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Goldsuche in Las Vegas : Wischen in der Wüste

Verspiegelte Welt: Curling-WM in Las Vegas Bild: AP

Curling braucht Aufmerksamkeit über Olympia hinaus. Warum nicht im Spielerparadies Las Vegas eine WM austragen? Die erfolgreichen Schweden um Skip Edin finden es cool.

          Jetlag ist was für Tennisspieler. Curler haben damit keine Probleme. Wenn sie aus Schweden kommen, schon mal gar nicht. So war die Reise von Skelleftea nach Las Vegas, von den schwedischen Titelkämpfen zur Weltmeisterschaft, für Niklas Edin und seine Männer keine Zumutung, sondern eine Herausforderung. Die sie erfolgreich meisterten.

          Erst sicherten sie sich im hohen Norden die schwedische Meisterschaft mit einem seltenen „Sechs-Ender“, dem Gewinn von sechs Punkten in einem Durchgang, im Halbfinale als Höhepunkt. Kaum zwei Tage später standen sie schon in den Weiten der Wüste von Nevada, hatten dort gerade einmal zwei Tage Zeit zur Anpassung, spielten dann ein Dutzend Vorrundenspiele binnen einer Woche, von denen sie elf gewannen. Und holten sich schließlich nach zwei weiteren Siegen in den Finalspielen das ersehnte Gold, gewannen ihren dritten WM-Titel nach 2013 und 2015.

          Niklas Edin, der 32 Jahre alte Skip des Teams, und seine Mitspieler Christoffer Sundgren, Rasmus Wrana und Oskar Eriksson, sind gleichermaßen sieggewohnt wie stressresistent. Professionelle Curler müssen hart im Nehmen sein. Ihre Turniere dauern lange, sie werden zumeist in „Round Robins“ ausgetragen, jeder gegen jeden, wobei jedes einzelne Match locker zwei Stunden dauert. Jeden Winter werden Europa- und Weltmeisterschaften ausgetragen, dazwischen weitere Wettbewerbe auf der weltweiten Tour. Und nur einmal alle vier Jahre, guckt auch die restliche Sportwelt auf das Geschiebe und Gewische: bei den Olympischen Spielen. Gecurlt wird wegen des engen Zeitplans praktisch immer, morgens um neun genau wie abends um acht. Irgendwann fallen manche Spieler dann auf, wenn sie oft genug im Bild sind.

          Besen hoch zum Sieg: ein 5:0 zur Pause gegen Kanada ist ein seltenes Zwischenresultat

          Dank seines markanten Bärtchens und seiner vielen Erfolge schaffte es auch Niklas Edin, zu einem Gesicht dieser Sportart zu werden. Dass er in Las Vegas seinem eigenen Konterfei auf Werbeplakaten mannshoch begegnete, erstaunte den smarten Schweden dann aber doch. Hier, in der Showtown, wo sonst eher Boxer, Sänger, Gambler und Elvis-Darsteller ihre Bühne finden, waren die Curler für eine gute Woche zumindest so etwas wie beste Nebendarsteller.

          Gespielt wurde in der Orleans Arena, einer 9500 Zuschauer fassenden Halle in einem Kasino mit angeschlossenem Hotel. #vegasrocks schrieb Edin mehrfach auf seiner Facebook-Seite, der coole Curler zeigte sich begeistert von der Kulisse, vor der er seiner sportlichen Kunst nachgehen sollten. Mehr als 170.000 Zuschauer besuchten die WM in der Nähe des Las Vegas Boulevards insgesamt, das ist mehr als normal. Das sind schon fast kanadische Verhältnisse, wo Curling neben Eishockey Volkssport ist, und nicht belächelte Außenseiter-Beschäftigung. Wegen des großen Zuspruchs findet jede zweite WM in Kanada statt, doch auf Dauer muss das Publikum auch an anderen Orten gefunden werden – warum nicht in der Wüste von Nevada, wo sich Spieler jeder Art wohlfühlen?

          Die Amerikaner sind sogar aktueller Olympiasieger, in Pyeongchang gewann Skip John Shuster mit seinen Männern nach verkorkstem Turnierstart und großer Aufholjagd völlig überraschend die Goldmedaille – dank eines Finalerfolgs gegen die Schweden um Edin übrigens. Bei der WM setzte Shuster nun allerdings aus, talkte stattdessen in Late-Night-Shows über Gott und die Curling-Welt, und musste miterleben, dass das amerikanische Ersatz-Team um Skip Rich Ruohonen als Vorrunden-Sechster im Playoff-Spiel ausgerechnet an Kanada scheiterte. Kanadas Skip Brad Gushue ist freilich nicht irgendwer – er war schon 2006 Olympiasieger und 2017 noch einmal Weltmeister. Doch im Finale an diesem Sonntag unterlag der Routinier dem fehlerfreien Schweden Edin deutlich mit 3:7, nachdem es nach der Hälfte des Spiels schon 0:5 gestanden hatte. Ein seltenes Zwischenresultat.

          Starke Schweden: Christoffer Sundgren, Rasmus Wranaa, Oskar Eriksson und skip Niklas Edin feiern ihren WM-Sieg.

          Edin zeigte im Spieler-Paradies einmal mehr sein besonderes Gespür fürs Spiel. Der sechsmalige Europameister bezeichnet sich selbst als ausgesprochenen Multisportler, von Fußball über Tennis, Leichtathletik und Golf hat er schon alles ausprobiert. Curling ist seine Profession und Leidenschaft, er spielt es wie Snooker, artistisch mit der Nase und den Augen beim Draw so nah wie möglich am Boden, um das richtige Gespür fürs Eis zu finden.

          Als Erfolgsgeheimnis bezeichnet er neben seiner Gelenkigkeit, seiner Fitness und seines taktischen Geschicks vor allem seine mentale Stärke: „Du musst das Vertrauen in dich haben, dass du alle Spielsituationen lösen kannst“. Dazu gehört auch, sich von äußeren Einflüssen nicht beirren zu lassen. Wenn auf dem Weg zum WM-Spiel im Kasino Menschen an einarmigen Banditen schwitzen, im Saal nebenan Popstars singen, draußen der Pool glitzert und hinterm Haus die Wüste flirrt, dann ist das eben so. Kein Grund, sich ablenken zu lassen. Und Müdigkeit darf bei einem solchen Turnier in einer solchen Stadt sowieso nicht aufkommen.

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