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Jürgen Kaube (kau)

Ein Hoch auf das Schach : Jenseits von Mensch und Raum

  • -Aktualisiert am

Desinfektion beim Kandidatenturnier in Jekaterinenburg: Schachspieler Alexander Grischuk Bild: Reuters

Beim Fußball oder Tennis laufen derzeit Wiederholungen alter Spiele auf beinahe allen Sendern auf und ab. Da bietet Schach einen wohltuenden Vorteil. Und der hat überhaupt nichts mit Zeit zu tun.

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          Eine der letzten Sportarten, die der Pandemie halber ihre Wettkämpfe einstellte, war ironischerweise das Schach. Im sibirischen Jekaterinenburg wurde am 26. März das Kandidatenturnier um den Zugang zum Titelkampf gegen Weltmeister Magnus Carlsen abgebrochen. Nicht aus Sorge um die Gesundheit der acht Spieler, sondern weil durch das Flugverbot der russischen Regierung ihre Ausreise nach dem Turnier gefährdet war. Die Ironie daran: Schach ist eine der wenigen anerkannten Sportarten, die nur auf die Geistesgegenwart, aber nicht auf die gemeinsame physische Anwesenheit ihrer Teilnehmer angewiesen ist.

          Zwar vereinfacht solche Präsenz die Kontrolle, ob wirklich ohne Hilfsmittel gespielt wird. Zumindest bei Spitzenkämpfen wäre es aber nicht schwer, das anders sicherzustellen. Zwar genießen manche Freunde des Spiels den Anblick stundenlanger Konzentration oder schnelle Zugabfolgen bei Zeitnot. Mitunter sind diese dann allerdings zu schnell, um noch nachverfolgt werden zu können. Zumeist ist das Spielgeschehen jedoch vollständig durch den Ortswechsel der Figuren auf dem Brett abgebildet. Eine Schachpartie ist ihre Aufzeichnung plus der Stand zweier Uhren. Darum fehlt dem Zuschauer auch so gut wie nichts, wenn Partien wie die in Jekaterinenburg im Internet genau so übertragen werden: durch Veränderungen auf einem Brett sowie zwei Zeitangaben, begleitet von Kommentatoren. Letztere sind hier keine Sportjournalisten, sondern Spieler von Rang, die – ihrerseits nicht zwingend am Spielort anwesend – verständlich machen können, was gerade geschah und nun weiter geschehen könnte.

          Diese Besonderheit des Schachs, von körperlichen Vollzügen weitgehend unabhängig zu sein, hat gerade die Internetseite chessbase.com für ein interessantes Experiment genutzt. Schachkämpfe, mag man sich dort gesagt haben, müssen gar nicht aktuell stattfinden, um übertragen werden zu können. Man kann auch solche übertragen, die schon stattgefunden haben. Übertragen hieß hier: Die Partien des legendären Wettkampfs „UdSSR gegen den Rest der Welt“ von 1970 in Belgrad im Internet Zug für Zug ablaufen und von einem heutigen Großmeister, in diesem Fall Klaus Bischoff aus München, kommentieren zu lassen.

          Anders als in Sportarten wie Fußball oder Tennis, wo Wiederholungen alter Spiele stark im Zeichen von Nostalgie stehen, bietet das Schach der Vergangenheit eine stärkere Frische. Jeder Interessierte weiß, wie es kam, dass Italien 1970 Deutschland schlug. Doch wer selbst unter Schachfreunden könnte schon sagen, weshalb Lajos Portisch 1970 gegen Viktor Korchnoi in der ersten Runde nur Remis spielte? Während jedes Kind einem Fußballspiel von 1970 – sagen wir: Deutschland gegen England in Léon – ansieht, dass es in der versunkenen Vorgeschichte der Gegenwart stattfand, wird man das von Fischer gegen Petrosjan nicht im selben Sinn und jedenfalls nicht von jeder Phase der Partie sagen. Die „leicht zeitversetzte“ Übertragung ist für die meisten Zuschauer ähnlich spannungsreich und weiterbildend wie ein aktuelles Turnier, die Fiktion funktioniert.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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