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Pandemie bedroht Bedenkzeit : Warum klassisches Schach plötzlich so altbacken wirkt

  • -Aktualisiert am

Blitzfreund: Hikaru Nakamura Bild: dpa

Schach erlebt derzeit vor allem im digitalen Bereich einen Boom. Das wirkt sich auch auf das Spiel selbst und seine Wettkampfformen aus. Kritiker sind alarmiert – aus zwei Gründen.

          3 Min.

          Vor ein paar Monaten galt Schach auf der Gamer-Plattform Twitch noch als unbedeutende Nische. In der Nacht zum Montag war der Schachkanal GMHikaru erstmals der meistbesuchte englischsprachige Stream. „Unglaubliche Höhen erreicht, die ich nie für möglich gehalten hätte“, freute sich Hikaru Nakamura auf Twitter. Erst vor einigen Tagen hatte der amerikanische Weltklassespieler mitgeteilt: „Ich glaube, ich habe meine Berufung gefunden. Die Chancen sind hoch, dass ich jetzt Profi-Streamer werde und meine Auftritte am Brett in Zukunft stark einschränke.“

          In seinem besten Jahr 2015 hatte Nakamura einige große Turniere gewonnen und war für kurze Zeit hinter Magnus Carlsen die Nummer zwei im Spiel mit klassischer Bedenkzeit. Seitdem hat Nakamura achtzig Elopunkte eingebüßt. Inzwischen belegt der 32 Jahre alte Amerikaner nur noch Platz 18 der Weltrangliste. Was den Verdienst betrifft, dürfte er unter den Schachprofis allerdings derzeit gleich hinter dem Weltmeister Carlsen die Nummer zwei sein.

          Vor der Webcam gegen Fans

          Bereits mehr als 6000 Abonnenten zahlen fünf amerikanische Dollar pro Monat, um GMHikaru live zu sehen. Dazu kommen Premium-Abonnenten und Werbeeinnahmen. Begeisterte Zuschauer lassen Trinkgelder springen oder spenden freie Abos. Auch wenn Nakamura diese Einnahmen mit Twitch teilen muss, verdient er daran mehr als an Preis- und Startgeldern. Seiner Bildschirmpräsenz verdankt er zudem Sponsorverträge mit der Schachplattform Chess.com und mit Red Bull.

          Vor seiner Webcam spielt Nakamura gegen Fans, erklärt seine Züge und beantwortet ihre Fragen. Vorigen Dienstag streamte er seine Partien vom Online-Blitzturnier „Titled Tuesday“, das er gewann. Ins Mikrophon plaudernd fertigte er einen Großmeister nach dem anderen ab. „Das macht mir Riesenspaß, und ich habe die Gelegenheit, diese Freude allen zu bringen“, sagt Nakamura. Seine Reichweite enorm vergrößert hat er, indem er prominente Gamer auf seinen Kanal einlädt. Seit Monaten gibt er Félix Lengyel, einem kanadischen Gamer, der besser unter dem Namen xQc bekannt ist, Schachunterricht. Zwei Streamer zusammenzuschalten gehört bei Twitch zum Grundstandard. Einen Teil der Sendungen lädt er anschließend auf seinem Youtube-Kanal hoch, wo weitere Werbeeinnahmen fließen. Praktisch täglich poppen inzwischen bei Twitch neue Schachkanäle auf, die seinem Geschäftsmodell nacheifern.

          Oberflächlich und kaum Lernwert?

          An diesem Dienstag beginnt das erste Onlineturnier der mit einer Million amerikanischen Dollar dotierten Magnus-Carlsen-Tour, und Nakamura ist wieder dabei. Dabei streamt der Server chess24 zwar exklusiv, aber nach den Runden erscheint er gewöhnlich auf GMHikaru und analysiert für seine Abonnenten die interessantesten Positionen. So hielt er es während des ersten vom Weltmeister organisierten Einladungsturniers im April, in dem er erst im Finale von Carlsen geschlagen wurde.

          Im Internet wird praktisch nur mit kurzen Bedenkzeiten gespielt. Viele Trainer sind sich einig, dass Partien mit weniger als zehn Minuten zu Oberflächlichkeit und Fallenstellen verleiten und darum kaum Lernwert haben. 15 Minuten für eine Partie plus zehn Sekunden pro Zug wie bei den Carlsen-Turnieren sind derzeit fast schon die Obergrenze. Das geht auf Lasten der Qualität. Meisterpartien, die Zug für Zug studiert werden können, sind rar. Traditionalisten fürchten, dass das klassische Schach mit langer Bedenkzeit nach der Covid-19-Pandemie nicht mehr seine frühere Sonderstellung haben wird. Carlsen gewann seine letzten beiden WM-Kämpfe jeweils erst im Stechen mit verkürzter Zeit. Ginge es nach ihm, würde der Titel von vornherein in einem Mix der Bedenkzeiten ausgespielt.

          Nakamura sagt: „Partien, die fünf Stunden dauern, sind lächerlich.“ Die kurzen Bedenkzeiten mag er dagegen alle. Übers Bulletschach mit einer Minute für die ganze Partie hat er sogar ein Buch geschrieben. Dabei kommt es darauf an, effektiv Fallen zu stellen und gegnerische Fallen blitzschnell zu erkennen. Bei so wenig Bedenkzeit muss man, während der Gegner dran ist, den nächsten eigenen Zug schon eingeben aber die Maustaste gedrückt halten.

          Fürs klassische Schach arbeitet er zu wenig an seinem Eröffnungsrepertoire. Im Schnell- und Blitzschach aber zählt Nakamura weiterhin zu den Besten und ist einer der Favoriten des heute beginnenden Turniers. Erreicht er das Viertelfinale, was recht wahrscheinlich ist, erwarten ihn Doppelschichten. Sein amerikanischer Klub veranstaltet ebenfalls ein lukratives Onlineturnier. Es findet zeitversetzt ein paar Stunden später statt. Von der Last des Reisens befreit kein Problem.

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