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Sport trotz Corona-Krise : Das kuriose Tennisturnier im Westerwald

Bei der ersten Live-Sportveranstaltung seit Wochen wird Sicherheit großgeschrieben. Für Benjamin Hassan gehört der Mund-Nasen-Schutz dazu. Bild: Reuters

Ein kleines Schauturnier in einem beschaulichen Ort namens Höhr-Grenzhausen belebt in der Corona-Krise eine Weltsportart. Von der Normalität ist das Geschehen aber noch ein ganzes Stück entfernt.

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          Immerhin: Es ist Tennis. Kein rauschender Wiederbeginn mit großen Stars und großer Show, aber doch unverkennbar Tennis. Im Wettbewerbsformat. Um Spiele, Sätze und Siege und sogar ein kleines bisschen Prestige. Nach wochenlangem Stillstand hat ein kleines Schauturnier in der beschaulichen Kleinstadt Höhr-Grenzhausen inmitten des Westerwalds damit am Wochenende quasi eine komplette Weltsportart vorsichtig wiederbelebt. Ganz sanft nur und in ihrer vielleicht ursprünglichsten Form. Aber eben doch mit dem ersten professionellen Tennis-Wettkampf seit Ausbruch der Corona-Pandemie.

          Wer sich seit Freitag in einen der Internet-Livestreams der sogenannten „Tennis Point Exhibition“ klickte, der sah dort einen Sport in beinahe maximaler Reduzierung. Vermittelt mit professioneller Bildregie und versehen mit einem fachkundigen Live-Kommentar zwar, aber eben auch ohne so vieles, das bei Profi-Tennisturnieren normalerweise dazugehört. Ohne Zuschauer beispielsweise, was etwa die gelegentlichen Frotzeleien zwischen den beiden jeweiligen Kontrahenten für den Zuschauer am Bildschirm gut hörbar machte. Ohne Linienrichter oder gar Hawk-Eye-Technologie, ohne Pausenprogramm. Und nicht zuletzt ohne Ballkinder, wodurch die Spieler immer wieder selbst zum Bällesammeln über den Platz schlurfen mussten.

          „Es war wie ein Trainingsmatch mit einem Kumpel“, berichtete entsprechend auch Yannick Hanfmann nach seinen ersten Auftritten bei dem kleinen Event. Der 28-Jährige ist als Nummer 143 der aktuell eingefrorenen Weltrangliste der am höchsten notierte Spieler im achtköpfigen Teilnehmerfeld, das überwiegend Spieler aus der Region aufweist. Vor dem Abschluss des Turniers an diesem Montag lag er auf Finalkurs. „Ein bisschen strange“ sei die „Geisterstimmung“ in der Halle zwar schon gewesen, merkte er an. Aber: „Wir wollten wieder Tennis spielen und sind mega-happy, dass das hier geklappt hat.“

          Kein Turnier wie jedes andere: Auch an Desinfektionsmittel mangelt es nicht.

          Tatsächlich war den Veranstaltern des viertägigen Turnierformats mit der Ausrichtung dieses ersten Aufschlags für den Tennissport seit Anfang März ein beachtlicher Coup geglückt. Für einen kurzen, bis in alle Ewigkeit wohl einmaligen Moment nämlich schaute wenigstens die gesamte Tennis-Welt gebannt auf die knapp 10.000-Einwohner-Gemeinde Höhr-Grenzhausen. Die Plattform „Tennis Channel“ – laut eigenen Angaben mit über 62 Millionen Abonnenten allein in den Vereinigten Staaten – überträgt die Spiele live, von der „New York Times“ über, CNN, den britischen „Telegraph“ bis zur „Marca“ berichteten plötzlich renommierte Medien weltweit über den Wettbewerb im „Kannenbäckerland“.

          „Das Feedback war der Wahnsinn“, sagte Rodney Rapson, der Initiator des Events, gegenüber dieser Zeitung. Sowohl von den Medien als auch von anderen Sportorganisationen oder Ausrichtern seien unzählige Anfragen an die Veranstalter gerichtet worden. Das Schauturnier im Westerwald sei schließlich „eine Art Pilotprojekt, nicht nur fürs Tennis, sondern für den gesamten Sport“, meinte Rapson nicht ohne Stolz. Und wenn die Welt eines Tages wieder etwas mehr zur Ruhe gekommen sei, könne man immer noch sagen: „Wir waren die, die den Sport zurückgebracht haben.“

          Die penibel genaue Vorbereitung hat sich also offenbar gelohnt. An jedem Morgen hatte bislang die örtliche Polizei vorbeigeschaut, um die Einhaltung der strengen Sicherheitsauflagen zu überprüfen. Nachdem es nichts zu beanstanden gab, konnten die Spiele beginnen. Erst im Gruppenformat, jeder gegen jeden, über zwei Gewinnsätze bis vier. Dann am Montag noch mit Plazierungsspielen und dem Finale. Das ausgeschüttete Preisgeld beträgt rund 25.000 Dollar.

          Von Normalität war und ist das Geschehen auf der roten Asche von Höhr-Grenzhausen allerdings trotz allem noch ein ganzes Stückchen entfernt. Das wurde spätestens dann wieder klar, als die ersten Spieler das Spielfeld mit Schutzmasken betraten. Oder wenn sie während der Seitenwechsel auf gegenüberliegenden Seiten des Courts Platz nahmen, um die Distanz zu maximieren. Wenn das obligatorische Händeschütteln am Netz nach dem Ende der Partie durch eine höfliche Verbeugung ersetzt wird. Oder wenn sie zum Siegerinterview, sonst in der Regel recht launig von einem Moderator auf dem Court geführt, an ein etwas verloren in einem Ständer stehenden Mikrofon treten. Eher wie ein Stand-up-Comedian oder ein Poetry-Slammer denn wie ein Tennisprofi sehen sie in diesem Moment aus.

          Die Freude daran, endlich wieder ihrem Beruf nachgehen zu können, konnten all diese Begleitumstände den Spielern allerdings spürbar nicht nehmen. „Ich denke, dass am Ende des Tages alle Jungs hier einfach nur froh sind, sich wieder auf dem Platz messen zu können“, sagte beispielsweise Dustin Brown, der durch seinen Sieg in Wimbledon 2015 gegen Rafael Nadal zweifellos prominenteste Starter des Turniers. „Es ist alles immer noch ein bisschen surreal, wenn man überlegt, was in der Welt gerade los ist. Aber es fühlt sich großartig an.“ Schließlich ist es einfach nur Tennis. Und schon das ist in diesen Tagen ja eine außergewöhnliche Nachricht.

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