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Dart-WM : Hoffnung auf den großen Wurf

Nicht nur Teenager, sondern auch ehemalige Manager machen ihr Hobby zum Beruf Bild: AP

Das Dart-Spiel erlebt momentan eine „Renaissance“: Zuschauerzahlen, Einschaltquoten, Preisgelder steigen. Eine neue Generation von Spielern, darunter Teenager und frühere Manager, träumen davon, ganz groß 'rauszukommen.

          3 Min.

          Eines Tages, er war 35 und müde vom 60-Stunden-Job als Manager, beschloss Justin Irwin, etwas anderes zu machen. Er kaufte sich eine bunte Scheibe und drei Pfeile und wurde Dart-Profi. Schuld daran, dass ein nützliches Mitglied der Gesellschaft sich fortan vorwiegend spielend in Lokalen herumtrieb, war ein gewisser Keith Deller. Er hatte 1983 die größte Sensation der Dart-Geschichte geschafft, als er, der 23-jährige Qualifikant, den großen Eric Bristow, der mehr verdiente als der „Fußballer des Jahres“ Kevin Keegan, im WM-Finale besiegte.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Für Irwin verband sich damit ein Kindertraum, wie ihn Millionen haben: einmal ganz groß rauskommen. Für Wembley oder Wimbledon reichte das Talent nicht annähernd. Aber Dart? Das ist ein Spiel, das jedem die große Chance verheißt. Abertausende schaffen in ihrem Leben irgendwann einmal den großen Wurf, drei Pfeile in die dreifache Zwanzig, 180 Punkte. Auch Irwin hatte das, er konnte es also, musste es, die simple Rechnung, nur im richtigen Moment wiederholen. So beschloss er, dem Kindheitstraum als Mittdreißiger wenigstens eine Chance zu geben. Sein Ziel: bei der WM zu spielen.

          „Es ist eine gute Zeit, Dart-Profi zu sein“

          Natürlich scheiterte Irwin am Ende seines Dart-Jahres in der ersten Runde der WM-Qualifikation. Aber er hatte es versucht. Und dabei, wie er in seinem Buch „Murder on the Darts Board“ vorrechnet, „rund 190.000 Pfeile geworfen“, auf dem Weg zur Scheibe „sieben Marathons bestritten“ und „eines der schönsten Jahre meines Lebens“ verbracht. Sein Fazit: „Es ist eine gute Zeit, Dart-Profi zu sein“ - die erste seit dem Boom der 80er, „in dem Zuschauerzahlen, Einschaltquoten und Preisgelder steigen“. Und deshalb findet Irwin immer mehr Nachahmer.

          Seit dem Bruch der Branche Mitte der neunziger Jahre, als führende Profis den britischen Verband (BDO) verließen und die PDC gründeten, gibt es zwei WM-Turniere und die Furcht vor Bedeutungsverlust. Doch nun spricht man von einer „Renaissance“. PDC-Chef Barry Hearn, ein früherer Box- und Snooker-Promoter, kündigt globale Expansion an: „Wir haben in Südafrika, Amerika, Australien investiert, dieses Jahr wird es Asien sein.“ Er sieht ähnliches Potential wie beim Snooker, dessen WM-Finale 1985 auf 18 Millionen britische TV-Zuschauer kam. Davon ist Dart noch weit entfernt, doch in der BBC, die von der BDO-WM im Lakeside Country Club diese Woche täglich mehr als fünf Stunden überträgt, schalteten schon in der ersten Runde fast zwei Millionen ein, mit Marktanteilen über 15 Prozent.

          Vor allem das Live-Erlebnis Dart boomt. Mit dem Wechsel ihrer WM von einem Nachtklub in Purfleet in die Alexandra Hall in Nord-London hat die PDC ihr Tagespublikum auf über 2500 verdreifacht. Und für die Ende Januar beginnende Premier League im Dart sind über 50 000 Tickets verkauft. Wie für viele Männer mittleren Alters war das Spiel auch für Irwin „Teil ihrer Kindheit“, als man eine Scheibe hatte und ansonsten mit Dart „große Kerle mit lächerlichen Spitznamen“ verband, „die auf einer Bühne rauchten und tranken“. Typen wie Jocky Wilson, „der winzige Schotte, der nie seine Zähne reinigte“, weil, so seine berühmten Worte, bevor er mit 27 den letzten Zahn verlor, „meine Oma sagte, dass die Engländer das Wasser vergiften“.

          Ein früherer Postbote hat einen Dart-Boom ausgelöst

          Dart war ein bisschen peinlich, aber immer ein Hingucker. Auch heute hat es den Kontakt zur Basis nicht verloren. Seine Helden sehen in ihren seidenen Überwürfen mit Goldketten im Brustausschnitt nicht selten aus wie Zuhälter bei der Morgentoilette. Auch der Alkohol behauptet seinen Stammplatz. So erzählt TV-Kommentator Experte Sid Waddell gern von den 81 Gläsern Bier, die bei einem Turnier in den achtziger Jahren der Mann in der Schlange vor ihm bestellte, ehe er sich umdrehte und es erklärte: „Wir sind neun.“ Nur verändern sich allmählich die Flüssigkeiten. Kürzlich traf Waddell in Blackpool auf drei Spieler, „einer trank Chablis, einer Rotwein“. Und der Dritte hatte einen Tetrapack Liebfrauenmilch.

          Das Publikum heizt die rauhe Aura mit schrillem Jubel und hämischen Äußerungen an. Dem Titelverteidiger Raymond van Barneveld klingelte der Hohn über sein Aus bei der PDC-WM so in den Ohren, dass er sich künftig mit 400 Pfund teuren Hochleistungs-Ohrstöpseln wappnen will. Dabei hat der frühere Postbote und heutige Millionär in seiner niederländischen Heimat einen Dart-Boom ausgelöst. Ihm folgen Spieler wie der 18-jährige Fabian Roosenbrand, der in Lakeside den an Nummer zwei gesetzten Gary Anderson ausschaltete. Oder der 19-jährige Michael van Gerwen, dem in der ersten Runde der PDC-WM nur ein einziger Wurf in die doppelte Zwölf fehlte, um den 13-maligen Weltmeister Phil Taylor zu schlagen.

          Hearn hat „eine neue Generation von Spielern“ ausgemacht. Es sind nicht nur Teenager darunter, auch erwachsene Männer, die ihre Jobs aufgeben, um das Kneipen-Hobby zum Beruf zu machen. Im letzten Jahr erreichte gar Phill Nixon, ein fünfzigjähriger Hausmann und achtfacher Familienvater, das Finale der BDO-WM. In diesem Jahr hielt der Stahlarbeiter Kirk Shepherd bei der PDC-WM den Traum wach, dass jeder es schaffen kann. Ihm gelang, was für Tausende ein Märchen bleibt: Er spielte bei der WM, erreichte das Finale (in dem er John Part unterlag), verdiente 50.000 Pfund. Darauf beschloss er, seinen Fabrik-Job, der ihm pro Jahr 8000 einbrachte, aufzugeben. Der Boom des Spiels hat ein Erfolgsgeheimnis: Dart verheißt vielen den großen Wurf.

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