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Radsport in der Krise : „Dann ziehen wir das durch“

  • -Aktualisiert am

Hohe Hürden: Der Radsport steht vor ungewissen Monaten. Bild: dpa

Der Teamchef des Profi-Radteams Bora-hansgrohe, Ralph Denk, spricht im Interview über die Probleme nach der Verschiebung der Tour de France und das derzeitige Gedränge im Radsport angesichts der Corona-Pandemie.

          2 Min.

          Die Tour de France soll nun bis weit in den September hinein stattfinden: ein Hoffnungsschimmer oder eine trügerische Hoffnung für den Radsport?

          Mehr als nur ein Hoffnungsschimmer. Ich gehe fest davon aus, dass wir am 29. August in Nizza von der Startrampe rollen werden.

          Neben der Tour sollen bis Jahresende auch die beiden anderen dreiwöchigen Landesrundfahrten Giro d’Italia und Vuelta a España sowie die großen Klassiker nachgeholt werden. Das klingt äußerst unrealistisch.

          Das finde ich nicht. Wenn wir im September die Tour fahren, könnten im Oktober die Weltmeisterschaften und der Giro stattfinden. Die Vuelta könnte man klimatisch auch noch in den Dezember hinein fahren. Wir als Team sind bereit, bis Weihnachten zu fahren. Wenn wir dann noch die fünf Monumente wie zum Beispiel Paris–Roubaix reingeschoben bekämen, hätten wir beinahe alles gerettet im Radsport. Dann könnten wir am Jahresende sagen: Es ist fast alles gut.

          Wäre solch ein dichter Takt von Großveranstaltungen für die Teams personell und logistisch zu stemmen?

          Ja, weil wir zum Wiedereinstieg sehr ausgeruht ankommen werden. Dann krempeln wir die Ärmel hoch und ziehen das durch. Denn diese Rennen sind die Schlüsselereignisse unserer Branche. Von denen leben wir. Von denen wird die große Strahlkraft erzeugt. Bei denen entsteht das wahnsinnig gute Preis-Leistungs-Verhältnis für Sponsoren.

          Klare Meinung: Ralph Denk
          Klare Meinung: Ralph Denk : Bild: Imago

          Wenn nicht alles gut werden würde: Wäre es denkbar, als einziges Rennen des Jahres nur die Tour de France irgendwie durchzupeitschen?

          Das wäre Plan B. Damit hätten wir 70 Prozent des Jahres-Werbewerts erreicht. Damit könnten wir auch noch leben.

          Und wenn gar nichts gut werden würde und 2020 kein einziges Rennen stattfinden könnte?

          Das wäre ein erheblicher Rückschlag für den Radsport, der existentielle Gefahren mit sich brächte.

          Auch für Bora-hansgrohe, das größte deutsche World-Tour-Team, das Sie leiten?

          Aktuell nicht. Aktuell planen wir ganz klar in Richtung Tour de France. Aber wir bewerten die Situation mit unseren Sponsoren in kurzen Abständen. Wir haben tolle Partner, die zu ihrem Engagement und Investment stehen. Wir haben uns entschlossen, die April-Gehälter von Fahrern und Team voll auszuzahlen.

          Und wie geht es mit der Bezahlung weiter im Mai, Juni, Juli?

          Wir entscheiden das Monat für Monat. Viel hängt davon ab, wann wir die Saison fortsetzen. Bis dato wissen wir nur vom Startpunkt der Tour am 29.August. Der Weltverband UCI hält aber noch eine Wiederaufnahme der Saison am 1.Juli für möglich.

          Nun ist der Radsport im Besonderen eine transnationale Angelegenheit mit Teams, Fahrern und Rennen in zig Ländern, die unterschiedlich hart getroffen sind von der Pandemie...

          ...das macht es sicher nicht einfacher. Da hat es eine Fußball-Bundesliga sicher leichter. Meine persönliche Meinung ist: Die Welt muss sich bald mit dem Virus arrangieren, ohne es auszublenden. Denn dieses Einsperren von Bevölkerungen kann nicht mehr lange gutgehen.

          Sie haben es befürwortet, dass im Radsport Obergrenzen für die in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Team-Budgets eingeführt würden. Wäre nun nicht ein guter Zeitpunkt, mit diesem Vorhaben in der Szene zu landen?

          Ich stehe nach wie vor hinter dieser Idee. Grundsätzlich glaube ich, dass in der gesamten Sportwelt die Sponsoren trotz Krise die finanziellen Vereinbarungen weitestgehend erfüllen werden. Aber die wirtschaftliche Rezession wird es erheblich erschweren, Sportsponsoring-Gelder zu generieren. Egal, ob es im Radsport, Fußball oder Handball ist. Die allermeisten werden in der nächsten Saison weniger zur Verfügung haben. Vor diesem Hintergrund wäre es schön und ratsam, wenn wir eine Obergrenze bekämen. Das wird nicht leicht durchzusetzen sein, zumal ich mir in dieser Frage eine stärker agierende UCI wünschen würde.

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