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Existenzangst im Basketball : Es wie Dirk Nowitzki machen?

Gruppenbild mit Kanzlerin: Angela Merkel 2019 zu Besuch bei den Chemnitz Niners Bild: Picture-Alliance

Auch die Basketball-Bundesliga erwartet von ihren Spielern Verzicht: „Es geht darum, die Klubs zu retten“. Bei Zweitligaklub Chemnitz wird die Dramatik der Coronakrise besonders deutlich.

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          Das wohl spektakulärste Basketballspiel, das es je in Chemnitz zu sehen gab, fand am Montag vor einer Woche statt. ProA-Tabellenführer Niners brauchte zwei Verlängerungen für seinen Sieg über Kirchheim; die Partie endete 131:125. Die mehr als 4000 Zuschauer waren aus dem Häuschen. Sie haben schon viel erlebt. Zweimal verpasste ihr Team in den vergangenen drei Jahren knapp den Aufstieg in die Bundesliga. Diesmal sollte es sich, bei 25 Siegen in 27 Spielen, durchsetzen. „Eines Tages, eines Tages wird’s gescheh’n“, sangen die Fans, „da fahren wir zu Alba, um die Niners spielen zu sehn.“

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          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Drei Tage später stellte die zweite Liga ihren Spielbetrieb ein. Am Montag dieser Woche blies sie die ausstehenden fünf Spieltage und die Play-offs wegen der Corona-Krise ab. Die 17 Klubs der ProA sprachen, bei zwei Gegenstimmen, Chemnitz die Anwartschaft auf den ersten Platz in der ersten Liga zu, der BBL. Statt Freude und Jubel herrscht bei den Niners und ihren Fans Existenzangst. Volkswagen und Mercedes-Benz haben ihre Produktion in Sachsen geschlossen. Der Basketballklub versucht den Einnahmeausfall von einer halben Million Euro zu verkraften und irgendwie über die Runden zu kommen. Die Messehalle, in der die Niners zu ihren Siegen kommen wollten, wird längst als Corona-Ambulanz gebraucht. Willkommen im Basketball.

          „Ich bekomme Kurzarbeitergeld“, sagt Niners-Mannschaftskapitän Malte Ziegenhagen. Auf zwanzig Prozent seines Brutto-Salärs verzichtet er und bekommt deshalb sechzig Prozent vom vereinbarten Netto; das Thema Play-off-Prämie dürfte sich mangels Play-offs erledigt haben. „Ich hoffe, dass viele Spieler diesen Weg gehen“, sagt der aus Berlin stammende Flügelspieler. „Die Branche ist in Existenznot.“ Sein Klub war bundesweit bekannt geworden, als Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch im November 2018, nach Mord und rechtsextremen Ausschreitungen in der Stadt, mit Repräsentanten des Vereins diskutierte und sie für Toleranz und Integration lobte.

          „Jeder muss seinen Beitrag leisten“

          Nicht nur den Verein, die Sportart gelte es mit Solidarität zu retten. „Dirk Nowitzki hat in Dallas mehrmals auf Geld verzichtet, damit der Klub gute Spieler verpflichten und die Meisterschaft gewinnen kann“, sagt Ziegenhagen. Das ist ein großes Beispiel. Nowitzki hat in seinen 21 Jahren bei den Dallas Mavericks 250 Millionen Dollar verdient, das entspricht knapp einer Million pro Monat. Die Beitragsbemessungsgrenze für Kurzarbeitergeld liegt bei 6450 Euro, der Höchstsatz beträgt 4623. Weniger ist derzeit mehr. Auch Alexander Reil, Präsident der Bundesliga und Vorsitzender des Tabellenzweiten MHP Riesen Ludwigsburg, spricht davon, dass er von Spielern Verzicht erwartet. „Wie es Einschränkungen im öffentlichen Leben gibt, gibt es sie auch monetär“, sagt er. „Jeder muss seinen Beitrag leisten.“ Die Erstligaklubs Ulm und Göttingen haben schon bekanntgemacht, dass sie für die Beschäftigten ihrer Geschäftsstellen Kurzarbeit angemeldet haben, insgesamt sechzig Personen. Bei den Spielern ist das wegen der Bemessungsgrenzen nicht so leicht.

          Die Großen haben es schwerer als das kleine Chemnitz, weil ihre Saison noch nicht so weit fortgeschritten ist. Marko Pesic, Manager von Tabellenführer Bayern München, machte vor einer Woche die Rechnung auf, dass seinem Team pro ausgefallenem Heimspiel 140.000 bis 150.000 Euro entgehen. Da in Bundesliga und Euroleague noch acht Partien ausstehen sowie die Play-offs mit sechs, sieben weiteren Heimspielen, scheint ein Verlust von gut zwei Millionen Euro bei einem Etat von etwa zwanzig Millionen vorstellbar. Meisterschaft und internationale Spiele sind lediglich ausgesetzt; das Personal muss bis zur Wiederaufnahme oder zum Abbruch des Spielbetriebs weiter beschäftigt werden. Dabei ist Training in Zeiten der Pandemie so gut wie unmöglich. Die Klubs stehen vor der Frage: Spieler, insbesondere die gutverdienenden aus Amerika, aus dem Vertrag zu entlassen und zu ihren Familien nach Übersee fliegen zu lassen oder das Team, koste es, was es wolle, beisammen zu halten, um im Fall des Falles halbwegs konkurrenzfähig zu sein.

          Pesic erinnert die Liga an ihre Rolle als Dienstleister und fordert praktische Hilfe. „Sie hat auch die Aufgabe zu sagen: Dort sind die Töpfe, aus denen wir uns bedienen können“, sagte er in der Talkshow „Doppelpass“. Kurzarbeit sei einer der wenigen Hebel, an den Gehaltsblock heranzugehen, den größten Ausgabeposten der Klubs, sagt Liga-Geschäftsführer Stefan Holz. „Es geht darum, die Klubs zu retten, denen die Einnahmen wegbrechen.“ Marco Baldi, Manager von Alba Berlin und damit ebenfalls einer der Großen, lehnt es ab, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Spieler vor die Wahl zwischen Familie und Vertragsauflösung zu stellen, um sein angespanntes Budget zu entlasten; ihm fehlen zwölf Heimspiele in der größten Basketball-Arena Deutschlands, der Mercedes-Benz-Arena von Berlin. „Wir werden nicht die Situation ausnutzen“, verspricht er.

          Auch er sieht die wirtschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf gestellt. „Es geht nicht um Arm und Reich, um Groß und Klein“, sagt er. „Vielleicht kommen die großen Klubs eher in die Bredouille als die kleinen, denen nur noch zwei, drei Spiele fehlen.“ Teams, die gar nicht erst mit den Play-offs der besten acht kalkuliert haben, stehen nun womöglich besser da als die Teams mit großen Namen und hochdotierten Sponsorverträgen, von denen die letzten Raten noch ausstehen.

          Nächste Woche kommen die Vertreter der BBL-Klubs wieder zur Beratung zusammen. Liga-Präsident Reil sagt: „Wenn ein Land es schaffen kann, diese Krise einigermaßen zu überstehen, und das gilt auch für die Klubs und die Liga, ist das Deutschland.“ Der Chemnitzer Malte Ziegenhagen mit seiner Erfahrung vom Scheitern würde das zu gern glauben. „Vielleicht geht es nicht so weiter, wie wir es gewohnt sind“, sagt er dennoch. „Ich kann mir leider sehr gut vorstellen, dass ich in der nächsten Saison doch nicht in der Bundesliga spiele.“

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