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Mit Tracing-App in die Hallen? : Der Handball und die Sehnsucht nach Publikum

  • -Aktualisiert am

Meister nach denkwürdiger Saison – die Männer vom THW Kiel Bild: Imago

Die Öffnungen für den Freizeitsport machen den deutschen Profi-Handballteams Hoffnung. Noch sind zwar viele komplizierte Fragen zu klären. Doch Ideen für eine mögliche Zukunft existieren bereits.

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          Etwas, das Marc-Henrik Schmedt in Gesprächen mit Politikern begegnet ist, hat ihn befremdet. Offenbar hatten einige Volksvertreter merkwürdige Vorstellungen davon, was ein durchschnittlicher Handballprofi verdient. Schmedt sagt: „Wir werden da oft mit dem Erstliga-Fußball verglichen. Dazu kann ich nur sagen: 98 Prozent der Profisportler in den Mannschaftssportarten haben mit den Millionengehältern der Erstliga-Profis nichts zu tun.“

          Marc-Henrik Schmedt ist der Geschäftsführer der Handball-GmbH des SC Magdeburg. Er unterhält sich gerade viel mit Politikern in Deutschland und Sachsen-Anhalt. Wie andere Handballfunktionäre landauf, landab möchte er eines wissen: „Wie sieht unser Einstiegsszenario aus? Wann können wir wieder anfangen? Derzeit gehen wir davon aus, im September wieder spielen zu können.“ Schmedt ist es wichtig, im Gespräch nicht zu vage zu werden: „Wir haben vor acht Wochen vor voller Halle in Stuttgart gespielt. Dann kam Corona. Es ist vollkommen spekulativ zu sagen, was in acht Wochen sein könnte.“

          Einnahmen dringend nötig

          Zur Volatilität der Voraussagen rund um die Pandemie gehört aber auch, dass aus düsteren Prognosen hellere werden können. Mitte, Ende April kamen von fast allen Bundesliga-Standorten Meldungen vom Gehaltsverzicht der Spieler und Geschäftsstellenmitarbeiter. Magdeburg, Flensburg, Rhein-Neckar Löwen, Berlin, Göppingen, Kiel, um nur einige aufzuzählen: auf 40 Prozent Gehalt verzichten die Profis der SG Flensburg-Handewitt, und Boy Meesenburg, der Beiratschef der SG, sagte dem „Flensburger Tageblatt“: „Wenn die Bundesländer Events wie ein Handballspiel für zu gefährlich halten, ist uns die Geschäftsgrundlage entzogen. Das ist meine größte Unruhe.“ Von einer Reduzierung des SG-Etats auf zwei Drittel oder die Hälfte für die Saison 2020/21 sprach Meesenburg, und brachte die Notwendigkeit baldiger Einnahmen und Spielperspektiven auf den Punkt: „Wir können unsere Mannschaft nicht auf unbestimmte Zeit auf Standby halten.“

          Bei den Füchsen Berlin verband Geschäftsführer Bob Hanning die Trennung von Rückraumspieler Stipe Mandalinic mit der Corona-Pandemie und fehlenden Einnahmen. In Kiel gab es Gerüchte, dass das Gehalt des neuen Stars Sander Sagosen angepasst werden müsse. Doch nach den Bund-Länder-Gesprächen und den vielen gesellschaftlichen Öffnungen wittert der Handball Morgenluft in der Corona-Krise. Marc-Henrik Schmedt sagt: „Alles unterliegt gerade Veränderungen und Neubewertungen. Es hilft uns nicht, in Sack und Asche zu gehen. Wir müssen progressiv nach vorn schauen. Meine Aufgabe ist es, für eine sichere Vertragslage mit unseren Partnern zu sorgen. Es ist bestimmt nicht die Zeit für Wachstum. Wenn wir die nächste Saison mit 60, 70, 80 Prozent unseres Etats bestreiten müssen, dann wären das massive Einschnitte.“

          Nur mit Tracing-App in die Halle?

          Der SC Magdeburg erzielt 97 Prozent seiner Einnahmen aus verkauften Eintrittskarten und Sponsorengeldern. Deswegen sind Geisterspiele keine dauerhafte Lösung für den Handball – die Hallenmiete frisst die spärlichen TV-Gelder auf: „Bei einem Jahr ohne Zuschauer werden wir den Profihandball so nicht mehr haben“, sagt Schmedt. An allen Standorten wünscht man sich Spiele vor Publikum, und die Öffnungen im Freizeitbereich machen Managern wie Schmedt Hoffnung. „Es wird auch im Handball dezentrale Lösungen geben“, sagt er, „an den einzelnen Standorten haben wir unterschiedliche Ausprägungen von Corona. Vielleicht kann man es so machen, dass nur Zuschauer mit der Tracing-App in die Halle dürfen.“

          Solche Lösungen will Schmedt mit dem Hallenbetreiber und dem Gesundheitsamt diskutieren. Dass es nicht sofort ausverkaufte Hallen mit eng an eng sitzenden Zuschauern geben wird, könnte auch eine Option sein: „Natürlich wollen wir zurück zu einer hochspannenden Liga mit ausverkauften Hallen. Danach müssen wir streben. Aber es wird vielleicht ein, zwei Jahre dauern, bis wir dort wieder hinkommen. Und somit sind kreative Lösungen gefragt. Es gibt keine Denkverbote.“ Die Getec-Arena gilt als stimmungsvollste Halle der Liga – Zuschauer auf Abstand und mit Mundschutz? Leere Gästefanblocks? Schmedt ist pragmatisch; besser als gar kein Publikum, findet er.

          Er weiß, dass er an einem Traditionsstandort leichter reden hat als anderswo. Von Sponsoren und Zuschauern kommen in Magdeburg starke Signale der Solidarität. Auch die Gesamtliga sieht er gut aufgehoben, schließlich kann er es als Vizepräsident des Ligaverbands HBL beurteilen: „Alle Vereine waren vor der Corona-Krise gut aufgestellt. Niemand ist bei der Lizenzierung durchgewinkt worden. Und dass wir mit einer 20er-Liga spielen, bringt die Einnahmen zweier Heimspiele mehr mit sich. Die wirtschaftliche Grundlage wird Basis des Erfolges bleiben.“

          Keine Frage, sagt Schmedt, die Lage sei ernst. Auch für die Spieler: „Es ist gerade kein Spielermarkt da. Deswegen sieht es derzeit für Spieler auf Vereinssuche schwieriger aus.“ Ein Szenario, das der Kieler Linksaußen Rune Dahmke jüngst skizzierte: „Wer sich jetzt am Ende der Karriere gedacht hat, er spielt noch ein Jahr oder zwei Jahre bei einem schwächeren Klub, steht schlecht da.“

          Marc-Henrik Schmedt gehört nicht zu den Schwarzmalern. „Wir haben im Profihandball grundsätzlich ein gutes Geschäftsmodell. Und ich hoffe, dass wir das auch nach Corona haben können“, sagt er. Beim Thema Solidarität ist Schmedt skeptisch. Flensburgs Trainer Maik Machulla hatte gegenüber dieser Zeitung ein „Gentlemans Agreement“ ins Spiel gebracht, nach dem Klubs in Corona-Zeiten keine Profis anderer Vereine abwerben sollten. „Wenn es wieder geregelten Spielbetrieb gibt, wird auch wieder Wettbewerb da sein“, sagt Schmedt. Das gelte auch für den Spielermarkt.

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