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Arne Gabius und Amanal Petros : Die Probleme der deutschen Marathon-Asse

Derzeit mit dem Kopf nicht nur beim Laufen: Arne Gabius, hier 2018, liest medizinische Fachliteratur zur Vorbereitung auf Corona-Einsätze. Bild: dpa

Die Corona-Krise wirft auch Deutschlands besten Marathonläufer aus der Bahn. Arne Gabius bereitet sich nun auf Klinikeinsätze vor. Kollege Amanal Petros denkt über etwas ganz anderes nach.

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          „Die großen Marathons sind Spaß-Veranstaltungen“, sagt Arne Gabius. „Vor wenigen Jahren hätte ich jedem den Kopf abgerissen, der so etwas sagt. Aber jetzt wird klar: Je länger die Pandemie dauert, desto richtiger ist es, Sportveranstaltungen abzusagen.“ Im nächsten Jahr, vier Monate, bevor er bei den Olympischen Spielen den Marathon bestreiten will, wird Gabius vierzig Jahre alt. Er ist der schnellste Marathonläufer Deutschlands und hat den Rekord für die mehr als 42 Kilometer auf 2:08,33 Stunden verbessert. Seine Familie und seine Ausbildung als Mediziner verhindern, dass er, wie so viele Top-Athleten, seit der Verschiebung der Olympischen Spiele vor dem Nichts steht, vor der großen Leere. „Wenn ich mir die Bilder aus New York angucke und die Todesrate der Infektion sehe“, sagt Gabius, „kann ich mir kaum vorstellen, dass dort am 1. November der Marathon gelaufen wird.“

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          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Gabius, gerade noch im Höhentraining in Kenia, macht sich nun fit für das Coronavirus. Mit dessen Verbreitung und Mortalität, mit dessen Bekämpfung und mit der Behandlung von Covid-19-Patienten beschäftigt er sich jeden Abend. Dann ist der Tag vorüber, dann ist der zweieinhalb Jahre alte Sohn im Bett, um den er sich kümmert, seit die Tagesmutter ihre Kita schließen musste. Dann liest Gabius Fachpublikationen und Studien und bereitet sich darauf vor, schon bald gebraucht zu werden.

          „Ich bin bereit für den Fall, dass die Kliniken hier in Stuttgart Personalprobleme haben“, sagt Gabius. „Dann werde ich mich melden.“ Bisher hat er keine Zeit dafür. Seine Ehefrau, eine Anwältin, sei mit ihrer Arbeit zu Hause systemrelevant, sagt Gabius nur halb im Scherz. Sie ist es, die die Familie ernährt.

          Der Wien-Marathon am 19. April, bei dem Gabius um ein ordentliches Preisgeld laufen und sich für Olympia qualifizieren wollte, ist abgesagt. Nun betreut der Vater den Sohn. Wenn er läuft, dann gemäßigt – und ohne Ziel. „Ich habe praktisch Berufsverbot“, sagt Gabius. Da er weiß warum, hält er Distanz. „Ich mache keine Tempoläufe“, sagt er. „Ich möchte derzeit nicht an Leuten vorbeihecheln.“ Einen Platz in der Notbetreuung für Kinder gebe es in Baden-Württemberg nur, sagt Gabius, wenn beide Eltern gesellschaftlich systemrelevante Arbeit verrichteten. Sobald die Zahl der Infektionen in die Höhe schnelle, da ist er sicher, wird sich dafür eine Lösung ergeben.

          Petros erwägt Wechsel auf die Bahn

          „Ich habe meine Motivation total verloren“, klagt dagegen Amanal Petros. „Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Fünfzehn Jahre jünger als Gabius ist er einer der Athleten, die in ein tiefes Loch gefallen sind. Seit dem Herbst war er praktisch ununterbrochen im Trainingslager; erst, um sich auf den ersten Marathon seines Lebens im Dezember vorzubereiten. Und seit er den langen Lauf in Valencia in 2:10,29 Stunden hinter sich brachte und damit die Norm für Tokio 2020 unterbot, arbeitete er daran, über 5000 und 10 000 Meter so schnell zu laufen wie noch nie. Dann rief ihn und seine Trainingsgruppe der Deutsche Leichtathletik-Verband aus dem Trainingslager in Iten im kenianischen Hochland zurück nach Deutschland. Nun joggt Amanal Petros, trainiert in seiner Wohnung in Bielefeld mit Handgewichten und macht Gleichgewichtsübungen auf dem Balance-Brett. „Da ich kein Ziel habe“, sagt er, „wäre hartes Training Körperverletzung.“

          Ändert seine Pläne: Amanal Petros

          Was seine Olympia-Qualifikation wert ist für 2021, kann er nicht einschätzen. Im Dezember will er zur Sicherheit noch einmal in Valencia laufen. Seine große Liebe allerdings ist der Marathon nicht: „Er tut richtig weh, und bei den Olympischen Spielen findet er nicht in Tokio, sondern in Sapporo statt.“ Er würde, statt anderthalb Flugstunden nördlicher der Olympiastadt zu laufen, lieber auf der Bahn des Olympiastadions starten. Die Norm für die Weltmeisterschaft von Doha 2019 verpasste er über 5000 Meter um zwei Hundertstelsekunden – die bisher größte Enttäuschung seiner jungen Karriere. Die Wettkämpfe, bei denen er sich nun für das viel bedeutendere Ereignis qualifizieren wollte, sind abgesagt.

          Wuhan, die Acht-Millionen-Stadt in China, in welcher der Corona-Virus zum ersten Mal auffiel, ist für Gabius wie für die meisten Menschen eine Chiffre. Petros kennt sie. Vor fünf Monaten war er dort und schwärmt noch heute – nicht von den zwei Silbermedaillen, die er dort gewann, über 5000 und 10.000 Meter. Sondern von der Eröffnungsfeier jener Militärweltmeisterschaft, zu der er als Sportsoldat im Oktober abkommandiert war. „Das Highlight meines Lebens“ sagt er über die Eröffnungsfeier im Stadion mit 60.000 Besuchern. „Einfach Bombe.“ Nichts als eine Erinnerung, da er das sportliche Nichts erlebt. Petros weiß, dass nicht nur ihm das Rennen und die Rennen fehlen. „Es tut mir unheimlich leid für die Hobbyläufer“, sagt er. „Sie haben auch keine Marathons und keine Stadtläufe.“

          Gut möglich, dass es 2021 eine zweite Infektionswelle geben werde, überlegt der Mediziner Gabius. „Dann werden wir wieder Läufe absagen und vielleicht auch Olympia.“ Er plädiert, nur Teilnehmer zuzulassen, die gegen Covid-19 geimpft sind – mit einem Impfstoff, der erst noch entwickelt werden muss.

          Kurt Ring, Langlauftrainer der LG Regensburg, weiß längst, was im Fall all der Absagen zu tun ist. Aus dem Training seiner Läuferinnen und Läufer hat er schon vor Wochen das Tempo herausgenommen. Wen interessierten Bestzeiten, sagt er, wenn die Welt unter einer Pandemie leide? Seine Athleten sollten sich fit halten, um die mögliche Infektion schadlos zu überstehen. Über den Ausfall von Wettbewerben will er nicht klagen. „Man sollte etwas Sinnvolles mit dem Medaillen machen, die jetzt liegen bleiben“, schlägt er vor. „Man sollte sie den Helden des Alltags geben, den Krankenschwestern und Altenpflegern, die sinnvolle Arbeit tun.“

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