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Faszination Marathon : Ein Sport als Lebensart

Wann es wieder einen Marathon gibt, ist ungewiss in Corona-Zeiten. Bild: Picture-Alliance

Die großen Marathon-Läufe fallen der Corona-Krise zum Opfer. Und doch scheinen auf Straßen und Wegen mehr Läuferinnen und Läufer unterwegs zu sein denn je. Bis zum nächsten Wettkampf braucht sie einen langen Atem.

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          Marathon ist mehr als ein Lauf. Läuferinnen und Läufer aller Leistungsklassen haben ein und dasselbe Ziel, bereiten sich über Monate oder gar Jahre darauf vor, und wenn es so weit ist, teilen sie sich die 42,195 Kilometer. Jeder kann sich über den Erfolg der oder des anderen freuen. Die Absage des Chicago-Marathons im Oktober ist insofern der jüngste Ausfall eines sportlichen Feiertags. Mehrere zehntausend Läuferinnen und Läufer beleben bei den großen Läufen die Straßen der Stadt, unterstützt von Abertausenden Freiwilligen und angefeuert von Millionen.

          Vorne rennt eine unfassbar hochtrainierte Elite, hinten gehen Gelegenheitssportler die Distanz in Wandergruppen an. Dabei verwandelt sich die Einsamkeit des Langstreckenlaufs in ein Volksfest, in ein gemeinsames Erlebnis von Anstrengung, von nicht selten schmerzhaftem Erfolg und von erschöpfter Zufriedenheit. Diese Fusion von Staunen und Dabeisein werden in diesem Jahr auch Berlin, Boston und New York fehlen, voraussichtlich ebenfalls London und Hamburg, die ihre Läufe aus dem Frühjahr in den Herbst schoben, sowie Frankfurt. Massenveranstaltungen sind Hochrisiko-Events.

          Top-Athleten geht mit den Läufen die Existenzgrundlage verloren. Veranstalter, auch die kleinerer Läufe, stehen vor dem wirtschaftlichen Ruin. Und: Freizeit-Läufer verlieren, sollte man meinen, ihren Antrieb. Doch der Augenschein spricht dagegen. Keine Herausforderung absehbar, kein Wettkampf weit und breit. Und doch scheinen auf Straßen und Wegen mehr Läuferinnen und Läufer unterwegs zu sein denn je, sind im Handel bestimmte Laufschuhe partout nicht zu bekommen. Das hat gewiss damit zu tun, dass bis vor kurzem gemeinsames Training in den meisten Sportarten Kontaktsperren und Distanzgeboten zum Opfer fiel. Viele Sporthallen bleiben geschlossen. Da bietet sich, zum Ausgleich, der Lauf ums Viertel an, der Trab mit Freunden.

          Engagiertere Läuferinnen und Läufer machen aus ihrem Sport eine Lebensart. Der große Wettbewerb, der Marathon, ist für sie Ausweis einer Leistungsfähigkeit, die auf täglichem Einsatz basiert. Dieser regelmäßige Lauf, der sich irgendwann von Schinderei, dem berühmt-berüchtigten Kampf gegen den inneren Schweinehund, in einen Genuss verwandelt, ist eigentlich das schönste Ziel des Langlaufs. Jeder weiß: Nicht der Marathonlauf ist gesund, sondern das Training dafür. Dieser Geist, so scheint es, beseelt die Masse der Läuferinnen und Läufer. Bis zum nächsten Wettkampf braucht sie ohnehin einen langen Atem.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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