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Dart-WM : Wo die Welt noch eine Scheibe ist

Für den endgültigen Boom des Sports fehlt nun nur noch der erste deutsche Spitzenspieler. Im Nachbarland Holland hat es diesen Aufschwung gegeben, als Raymond van Barneveld Weltmeister wurde. „Das ist auch in Deutschland möglich“, sagt er. „Es muss nur Jungs geben, die mit allen Risiken wie der Jobkündigung ihren Traum mit der gleichen Besessenheit leben wie ich.“ Doch neben diesen verzückenden Storys gibt es auch Schatten über dem Darts. Das Pub-Sterben in England setzt dem Sport an der Basis zu. „Wo bisher Pubs waren mit einem Dart-Board, da haben wir jetzt entweder gar kein Pub mehr oder ein Pub, das mehr auf Restaurant macht und deshalb die Scheibe abhängt“, sagt Reporterlegende Gwynne. Dafür könne der Sport den Sprung aus der Arbeiterklasse heraus in die Mittel- oder gar Oberschicht schaffen. Auch die niveauvollen Kommentare Gwynnes haben zumindest schon einmal dazu beigetragen, dass die attraktive Zielgruppe der Twens vor dem Fernseher sitzt. „Darts ist mittlerweile an den Universitäten salonfähig. Ich denke, dass es in Zukunft mehr Spitzenspieler mit einem anderen kulturellen Background geben wird als bisher“, sagt Gwynne. Hilfreich dabei ist, dass Prinz Harry bei der WM als Zuschauer war.

Auf der Bühne tanzen „Dart-Board-Luder“

Solche Prominenz eröffnet auch Barry Hearn neue Chancen. Der Chef der PDC hat vor seinem Einstieg im Darts Ende der 90er Jahre mit seinem Unternehmen Matchroom Sport schon Boxen oder gar Sportfischen vermarktet und vor allem Snooker groß herausgebracht. Dann begegnete er Phil Taylor und sah als dessen Manager großes Potential. Mit dem Rekordweltmeister, dem magische Fähigkeiten mit den Pfeilen nachgesagt werden, als Ikone des Sports gewann er den Machtkampf mit dem Konkurrenzverband BDO um die Gunst der Fernsehsender und Sponsoren. Seither ist die PDC führend, bei der WM kann sie 1,5 Millionen Euro als Preisgeld aussetzen.

Die Geschäfte laufen hervorragend, auch weil Hearn die Turniere mit Anleihen vom Boxen aufgepeppt hat. Der Einmarsch der Spieler wird von Hymnen und Light-Shows begleitet, auf der Bühne tanzen „Dart-Board-Luder“ vor Beginn des Wettwerfens um die Spieler herum. „Darts ist für mich der Sport dieses Jahrtausends, die Dramaturgie des Mann gegen Mann ist genauso spannend wie im Tennis oder Boxen“, sagt Hearn. „Es ist außerdem so leicht zugänglich, weil es so billig ist. Dadurch kann jeder seine Stars nachahmen.“ Er will bald den asiatischen Markt und das europäische Festland erschließen.

Der Alexandra Palace in london: Hier dreht sich alles um die Scheibe und viele Pfeile

Mehr Charaktere wie John Part wären dabei wohl hilfreich. Der Kanadier ist derzeit in der Weltspitze eine der wenigen Ausnahmen vom Klischee. Der zweimalige Weltmeister hat einen Universitätsabschluss und geht seine Darts-Karriere anders an. Der 46-Jährige redet nicht nur über den einen Wurf, der eben zwei Millimeter daneben ging, sondern er analysiert das Spiel auch auf einer Metaebene. „Tragödie und Triumph liegen im Darts so nah beieinander. Aber ich habe anders als im Leben alles in meiner Hand“, sagt Part. Um seinen Einfluss auf sein Spiel zu vergrößern, beschäftigt sich Part mit Psychologie und mentalem Training. Das macht ihn in der Szene so geheimnisvoll, dass sein branchenüblicher Spitzname „Darth Maple“, ein Mix aus dem Krieg-der-Sterne-Bösewicht Darth Vader und dem kanadischen Nationalsymbol „Maple Leaf“, voller Ehrfurcht ausgesprochen wird. Bei der WM scheiterte er aber in Runde zwei.

Da ist der Weg von Adrian Lewis vielleicht doch der erfolgreichere: Der Weltmeister der vergangenen beiden Jahre denkt nicht allzu viel nach über sein Tun. Der 27 Jahre alte Engländer wirft einfach. Lewis macht kein Hehl daraus, dass die Welt für ihn eine Scheibe ist. „Was soll ich mir Gedanken machen, warum es in einem Spiel so viele Aufs und Abs gibt?“, sagt er auf die Frage, was sich in seinem Kopf abspielt. „Ich muss einfach den nächsten Wurf treffen, dann ist alles gut.“

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