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Handball-Trainer Sigurdsson : Ein Isländer, furchtlos und stolz

Am liebsten Herr der Lage: Dagur Sigurdsson Bild: dpa

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft ist in die Ära Dagur Sigurdsson gestartet. Der aus Island stammende Bundestrainer hat ein klares Konzept, mit dem er das Team fit für die WM 2015 machen will.

          3 Min.

          Ach Island, stolzes Volk, reizvolle Insel. Dagur Sigurdsson kann sich gut vorstellen, in seiner Heimat eines Tages wieder beruflich tätig zu werden. Nicht unbedingt im Handball, seinem Spezialgebiet, sondern im Tourismus. „Ich bin eher flexibel“, sagt er, ein Mann mit diversen Interessen. Und sehr bekannt in Island, wie alle, die es im Handball zu etwas gebracht haben. Handball ist Volkssport dort, und bei Spielen der Nationalmannschaft sind Fernseh-Einschaltquoten von bis zu 80 Prozent keine Seltenheit. „Jeder, der Augen hat, guckt Handball“, sagt Sigurdsson.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber Island wird warten müssen, vermutlich noch eine ganze Weile, weil Sigurdsson auch in Deutschland längst eine Größe im Handball ist und nun dringend gebraucht wird, um das deutsche Ansehen in diesem Sport wieder zu mehren. Keine leichte Aufgabe natürlich. „Es ist schwerer geworden, nach oben zu kommen“, sagt Sigurdsson. Aber der Isländer macht nicht den Eindruck, als würde ihn das sonderlich schrecken. Der doppelte Trainer, engagiert bei den Füchsen Berlin und beim Deutschen Handball-Bund (DHB), wirkt entschlossen - und gab nun auch ein vielversprechendes Debüt beim DHB.

          „Eigene Handschrift hinterlassen“ gegen die Schweiz

          Das Nationalteam gewann in Göppingen bei seinem ersten Auftritt unter Sigurdssons Führung 32:26 gegen die Schweiz. Am Sonntag gab es in Neu-Ulm ein 28:28 gegen die Schweizer. Sigurdsson, sagte DHB-Präsident Bernhard Bauer zufrieden, habe sofort eine „eigene Handschrift“ hinterlassen. Der Isländer erledigte seinen Job unaufgeregt, er schien jederzeit Herr der Lage zu sein bei seiner Premiere.

          Handball ist in Island Volkssport: Sigurdsson ist ein typischer Vertreter der furchtlosen Art
          Handball ist in Island Volkssport: Sigurdsson ist ein typischer Vertreter der furchtlosen Art : Bild: dpa

          Das war bei seinem Vorgänger Martin Heuberger, der nun womöglich Nachwuchs-Koordinator beim DHB wird, zuletzt anders. So groß ist beim größten Handballverband der Welt das Vertrauen in Sigurdsson, dass bis zum Ende der kommenden Bundesliga-Saison eine Doppelfunktion des Isländers akzeptiert wird - eine Rolle, die er schon einmal eingenommen hatte, als er gleichzeitig die Füchse und das österreichische Nationalteam betreute. Das habe gut funktioniert, behauptet Sigurdsson. „Die Füchse waren zufrieden, die Österreicher auch.“

          Der Handball-Lehrer geht sehr pragmatisch vor. Er betont, dass Siege schlichtweg die beste Methode seien, um ein Team zu formen. „Dann scheint die Sonne.“ Er ist nun dabei, die deutsche Auswahl umzukrempeln, ohne dass daraus gleich eine Handball-Revolution werden soll. Gibt Talenten wie dem Berliner Paul Drux eine Chance, ändert ein wenig das Spielsystem, indem er etwa die Abwehr teilweise offensiver agieren lässt, verlangt grundsätzlich ein neues Selbstbewusstsein. „Man muss öfter bestätigen, wo man stehen will.“

          Neues Deutschland: Hendrik Pekeler setzt sich durch
          Neues Deutschland: Hendrik Pekeler setzt sich durch : Bild: dpa

          Seine Gefolgsleute scheinen schnell verstanden zu haben, was Sigurdsson von ihnen will. „Für die kurze Zeit, die wir zusammen waren, haben die Dinge, die Dagur gefordert hat, gut geklappt“, sagte Kapitän Uwe Gensheimer am Samstag. Neulinge wie Drux sind hochwillkommen. Der neue Bundestrainer macht aber auch klar, dass es keine Schonfrist für sie gibt. „Ich habe keinen eingeladen, um ihn reinzuschnuppern zu lassen.“ Sigurdsson verweist dabei auf sich selbst, auf seine Anfänge im Handball und darauf, dass er sofort Verantwortung übernommen habe. Wer sich auf den Isländer einlässt, muss sich an dieses Konzept halten, Sigurdsson gibt das unmissverständlich vor: „Ich versuche, meine Sachen ehrlich zu machen.“

          Qatar 2015: Keine weitere Diskussionen

          Die sportliche Lage der Deutschen ist immerhin ein bisschen entspannter, seit sie als Nachrücker doch noch zur Weltmeisterschaft 2015 in Qatar zugelassen wurden. Nach zwei verpassten Turnieren wieder eine Gelegenheit, sich auf einer großen Handball-Bühne zu präsentieren. Das Verfahren rief zwar heftige Kritik hervor, doch Sigurdsson sagt kategorisch: „Fakt ist: Wir sind da.“ Er mag keine weiteren Debatten darüber führen.

          Er sagt, dass er sich rund um den Handball „so wenig Drama wie möglich“ wünsche. Man wird sehen. Immerhin leistet Island in Gestalt von Sigurdsson nicht nur Hilfe für Deutschland, aus Island kommen auch harsche Töne zum Beispiel in Sachen Qatar. „Wenn wir andere Regeln aufstellen wollen, damit Deutschland dabei sein kann, weil es sich um einen wichtigen Markt handelt, dann müssen wir das diskutieren.“ Diese Worte stammen von Guðmundur Ólafsson, dem Chef des Handballverbandes von Island. Wirklich ein wehrhafter Menschenschlag. Das könnte nun ein Glück sein für den deutschen Handball. Aber auch für neue Turbulenzen sorgen.

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