https://www.faz.net/-gtl-9yfy8

Problemfall „E-Sport“ : Sport ist nur da, wo Begegnung ist

  • -Aktualisiert am

Füllt die Lücke nicht, sondern verstärkt die Sehnsucht: E-Gaming Bild: AFP

Die derzeitige Krise zeigt: Der Zwang zum Innehalten verstärkt die Lust des Menschen, Körper und Geist zu bewegen. Der sogenannte „E-Sport“, besser E-Gaming, kann da die Lücke nicht füllen. Im Gegenteil.

          2 Min.

          Den wahren Wert des Sports erkennt man erst, wenn er untersagt ist: Der Kick im Park, das Zocken auf dem Basketballplatz im Freien, das kleine, private Radrennen mit Bekannten, der Lauftreff, die Yogagruppe, die Gemeinschaft der Ruderer mit ihrem synchronen Zug auf einem stillen Gewässer. Das alles darf nicht sein im Moment. Und was tun die Menschen?

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Einer läuft auf seinem Balkon einen Marathon, ein anderer baut seine Wohnung zu einem Parcours um, der dritte bietet online Fitnessübungen in der Waschküche an und hat längst Abertausende von Konkurrenten. Ein deutscher Dramatiker überredet sein Töchterchen zu einem Eins-gegen-eins auf der Wiese, weil der Filius sich nicht vom Playmobil trennen will. Und dann gibt’s noch den Ironman, der daheim 3,8 Kilometer auf der Stelle schwimmt, 180 Kilometer auf dem Rad strampelt, ohne einen Zentimeter vorwärts zu kommen, und schließlich wie der Hamster im Rad 42 Kilometer auf der Rolle im Laufschritt hinter sich bringt. Verrückt.

          Nein, das sieht nur so aus. Die Motive der Menschen, die sich partout nicht vom Coronavirus fesseln lassen wollen, mögen unterschiedlich sein. Aber alle eint ein Verlangen: sich wie in der realen Welt zu bewegen, den Ball ins Spiel zu bringen. Selten trat der Beweis so offen hervor: Wir sind Kinder des Homo ludens. Dazu braucht es keine wissenschaftliche Untersuchung. Wer an Ostern mit einem sicheren Gespür für die Frequentierung von Rad- und Jogging-Strecken an schönen Frühlingstagen vergangener Jahre seine Runde drehte, der entdeckte eine Massenbewegung.

          Eine verrückte Vorstellung

          Jogger im Wald und Radfahrer beim Gipfelsturm in der Natur, wie sie im gebührenden Abstand, wie Perlen auf der Kette, aber unermüdlich trabend, tretend, schwitzend ihre individuellen Eigenschaften entdecken, entwickeln über natürliche Hindernisse hinweg – mitunter sogar lächelnd. Für ein Fazit ist es mitten in der Corona-Krise nicht zu früh: Der Zwang zum Innehalten verstärkt die Lust des Menschen, Körper und Geist zu bewegen.

          Verrückt ist nur die Vorstellung, dass es zu diesem Sport für Sportler oder für Menschen, die Bewegung lieben, eine Alternative geben könnte. Das Gaming füllt die gegenwärtige Lücke nicht. Im Gegenteil. Die weitgehende Begrenzung auf virtuelle Fußball-Matches oder Ballerspiele, die uns Unterhaltungsindustrie, Verbände und Regierung als Sport verkaufen wollen, vergrößert die Sehnsucht. Und selbst die Gamer-Szene beklagt die Leere ihrer Online-Turniere ohne Zuschauer im Stadion, also ohne Atmosphäre.

          Wenn Fans und Gegner sich begegnen, wenn Stimmungen übertragen und zurückgespielt werden, vom Publikum auf Spieler und Athleten – und umgekehrt. Seit Jahrtausenden bilden diese Interaktionen Stoff für große Erzählungen. Darin steckt das Geheimnis des ungebrochenen Traums, einmal Olympische Spiele zu erleben. Diese zweite, die große emotionale Bewegung als Reaktion auf den Wettkampf in unmittelbarer Nähe bestimmt den nächsten großen Unterschied zwischen der virtuellen und der realen Welt. Ob im Fußballstadion oder auf andere Art im Konzertsaal, im Theater: Das Live-Erlebnis und damit die Chance, am Ort des Geschehens sehen, riechen, hören oder die Vibrationen eines besonderen Augenblicks spüren zu können, ist durch nichts zu ersetzen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.