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Reiter galoppieren aus Krise : Freudentränen beim Neustart

  • -Aktualisiert am

Vermummt, aber erleichtert: Jockeys in Hannover Bild: Frank Sorge

Die Jockeys sind die ersten Profis, die nach der unfreiwilligen Corona-Pause wieder aktiv sind. Dabei gelingt den Galoppern mit Mundschutz gleich aus mehreren Gründen ein Auftakt nach Maß.

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          Jetzt laufen sie wieder. Nach mehr als acht Wochen Zwangspause waren am Donnerstag in Hannover wieder Galopprennen möglich zum „Zwecke der gesetzlich vorgeschriebenen Leistungsprüfung für die Vollblutzucht“, wie der Dachverband Deutscher Galopp nicht müde wird zu betonen. Damit sind Jockeys die ersten Profi-Athleten, die den wochenlangen Shutdown in Deutschland unterbrachen. Allerdings erstmals in der fast 200-jährigen Tradition des deutschen Rennsports ohne Zuschauer.

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          „Wir wollten vor allem den Aktiven die Ausübung ihres Berufs wieder ermöglichen“, sagt Gregor Baum, Präsident des Rennvereins Hannover. Selbst die Pferdebesitzer durften die zwölf Rennen auf der Neuen Bult in Langenhagen nicht vor Ort verfolgen. „Die Rennbahn ist vermutlich der infektionssicherste Platz – 72 Hektar für 80 Menschen“, so Baum. „Normalerweise hätten wir bei einem solchen Tag 20000 Besucher, da blutet einem schon das Herz“, betonte er. „Gleichzeitig sind wir aber froh, dass wir wieder Rennen veranstalten dürfen. Alle haben sich vorbildlich an die Vorschriften gehalten, wir haben den Vertrauensvorschuss der Behörden genutzt.“

          Das Konzept hat überzeugt

          Das ist wichtig, denn „es waren schwierige Gespräche mit Politik und Behörden“, sagt der Präsident des Dachverbands Deutscher Galopp, Michael Vesper, der als Gründungsmitglied der Grünen und ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes zähe Verhandlungen gewohnt ist. Doch das Konzept des Verbands hat überzeugt. Alle Anwesenden mussten Mundschutz tragen, die Abstandsregeln wurden strikt eingefordert. Die Halle unter der Haupttribüne wurde zum Umkleideraum für die Jockeys umfunktioniert.

          In der Startbox und im Rennen ist der Abstand nicht immer möglich, deshalb waren die Reiter vermummt wie sonst nur an kalten Winterrenntagen auf der Sandbahn, nicht aber bei sonnigen 20 Grad. „Es ist schon schräg hier, es fehlt jegliche Atmosphäre, aber irgendwie ist es auch okay“, beschrieb der erfahrene Pferdefotograf Frank Sorge die ungewohnte Stimmung. Auf das gewohnte Lächeln fürs Siegerfoto konnte er nicht zählen.

          Über den Auftaktsieg des dreijährigen Hengstes No Nay Never vergoss der mehrmalige Champion-Trainer Markus Klug sogar eine Freudenträne. Ein Zeichen, dass die lange Ungewissheit den Aktiven doch an den Nerven gezerrt hatte. Das erste sportliche Highlight des Jahres, ein Listenrennen über 1300 Meter, war besetzt wie ein noch wertvolleres Gruppe-Rennen. Es ging an den fünfjährigen Majestic Colt, trainiert von Andreas Wöhler, der vor allem erleichtert schien, dass es überhaupt wieder Rennen gibt. Und das in möglichst vielen Bundesländern: Nach Niedersachsen genehmigte auch Nordrhein-Westfalen wieder Rennen, am Freitag in Köln und an diesem Samstag in Mülheim. Am Sonntag veranstaltet Berlin-Hoppegarten. Der für das Wochenende geplante Renntag in München musste jedoch abgesagt werden, auch die für Dienstag im baden-württembergischen Mannheim vorgesehene Veranstaltung steht noch auf der Kippe.

          Gehen Besitzer verloren?

          Die Rennvereine und der Verband fahren weiter auf Sicht, bis Mitte Juni steht ein vorläufiger Plan. Danach hatte man eigentlich auf planmäßige Renntage mit Zuschauern gehofft. Das scheint angesichts des Verbots von Großveranstaltungen bis Ende August jedoch unwahrscheinlich. Was genau unter das Verbot fällt, ob Rennen beispielsweise mit 1000 Besuchern bald möglich sein werden, ist offen. Und ob wenige Zuschauer die wirtschaftlichen Sorgen der Rennvereine lindern oder vor allem die Kosten erhöhen würden, auch. „Den Rennvereinen ging es vorher schon nicht gut“, sagte Baum. „Sorgen mache ich mir vor allem darum, ob uns angesichts der stark gekürzten Rennpreise mittelfristig nicht die Besitzer verlorengehen.“

          Denn eines ist klar, in diesem Jahr werden noch viele Rennen und damit Verdienstmöglichkeiten ausfallen – zum Beispiel der Großteil der Derbywoche in Hamburg. Das Derby selbst wird um eine Woche auf den 12. Juli verschoben. Und die Große Woche Baden-Baden, das international bekannteste Galopp-Meeting des Landes, wird nicht wie seit Jahrzehnten üblich Ende August beginnen. „Sie wird wohl erst im September stattfinden, wann genau, lässt sich nicht sagen“, sagte Vesper. Und womöglich nur in verkürzter Form.

          In den führenden Rennsportnationen im europäischen Ausland ist die Lage noch verzwickter. Obwohl Sportveranstaltungen in Frankreich bis Juni verboten sind, soll es von Montag an wieder losgehen. Denn der Galoppsport wird dort der Landwirtschaft zugerechnet. Allerdings fehlen der Branche die umsatzstarken Wettannahmestellen der PMU in Tausenden von Bars landesweit. Die bleiben geschlossen.

          Im Mutterland des Galoppsports, England, will noch niemand offen über ein mögliches Datum reden, die Verantwortlichen hoffen auf den 15. Mai. Und in Irland muss man sich mindestens bis zum 18. Mai gedulden. Für den deutschen Rennsport bietet das immerhin die Chance, nicht nur in der deutschen Öffentlichkeit für sich zu werben.

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