https://www.faz.net/-gtl-9yfq3

Rennen noch im Mai? : Der Galoppsport steht in den Startboxen

  • -Aktualisiert am

Geht es bald wieder auf die Bahn? Die Galopper wollen weitermachen. Bild: dpa

Wegen des Coronavirus pausieren in Deutschland auch die Reiter. Doch die Galopper wollen schon bald wieder Wettkämpfe abhalten. Warum haben sie es so eilig? Und wie soll das funktionieren?

          2 Min.

          Für den schon 99 Jahre alten Hein Bollow sind es einsame Zeiten. Zu seinem Alltag gehörte bislang der regelmäßige Besuch im Stall Asterblüte in Köln-Weidenpesch, denn Galopprennpferde sind sein Leben – auch weit über seine Aktivenzeit hinaus. Bis 1963 ritt Bollow 1033 Vollblüter zum Sieg, danach sattelte er bis 1988 als Trainer 1661 Sieger – und ist somit einer der wenigen Menschen weltweit, die über die Tausendermarke in beiden Berufen sprangen. Doch wegen der Corona-Pandemie sitzt Bollow nun seit Wochen in einem Kölner Seniorenheim fest, nur eine Pflegerin darf ihn sehen.

          Verpassen Sie keinen Moment

          Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Als kleinen Trost schicken ihm viele Galoppfreunde nun Grüße und Erinnerungen. Dazu werden wöchentlich Fotos und kleine Geschichten aus seinem Leben im Fachblatt „Sport-Welt“ abgedruckt. Es ist Ausdruck der Solidarität, die der Präsident des Dachverbands Deutscher Galopp, Michael Vesper, zu Corona-Zeiten im Sport verspürt. Und die auch dringend benötigt wird, denn dem deutschen Galoppsport droht der wirtschaftliche Kollaps, wenn es nicht bald wieder los geht. Aktuell richten sich die Planungen und Hoffnungen deshalb auf den 1. Mai. Der Verband hat einen vorläufigen Rennkalender mit 22 Renntagen quer durch die Republik verteilt vorgestellt.

          Alles ohne Zuschauer

          Natürlich alles ohne Zuschauer, auch ohne Pferdebesitzer, nur mit einem Minimum an Personal, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Wie sich „Geisterrennen“ anfühlen, weiß Filip Minarik, seit vielen Jahren einer der erfolgreichsten Jockeys in Deutschland. Zum dritten Mal in Folge hat er bis Ende März ein paar Wintermonate in Japan verbracht. „Die Rennen dort sind seit einem Monat ohne Zuschauer“, so der 45-Jährige. „Das ist ein gewaltiger Unterschied, denn die Zuschauer machen den Rennsport hier aus. Da fehlen an einem Sonntag 50.000 Menschen.“ So viele sind es in Deutschland nicht, aber der Galoppsport ist auch hier ein Publikumssport. Doch Rennen ohne Zuschauer sind eben besser als gar keine und so sagt der Verbandschef Vesper: „Wir stehen buchstäblich in den Startboxen, um unsere Leistungsprüfungen eingeschränkt und ohne Gefährdung von Zuschauern und Rennsportbeteiligten wieder aufzunehmen.“

          Geplant ist, die Rennpreise um die Hälfte zu kürzen, nur der Mindestrennpreis von 3000 Euro soll erhalten bleiben. Gewettet werden darf, die führenden Wettvermittler haben angekündigt, auf ihre Provision zu verzichten. „Das zeigt die große Solidarität bei dem Bestreben gemeinsam wieder aus der Krise herauszukommen“, so Vesper. Doch trotz der Wetteinnahmen bliebe eine große finanzielle Last bei den Vereinen, die ihre Renntage ohne Eintrittsgelder und mit einem deutlich verringertem Sponsorenaufkommen veranstalten müssten. Angesichts der ohnehin schon prekären Situation vieler Vereine ein Balanceakt, der ohne Mäzene sicher nicht gelingen wird. Gerald Geisler, Trainer in Iffezheim bei Baden-Baden, warnt deshalb: „Im Prinzip bin ich für Geisterrennen, allerdings nur, wenn sich daraus für alle Beteiligten ein nicht noch größerer wirtschaftlicher Schaden entwickelt. Es bringt ja nichts, wenn ein Rennverein zwei Geisterrenntage veranstaltet und danach insolvent gehen muss.“

          Seine Münchner Kollegin Sarah Steinberg betont: „Es wäre sehr wichtig, dass der Rennbetrieb im Mai wieder losgehen kann. Dafür muss aber die ganze Wirtschaft wieder angekurbelt werden.“ Ein Rennpferd koste schließlich Unterhalt – rund 1500 Euro im Monat. „Mit Sicherheit wird der Rennsport auch einige Besitzer verlieren, die den Shutdown nicht länger aussitzen können“, befürchtet Steinberg.

          Der ebenfalls in München tätige Trainer Werner Glanz hofft auf den Vorreiter Fußball: „Wenn in der Bundesliga der Ball wieder rollt, dann gibt es eigentlich keine Argumente gegen das Veranstalten von Pferderennen.“ Sein Kollege Jan Korpas in Berlin-Hoppegarten aber kann der Situation zumindest etwas Gutes abgewinnen: „Das einzig Positive an der ganzen Sache ist, dass die Hektik verschwunden ist. Man kann sich morgens schon einmal ein bisschen mehr Zeit lassen und warten, bis die Sonne aufgeht, ehe man auf die Bahn geht.“

          Weitere Themen

          Fußball-EM unterm Regenbogen

          Politisches im Stadion : Fußball-EM unterm Regenbogen

          Vom Dackel bis zum Außenminister: Viele bekennen Farbe im Sinne des Regenbogen-Protestes. In der Arena sind zwar nur wenige Fahnen zu erkennen, aber die negative Wirkung der Debatte.

          Antritt unter Druck

          Tour de France 2021 : Antritt unter Druck

          Der deutsche Rad-Rennstall Bora-hansgrohe will bei der Tour de France endlich wieder eigenen Ansprüchen genügen. Doch im Gepäck schleppt das Team einige Ungewissheiten und viel Druck mit sich herum.

          Topmeldungen

          Politik im Fußball : Wenn der Hass geweckt wird

          Die Schlacht von Göteborg 1958 war ein Musterbeispiel für die Politisierung des Fußballs. Auch heute gilt: Egal, mit welcher Botschaft er sich in seiner aggressiven Beschränktheit auflädt, es ist die falsche.

          Fragen und Antworten : Was macht Delta so gefährlich?

          Wie ansteckend ist die in Indien festgestellte Variante des Coronavirus, was müssen Geimpfte beachten und welche Informationen haben wir über die neueste Mutante „Delta plus“? Die Antworten in Kürze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.