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Tennis-Welt gerät ins Wanken : Auch Wimbledon fällt aus

Erinnerungen an den Glanzmoment ihrer Karriere: Angelique Kerber gewinnt Wimbledon 2018. Bild: EPA

Erstmals in der fast 150-jährigen Geschichte findet das berühmteste Tennisturnier der Welt in Friedenszeiten nicht statt. Damit gehen die Veranstalter einen gänzlich anderen Weg als die Organisatoren der French Open.

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          Die satten Grüns im altehrwürdigen All England Lawn Tennis and Croquet Club (AELTC) von Wimbledon gehören zu den mythischsten Orten der Sport-Welt. Deshalb blutet auch so manches Tennis-Herz, wenn der „heilige Rasen“ im Laufe des berühmten Turniers leidet und zumindest an den Grundlinien zu braunen Staubwüsten verkommt. In diesem Jahr allerdings werden die stets mit britischer Hingabe gepflegten Plätze an der Londoner Church Road weitgehend unberührt bleiben. Das Tennisturnier in Wimbledon ist abgesagt. Die Corona-Krise hat somit ihr nächstes prominentes Opfer gefordert.

          „Mit größtem Bedauern“, verkündete der AELTC am späten Mittwochnachmittag, dass das Turnier erstmals seit der Gründung 1877 in Friedenszeiten nicht ausgetragen werden könne. Zuvor hatten nur die beiden Weltkriege für Unterbrechungen in der fast 150-jährigen Turniergeschichte gesorgt. Jetzt sei es „im Interesse der öffentlichen Gesundheit die bestmögliche Entscheidung“, hieß es in der Mitteilung. Es sei zudem wichtig, dass die schmerzhafte Absage „jetzt und nicht erst in einigen Wochen“ erfolge, um allen an den Vorbereitungen und dem Turnier Beteiligten Planungssicherheit zu geben. „Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagte der Klub-Vorsitzende Ian Hewitt.

          Mit der letztlich konsequenten Absage fährt Wimbledon eine gänzlich andere Strategie als zuletzt die French Open. Die Pariser Turnierdirektion hatte nämlich vor zwei Wochen ihr für Ende Mai bis Anfang Juni geplantes Turnier mehr oder minder eigenmächtig in den Herbst geschoben und dafür viel Kritik einstecken müssen. Mögliche Terminkollisionen mit anderen Events und Turnieren nahmen die Franzosen bereitwillig in Kauf, ohne sich mit diesen abgestimmt zu haben. Es war ein Akt egozentrischer Selbstrettung in Zeiten globaler Solidaritätsbekenntnisse. Denn ein Ausfall des Turniers würde die French Open, die sich in den vergangenen Jahren eine kostspielige bauliche Aufwertung in Roland Garros geleistet haben, in massive finanzielle Schwierigkeiten bringen. Der Finanzdirektor des Französischen Tennis-Bundes (FFT), Lionel Maltese, erklärte in einem Interview mit der L’Equipe, dass bei einer Absage 260 Millionen Euro einfach so „davonfliegen“ würden. Diese „Katastrophe“ gelte es deshalb um jeden Preis zu verhindern.

          Ist Wimbledon gegen den Ausfall versichert?

          Dass Wimbledon einen anderen Weg einschlägt, oder vielmehr einschlagen kann, könnte ebenfalls einen finanziellen Hintergrund haben. Verschiedene britische Medien berichteten nämlich zuletzt, dass die Londoner als eines der wenigen Sport-Großereignisse der Welt eine Ausfallversicherung abgeschlossen haben, die auch bei einer Pandemie greift. Demnach haben die Analysen der Verantwortlichen in den vergangenen Tagen ergeben, dass die Police die bei einer Absage fälligen Rückerstattungen an Ticketbesitzer und an die übertragenden TV-Stationen abdecken würde. Lediglich die Einnahmeausfälle beim Verkauf von Merchandising-Artikeln und beim Verkauf von Essen und Getränken auf dem Turniergelände müsste der AELTC wohl hinnehmen.

          Für den wirtschaftlich mehr als solide aufgestellten Klub sind diese Einbußen offenbar verkraftbar. Offiziell bestätigen wollten die Turnierveranstalter eine entsprechende Versicherung auf Anfrage allerdings zunächst nicht. Schon in der vergangenen Woche hatten die Wimbledon-Organisatoren in einer Mitteilung sehr offen über die möglichen Szenarien für das Turnier gesprochen und eine Sondersitzung angekündigt. Die Austragung als „Geister-Event“ ohne Zuschauer schlossen die Turnierverantwortlichen dabei kategorisch aus.

          Zudem wiesen sie darauf hin, dass eine Verschiebung „aufgrund der Natur unseres Untergrunds nicht ohne ein gesteigertes Risiko“ sei. Es stünde dafür lediglich ein „extrem kleines Zeitfenster zur Verfügung“. Schließlich ist der Rasen im Vergleich zu den anderen Belägen der Tennissaison besonders witterungsanfällig. In regnerischen Monaten wird der Boden zu rutschig, um darauf Tennis spielen zu können. Zusätzlich kommt den Lichtverhältnissen auf dem schnellen Belag eine besondere Bedeutung zu. Zu wenig Sonnenstunden können deshalb die Ausrichtung eines Turniers unmöglich machen. Im Zuge der Absage des unbestrittenen Höhepunkts in Wimbledon fällt nun auch der Rest der Rasensaison vollständig ins Wasser. Die Spielerorganisationen ATP und WTA sowie der Weltverband ITF verlängerten ihre Spielpausen bis zum 13. Juli. Damit ist auch der heiße deutsche Tennis-Monat Juni zumindest auf das nächste Jahr verlegt. Mit den Herren-Turnieren in Stuttgart und Halle/Westfalen sowie den Damen-Events in Berlin und Bad Homburg sollten in diesem Jahr hierzulande eigentlich erstmals vier Vorbereitungsveranstaltungen für Wimbledon steigen. Stattdessen sind auch sie nun ein Opfer der Pandemie geworden. Einzig den Rasen dürfte es freuen.

          Rasenturnier in Bad Homburg verschoben

          Es war alles angerichtet für eine spektakuläre Premiere im Bad Homburger Kurpark, doch die Corona-Krise zählt nun auch das dortige Tennis-Event zu ihren Opfern. Wie die Veranstalter am Mittwoch mitteilten, kann die erste Ausgabe des neuen Rasenturniers im Hochtaunus in diesem Jahr nicht stattfinden. Vom 21. bis 27. Juni sollte in Bad Homburg erstmals das offizielle Frauen-Vorbereitungsevent für den großen Grand-Slam-Klassiker von Wimbledon ausgetragen werden. Doch weil nun das große Major-Turnier in London ausfällt, müssen sich auch die Turnierveranstalter in Hessen noch ein Jahr gedulden. Ohne den Höhepunkt in Wimbledon wird die komplette Rasensaison 2020 abgesagt.

          Angelique Kerber, die als Turnierbotschafterin fungiert und zudem selbst zum durchaus illustren Feld der Teilnehmerinnen in diesem Jahr gehört hätte, bedauerte die aufgeschobene Premiere. Allerdings rückten „angesichts der aktuellen Lage“ sportliche Belange „erst einmal komplett in den Hintergrund“, sagte die Wimbledonsiegerin von 2018: „Momentan gibt es andere Prioritäten.“ Turnierdirektor Aljoscha Thron, der auch Kerbers Manager ist, betonte, man werde die Herausforderung mit „viel Elan und ganzer Kraft“ angehen. So sollen beispielsweise die drei Turniercourts auf der Anlage ungeachtet der verschobenen Premiere in den kommenden Wochen fertiggestellt werden. Der Bad Homburger Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) sprach von einer richtigen Entscheidung. „Ein Turnier mit einem Centre Court für 3500 bis 4000 Zuschauer wäre jetzt das falsche Signal.“ Auch sei völlig unklar, wie die Lage im Juni sei. „Für uns ist wichtig, dass das Turnier nur verschoben und nicht abgesagt ist.“

          Dazu passt die Mitteilung der Veranstalter, dass alle Eintrittskarten ihre Gültigkeit für den neuen Premierentermin vom 20. bis 26. Juni 2021 behalten. Es gebe aber auch die Möglichkeit der Rückerstattung. Der Kartenvorverkauf für das Spitzentennis-Event im Kurpark war außerordentlich gut gelaufen, Tickets für das Finalwochenende waren binnen einer Woche vergriffen. Insgesamt waren vier von sieben Turniertagen komplett ausverkauft, weswegen sogar bereits Gespräche über eine Erweiterung der Kapazitäten geführt worden waren. (pc.)

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