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Corona-Probleme im Radsport : Tour des Zögerns

Vorbei am Kulturdenkmal: Radfahrer bei der Tour 2019 in Paris Bild: Reuters

Die am Radsport begeisterten Franzosen klammern sich an die Frankreich-Rundfahrt – in Corona-Zeiten notfalls auch ohne Zuschauer. Eine heftige Diskussion ist entbrannt. Bürgermeister sprechen von einer „Katastrophe“.

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          Seit dem Beginn der Ausgangssperre in Frankreich am 17. März hat Romain Bardet nur einmal das Haus verlassen – er fuhr mit dem Auto zum Einkaufen. Als der französische Radprofi zwei Freizeitradlern begegnete, kurbelte er die Scheibe herunter und rief ihnen in vorwurfsvollem Ton zu: „Ich für meinen Teil habe das Fahrradfahren eingestellt.“ Der 29 Jahre alte Franzose, der schon zweimal auf dem Siegertreppchen der Tour de France stand, will in den Corona-Zeiten ein Vorbild sein.

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          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          „Jeder hat eine Entschuldigung. Doch jetzt gilt es zusammenzuhalten“, sagte er der Tageszeitung „Le Monde“. Wie ein Foto in der Zeitung verrät, lebt der Fahrer des Teams AG2R freilich in keiner engen Zweizimmer-Wohnung, sondern in einem Haus in den Bergen mit großzügiger Terrasse, die für mehrere Trainingsgeräte Platz hat. Das macht die Ausgangssperre erträglicher. Doch wie lange müssen die Profiradler auf dem Heimtrainer auf der Stelle treten? Alle Blicken richten sich auf die Frage, ob die Tour de France in diesem Jahr wie geplant zwischen dem 27. Juni und dem 19. Juli stattfinden kann. „Es erscheint mir zu früh, jetzt darüber zu entscheiden“, sagt Bardet.

          Die Olympischen Sommerspiele und die Fußball-Europameisterschaft fallen in diesem Jahr aus, die „French Open“ werden auf den September verschoben und auch Wimbledon ist bedroht – doch an der Tour de France klammern sich die Franzosen bisher noch fest wie ein Kletterer an der Steilwand. Der Tour-Direktor Christian Prudhomme weist darauf hin, dass in der Geschichte der seit 1903 abgehaltenen Tour nur die zwei Weltkriege das Rennen stoppen konnten: „Sobald die Aktivitäten wieder aufgenommen werden, wird der Hunger auf das Rennen immens sein.“

          Die Tour als „Monument des Sports“

          Präsident Emmanuel Macron hat den Kampf gegen Corona auch einen „Krieg“ genannt. Doch der Radsport genießt in Frankreich fast Heiligenstatus. Auch Macrons Sportministerin Roxana Maracineanu durfte in der vergangene Woche von der Aufrechterhaltung der Veranstaltung träumen. Die Tour ist nach ihren Worten ein „Monument des Sports“, sagte sie, als ob das für die Olympischen Spiele oder die Fußball-EM nicht gelte. Und sie brachte die Idee in Umlauf, das Rennen ohne Zuschauer stattfinden zu lassen; immerhin brauche die Veranstaltung ja keine Zuschauereinnahmen, hätte dort also keine Ausfälle. Auch eine Verschiebung werde ins Auge gefasst. Auf jeden Fall schiebt man den Beschluss jetzt erstmal vor sich her.

          Nicht wenige wollen auch noch an ein fristgerechtes Spektakel mit Publikum glauben, etwa der Manager des Radsportteams Total Direct Energie, Jean-René Bernaudeau. „Aus meiner Sicht ist es noch denkbar, dass Frankreich etwa am 1. Juni wieder einigermaßen normal funktioniert und wir drei Wochen später die Tour starten können“, sagte er am Samstag. Kommerzielle Gründe seien dafür völlig zweitrangig, obwohl er einräumt, dass die Tour de France für die Teams und für Sponsoren meist 65 bis 70 Prozent der Jahreseinnahmen einbringt.

          Werbefenster für den Fremdenverkehr: Die Tour de France zeigt Frankreich in fast allen Facetten.
          Werbefenster für den Fremdenverkehr: Die Tour de France zeigt Frankreich in fast allen Facetten. : Bild: EPA

          Der Veranstalter, das französische Unternehmen Amaury Sport Organisation (ASO), prüft derzeit alle Möglichkeiten. Der Großteil der Einnahmen kommt nicht etwa von den Kommunen, die für die Durchfahrt der Tour bezahlen müssen, oder von den Werbesponsoren, die mit lustigen Wagen das Radrennen begleiten, sondern von den TV-Einnahmen. Doch wäre die Tour ohne die begeisterten Zuschauer nicht eine blutleere Veranstaltung? Ohne die Fans, die bei den Bergetappen so eng Spalier stehen, dass die Fahrer fast nicht durchkommen, ohne die Fanatiker, die neben den Profis her rennen? Zudem ist die Tour de France mehr als ein Radrennen; sie ist auch ein Werbefenster für den Fremdenverkehr. Unter den TV-Kommentatoren des französischen Fernsehens befindet sich meistens ein Historiker, der Land, Leute und die Geschichte der Etappenorte beschreibt. Die Drohnen- und Hubschrauberbilder von schönen Landschaften und das Plaudern über Käsesorten und Weinreben gehört dazu.

          Spektakuläre Kulissen gehören zur Tour wie die Fahrer selbst: im Hintergrund der Mont Saint-Michel
          Spektakuläre Kulissen gehören zur Tour wie die Fahrer selbst: im Hintergrund der Mont Saint-Michel : Bild: Reuters

          Auch den Bürgermeistern reichen die Fernsehbilder nicht. „Ein Zuschauerbann wäre eine Katastrophe“, sagt der Bürgermeister des südfranzösischen Alpenstädtchens Sisteron, wo die Tour in diesem Jahr vorbei kommen soll, „dann wäre ich schon eher für eine Verschiebung, damit wir im nächsten Jahr ein sehr schönes Fest feiern können“. Und eine Verschiebung in den August? Auch da winken viele Kommunen ab. Denn im August erlebt die Touristensaison ihren Höhepunkt, da brauche man nicht auch noch die Tour, sagen die Bürgermeister.

          Blühende Landschaften, viele Radfahrer: Auch das ist die Tour de France.
          Blühende Landschaften, viele Radfahrer: Auch das ist die Tour de France. : Bild: dpa

          Doch was nun? Klar ist, dass man es nicht allen recht machen kann. Beim Veranstalter ASO heißt es, dass die Tour de France als jährliches Ereignis ,anders als die Olympischen Spiele oder die Fußball-EM, nicht einfach ins nächste Jahr verschoben werden könne. Das käme einer Streichung gleich. Wirtschaftlich trifft die Corona-Pandemie den Tourveranstalter schon jetzt hart: Der Halbmarathon und der Marathon von Paris wurden abgesagt, in Deutschland zum Beispiel die Rennen am 1. Mai in Frankfurt und dabei wird es nicht bleiben. ASO organisiert jährlich 90 Sportveranstaltungen in 25 Ländern. An 240 Tagen im Jahr finden ASO-Wettbewerbe im Radfahren, Motorsport (Dakar), Segeln, Marathons und Golf statt. Gleichzeitig kennt auch die ASO die Beanspruchung von Sanitäts- und Ordnungskräften durch die Tour. Normalerweise erfordert der Höhepunkt der weltweiten Radsportsaison den Einsatz von rund 29 000 Polizisten, Gendarmen, Feuerwehrleuten und Sanitätern.

          In der Profi-Gemeinde bereitet man sich auf verschiedene Szenarien vor: „Wenn Mitte April die Pandemie noch zunimmt, wird es sehr kompliziert“, räumt Marc Madiot, Manager des Teams Groupama-FDJ und Präsident des französischen Radsportverbandes ein – alleine schon wegen der knappen Trainingszeiten. Für Radprofi Bardet wären drei oder vier Wochen Heimtraining kein Hindernis für einen Tour-Start am 27. Juni – aber nicht mehr: „Was ich an körperlicher Fitness dann retten könnte, würde ich gleichzeitig an Moral verlieren.“

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