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Radrennen in Corona-Krise : Warum die Tour de France weiter auf Zeit spielt

  • -Aktualisiert am

Wichtiges Element der Tour de France: Fans an der Strecke Bild: AFP

Die Organisatoren der Frankreich-Rundfahrt haben noch immer nicht entschieden, was mit ihrem wirtschaftlichen Zugpferd in Zeiten von Corona passiert. Viele Fragen sind offen – und die Zeit drängt.

          3 Min.

          Die Sportwelt wartet auf die Tour de France. Nicht auf das Peloton, sondern auf die Absage der Großen Schleife für dieses Jahr, wenigstens auf die Verschiebung des bedeutsamsten Radrennens. Aber der Cheforganisator hält sich zurück. Während die Fußball-EM im Juni längst verschoben ist, die Olympischen Sommerspiele in Tokio um ein Jahr auf Ende Juli 2021 „vertagt“ wurden, das Tennisturnier von Wimbledon im Juli ausfallen muss, hängt die Radsportszene in der Luft. Die 107. Tour soll vom 27. Juni bis zum 19. Juli 2020 ausgetragen werden.

          Bis zum 15. Mai will Christian Prudhomme, der Tour-Direktor und Chef des Veranstalters Amaury Sport Organisation (Aso), angeblich noch warten mit seiner Entscheidung. Er spielt auf Zeit. „Meiner Meinung nach wartet die Aso wegen zwei Hauptgründen länger“, sagt der Sportökonom Pierre Rondeau. „Der offizielle Grund ist, dass man für die Tour keine Qualifikation für die Fahrer braucht, um sie zu organisieren. Im Gegensatz zu den Olympischen Spielen ist es möglich, zu warten. Außerdem schafft die Verschiebung der Olympischen Spiele die Möglichkeit, die Tour im August fahren zu lassen. In Frankreich überträgt France Télévision die Tour und die Olympischen Spiele, das wäre also eine gute Alternative. Prudhomme hofft wohl, die Pandemie könnte vor Juni beendet sein. Er betet sicherlich jeden Tag.“

          Drängen auf eine Entscheidung

          Die Bürgermeister einiger Etappenorte aber drängen auf eine frühere Entscheidung. „Eine Verschiebung wäre eigentlich die beste Alternative für uns“, sagte Yann Cucherat, stellvertretender Bürgermeister für Sport im Rathaus von Lyon (14. und 15. Etappe), dieser Zeitung. Michel Valla, Bürgermeister von Privas in der Ardèche (Etappen vier und fünf), drängt zur Eile: „Die Aso hat alle Rennen bis zum 1. Juni ausgesetzt, aber für die Tour warten die Organisatoren bis zur letzten Minute. Wir müssen aber schnell wissen, woran wir sind.“ In Sisteron macht man sich dagegen keine Illusionen: „Für mich ist es schon klar, dass es nicht mehr möglich ist, die Tour normal an den geplanten Daten zu machen“, sagte Cyril Rouvier, stellvertretender Bürgermeister von Sisteron (dritte und vierte Etappe). „Egal, ob die Ausgangsbeschränkung Ende April oder Mitte Mai zum Ende kommt, es wird zu spät sein, um die logistischen Bedingungen und sanitären Einrichtungen zu gewährleisten.“

          Tour der Hoffnung: Absage oder nur Verschiebung?
          Tour der Hoffnung: Absage oder nur Verschiebung? : Bild: EPA

          Ein Rennen ohne Zuschauer, wie es die französische Sportministerin Roxana Maracineanu vorgeschlagen hatte, wollen alle am Geschäft Beteiligten offenbar verhindern. „Wir sollten die Tour am 1. Juli empfangen, das wäre zehn bis fünfzehn Tage vor dem Beginn der touristischen Saison gewesen, perfekt für uns“, sagt Valla aus der 8000-Seelen-Gemeinde Privas: „Ohne die Tour und ohne die Ausländer wird es schwierig für uns. Zwischen 60 und 70 Prozent der Touristen im Sommer kommen aus dem Ausland.“ Aber selbst eine Verschiebung der Tour um ein Jahr würde den kleinen Gemeinden nicht helfen, sondern zunächst viele Fragen aufwerfen.

          „Wenn die Tour dieses Jahr abgesagt wird, führt sie dann im nächsten Jahr durch die gleichen Orte? Der Unterschied zwischen der Tour und Wimbledon ist groß in Bezug auf die logistischen Fragen“, sagt der Sportökonom Rondeau. Große Städte wie Poitiers (261.000 Einwohner) oder Lyon (513.000) können ihr Budget für die Tour ein weiteres Jahr erhalten. Die kleinen Kommunen schaffen das nicht. „Für die Ankunft und die Abfahrt der Tour haben Sisteron und der Landkreis 200.000 Euro bezahlt. Wir haben 7200 Einwohner, das ist also sehr viel für uns“, sagt Rouvier. „Wenn die Tour auf 2021 verschoben werden soll, wird es für uns schwierig, sie im nächsten Jahr zu empfangen. Das Budget muss eher für die Unterstützung unserer kleinen Unternehmen verwendet werden. Wir haben hier sehr viele Handwerker und Unternehmen, die vom Tourismus leben.“

          Mit der Tour macht die Aso 150 Millionen Euro Umsatz pro Jahr; unter anderem erhält sie 90 Millionen für den Verkauf der TV-Rechte. Es ist möglich, dass das französische Fernsehen der Aso wegen der langen Zusammenarbeit entgegenkommt; die ausländischen Sender aber werden kaum zahlen, sollte die Tour nicht rollen. Wie das Tennisturnier von Wimbledon soll die Aso allerdings gut versichert sein gegen einen Ausfall. „Ich darf über den Vertrag nicht sprechen, aber heute haben 80 Prozent der großen Sportorganisatoren eine Absageversicherung unterschrieben“, sagt Laurent Cellot, Versicherungsmakler bei Gras-Savoye Sports und dort zuständig für die French Open. „Seit 2015 und seit den Anschlägen in Paris werden mehr und mehr Versicherungen unterschrieben. Die Großunternehmen im Sport sind sich bewusst, dass solche Ereignisse wegen Epidemien, Anschlägen oder meteorologischer Bedingungen abgesagt werden können. Deshalb werden diese speziellen Versicherungen unterschrieben.“

          Der deutsche Radprofi Nils Politt hofft weiter auf einen Start der Tour in diesem Jahr. Er glaube nicht an den vorgesehenen Termin, sagte der Fahrer vom Team „Israel Startup Nation“ im Deutschlandfunk. Politt denkt an eine Verschiebung auf Anfang August. „Für alle Radsportteams wäre es sehr, sehr wichtig, wenn die Tour stattfinden würde, gerade auch für die Sponsoren. Mit der Pandemie müssen wir leben, aber man kann deswegen nicht alles absagen und sich zu Hause einsperren.“ Sollte in diesem Jahr gar kein weiteres Rennen mehr stattfinden, werde es extrem schwierig für alle Teams, sagte Politt, der auch eine Tour de France ohne Zuschauer akzeptieren würde. Das wäre „besser als gar keine Tour de France“.

          Geplante Tour-Austragung nach Macron-Ansprache nahezu ausgeschlossen

          Die Austragung der diesjährigen Tour de France zum angedachten Termin (27. Juni und 19. Juli) scheint nach den jüngsten Aussagen von Emmanuel Macron nahezu ausgeschlossen. Frankreichs Staatspräsident kündigte am Abend des Ostermontag in einer Fernsehansprache an, die strikten Sicherheitsmaßnahmen im Zuge der Coronakrise landesweit bis zum 11. Mai zu verlängern. Weiter erklärte Macron, dass „Veranstaltungen mit großem Publikum frühestens Mitte Juli abgehalten werden“ könnten. Davon wäre auch die 107. Auflage des weltweit wichtigsten Radrennens betroffen, dessen Veranstalter eine mögliche „Geister-Tour“ zuletzt ausdrücklich ausgeschlossen hatte. Die Frankreich-Rundfahrt werde „nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden“, hatte Tour-Boss Christian Prudhomme betont. (sid)

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