Alexandra Palace. Kommt der Boom auch an der Basis an?

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es griffen in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen zu den Pfeilen. Wir haben auch Mitgliederzuwachs in sehr gutem Maß. Es ist jetzt aber nicht so, dass alle vom Fernsehschirm ans Dartboard wechseln.

          Das Interesse ist da. Aber Deutschland fehlt der Top-Spieler. Woran hakt es?

          Das ist ein vielschichtiges Problem. Sobald einer mal einen Achtungserfolg landet wie bei dieser WM Kevin Münch mit dem Erstrunden-Sieg gegen den zweimaligen Weltmeister Adrian Lewis, dann bürden sich unsere Spieler einen Riesendruck auf. Sie haben das Gefühl, Darts-Deutschland retten zu müssen. Das kann nicht gutgehen. Auf der anderen Seite ist unsere Talentförderung nur sehr bescheiden möglich. Unserem Sport fehlt in der Breite noch die Anerkennung, um Sponsorengelder zu generieren.

          Mit den Bedingungen in England, dem Mutterland des Darts, ist Deutschland nicht zu vergleichen. Schauen Sie aber neidisch auf die Niederlande, wo Darts ein anerkannter Sport geworden ist binnen weniger Jahre?

          Neid ist falsch. In Holland hat das Raymond van Barneveld mit seinen Weltmeistertiteln ermöglicht und die Anerkennung für den Sport erhöht. Dort sind Schulen auf den Zug aufgesprungen und haben Darts im Unterricht gelehrt. Kinder lernen nicht nur Kopfrechnen, sondern sie lernen, sich zu konzentrieren. Die Erfahrungen sind dort, dass Schüler durch Darts auch besser in anderen Fächern werden. In Spanien hat sich das ähnlich entwickelt. Das würden wir gerne in Deutschland auch erreichen. Dann wäre die Basis für Darts viel breiter.

          Erreichen Sie in Deutschland die Schulen und Lehrer?

          In einzelnen Schul-AGs läuft das richtig gut, aber wir können das als Verband mit sehr begrenzten Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements nicht in der Breite stemmen. In Deutschland ist das wegen der Größe, aber auch wegen einer anderen Mentalität beispielsweise bezüglich Versicherungsfragen ein viel steinigerer Weg als in Holland.

          Da stört sicher, dass das deutsche Darts gerade in die Schlagzeilen geraten ist wegen zwei Doping-Fällen bei einem Turnier. Ist jetzt auch Darts ein Doping-Sport?

          Das ist komplexer, zumal ich als hessischer Darts-Präsident wegen der Beteiligung eines Spielers die Details in einem der beiden Fälle kenne. Fakt ist: Wir sind ein anerkannter Sport und müssen uns den Anforderungen der Anti-Doping-Regeln stellen, auch wenn viele unseren Sport als Hobby betreiben. Der Deutsche Dart Verband (DDV) lässt entsprechend testen. Wir in den Landesverbänden haben mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur derzeit noch gar nichts zu tun. Aber wir müssen unsere Spieler darauf vorbereiten, da sie im Fall einer Qualifikation auf Landesebene bei einem DDV-Turnier plötzlich im Fokus stehen könnten. Wir beim Hessischen Dart Verband haben einen Doping-Beauftragten berufen, der unseren Spielern Antworten geben kann.

          „Neid ist falsch“: Bengt Warnecke ist Präsident des Hessischen Dartsverbands Bilderstrecke
          „Neid ist falsch“: Bengt Warnecke ist Präsident des Hessischen Dartsverbands :

          Kannten die überführten Spieler die Anti-Doping-Regeln?

          Sie haben bei der Meldung für das Turnier eine Anti-Doping-Erklärung unterschrieben, sie waren somit informiert. Da stehen die Spieler in der Pflicht. Jeder weiß ja auch, was Doping ist und dass man mit Attesten nachweisen muss, falls man Medikamente aus gesundheitlichen Gründen nutzen muss und darf. Das wäre in den beiden aktuellen Fällen nötig gewesen. Das kennt ja auch jeder aus der Berichterstattung beispielsweise über den Radsport. Aber als Dartspieler bezieht man das vielleicht nicht mit derselben Selbstverständlichkeit auf sich. Ich kann mir vorstellen, dass auch ich in diese Falle getappt wäre, wenn ich Medikamente nehmen würde und auf dieses Turnier gefahren wäre. Wir reden ja hier nicht von Sportlern, die professionell von einem Trainer oder einem Management betreut werden, sondern von Hobbysportlern, die es über ein Ausscheidungsturnier recht schnell zu einem Turnier schaffen können, bei dem es Doping-Kontrollen gibt. Das nimmt uns nicht aus der Pflicht, unsere Mitglieder besser zu informieren, macht aber vielleicht Fehler aus Unwissenheit ein wenig nachvollziehbarer. Durch diese Fälle ist jetzt jeder sensibilisiert. Wir haben über Apps sehr einfache Möglichkeiten der Überprüfung, ob man Atteste braucht für den Gebrauch von Medikamenten.

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