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Handball-Trainer Wiegert : „Ich fühle mich mehr als Hygieneverantwortlicher“

  • -Aktualisiert am

Nachdenklich: Magdeburgs Trainer Bennet Wiegert ist in Corona-Zeiten an vielen Fronten gefordert. Bild: Imago

Für Magdeburgs Trainer Bennet Wiegert ist Handball in Zeiten der Pandemie eine permanente Gratwanderung. Neben Sorgen um die Gesundheit seiner Spieler beschäftigt ihn auch die Frage: Werden die Wettbewerbe überhaupt bis zu Ende gespielt?

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          Zu seinem Beruf als Handballcoach kommt für Bennet Wiegert in diesen Wochen und Monaten noch ein anderer hinzu. Er spürt große Verantwortung für seine Spieler, eine größere als sonst. Wiegert sagt: „Ich fühle mich mehr als Hygieneverantwortlicher denn als Trainer.“

          Am Dienstagabend, beim European-League-Spiel in Istanbul, flog ein Ball auf die Ränge – Fans saßen dort keine, aber eine paar Offizielle des türkischen Vereins. Einer von ihnen fing den Ball auf und warf ihn zurück aufs Feld. Wiegert, 38 Jahre alt, wies seine Spieler an, diesen Ball nicht zu berühren und zu warten, bis ein desinfiziertes Objekt ins Spiel kam. „Es gab dort einfach komplett andere Hygieneregeln“, sagt er.

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          Profihandball in Zeiten der Pandemie: Nicht das reine Vergnügen, unterhält man sich mit Bennet Wiegert. Natürlich ist da die Freude, überhaupt wieder in der heimischen Arena und den anderen Hallen der Bundesliga aufzulaufen, am liebsten vor Fans. Aber Touren wie diese zu Besiktas fordern die gesamte Organisation des SCM. Mit regulären Linienflügen von und nach Berlin reisten die Magdeburger und brachten einen 41:23-Sieg im ersten Gruppenspiel mit.

          Unbehagen war jedoch im Gepäck, gibt Wiegert zu: „Wir sind keine Fußballer. Wir können uns eine Reise per Charter nicht leisten. Wir spielen auch nicht in der Bubble. Auf dem Hinflug war Platz im Flugzeug, alles war großzügig, auch auf dem Flughafen. Auf dem Rückflug war das Flugzeug proppevoll. Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Wiegert ergänzt: „Die Gesundheit unserer Spieler steht natürlich an erster Stelle. Insofern bin ich gespannt, was die Tests am Freitag ergeben.“ 48 Stunden vor dem nächsten Bundesligaspiel gegen den TVB Stuttgart am Sonntag muss getestet werden, und Wiegert hofft natürlich auf negative Ergebnisse.

          „Meine Spieler machen sich weniger Sorgen als ich“

          Istanbul, Moskau, das kroatische Našice: Die Magdeburger haben Gruppengegner zugelost bekommen, die aus Risikogebieten stammen. Aber selbst ein Spiel bei den Füchsen Berlin wäre ja derzeit eine Reise ins Risikogebiet. Bei der Frage, wie valide die Tests bei den ausländischen Gegnern sind und wie ernst sie genommen werden, hat Wiegert seine Zweifel. „Es gibt verschiedene Teststandards“, sagt er, „und wir haben in Deutschland nun einmal strengere Regeln als anderswo.“

          Spielen die Zweifel also mit, ob beim Gegner womöglich ein infizierter Profi aufläuft? Ein heikles Thema. Wiegert antwortet: „Meine Spieler sind vor allem Sportler. Die machen sich weniger Sorgen als ich. Die fliegen zu so einem Spiel und wollen Handball spielen.“ Wobei es natürlich Unterschiede im Team gebe, wer das große Thema dieser Zeit wie nah an sich heranlässt.

          Handball in Zeiten der Pandemie: Masken und Pappmenschen
          Handball in Zeiten der Pandemie: Masken und Pappmenschen : Bild: dpa

          Ganz grundsätzlich haben sich Wiegert und der Magdeburger Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt vor dem European-League-Start abgestimmt, ob eine Teilnahme überhaupt sinnvoll sei – und zumutbar. „Es wäre fahrlässig gewesen, nicht darüber nachzudenken“, sagt Wiegert. Aus einigen Mitgliedsverbänden hatte es Absagen qualifizierter Klubs gegeben: So verzichtete die TSV Hannover-Burgdorf aus finanziellen Gründen auf die kleine Spielrunde des Kontinentalverbandes EHF.

          Der Entschluss in Magdeburg stand schnell. Wiegert sagt: „Wir wollen hohe Ziele vorgeben, wir haben Spieler, die gekommen sind oder überhaupt bei uns sind, weil wir europäisch spielen. Und weil niemand in die Glaskugel schaut und sagen kann, wie sich der Wettbewerb in Zeiten der Pandemie entwickelt, haben wir gemeldet. Ich will die European League spielen, weil sie ein spannender, anderer Wettbewerb ist – aber eine gewisse Gefahr ist nicht wegzureden.“

          Werden die Wettbewerbe zu Ende gespielt?

          Bei aller akribischen Planung haben die Spielplangestalter der EHF schon jetzt Sorgenfalten auf der Stirn, weil Spiele ausfallen – so waren die Rhein-Neckar Löwen noch gar nicht im Einsatz, denn ihre Partie am Dienstag gegen Trimo Trebnje wurde abgesagt: Beim Gegner aus Slowenien gab es einen positiven Test auf Covid-19. Das Spiel in Tatabánya Ende des Monats ist aus dem gleichen Grund schon verschoben.

          Magdeburgs nächster Gegner aus Montpellier hatte ebenfalls positive Fälle im Team. „Ich bin sehr gespannt, mit welchem Kader sie bei uns auflaufen“, sagt Wiegert, der natürlich weiß, dass es in dieser wackligen Saison 2020/21 um ein ganz grundsätzliches Problem geht: Werden Wettbewerbe zu Ende gespielt? Bezogen auf die vom Preisgeld, dem Modus und dem Erscheinungsbild aufgewertete European League hält er das nicht für besonders wahrscheinlich.

          Man muss nicht weit reisen, um sich zu infizieren, wie Beispiele von Vereinen aus der zweiten Liga zeigen. Hier ist der Spielplan schon jetzt uneinheitlich. Und auch in der Bundesliga stellt sich Wiegert nicht die Frage, ob es einen ersten positiven Test geben wird. Sondern wann.

          Europapokal-Spiele von Löwen und Füchsen abgesagt

          Die Rhein-Neckar Löwen und die Füchse Berlin können ihre nächsten Spiele in der European League nicht absolvieren. Während die Mannheimer am kommenden Dienstag bei Grundfos Tatabanya KC in Ungarn hätten antreten sollen, wäre es für die Berliner in der kommenden Woche zu USAM Nimes Gard nach Frankreich gegangen. Bei beiden Gegner gibt es mehrere Coronafälle, weshalb die Partien verschoben wurden.

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