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Magnus Carlsens Imperium : Die Welt des Doktor Nykterstein sprengt Grenzen

  • -Aktualisiert am

König der Schachwelt: In Zeiten von Corona schlägt die Stunde des Online-Schachs – und damit auch die von Magnus Carlsens Firma. Bild: Picture-Alliance

Als Weltmeister ist Magnus Carlsen im Schach das Maß aller Dinge. Neben seinem großen Erfolg am Brett hat er sich im Netz ein Imperium aufgebaut. Mit seinem neuesten Online-Turnier sprengt er Grenzen – auch finanziell.

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          Wenn DrNykterstein auf dem Schachserver LiChess aufscheint, stellen viele ihre eigenen Partien ein und schauen lieber zu, was sich bei ihm abspielt. Am 1. April meinte es DrNykterstein besonders gut mit seinen Fans. Er spielte Bullet-Schach, als wenn es kein Morgen gäbe. DrNykterstein ist niemand anderes als Weltmeister Magnus Carlsen, und Bullet ist eine Schachvariante, die viele Trainer am liebsten verbieten würden. Jeder Spieler hat für eine ganze Partie nur eine Minute Bedenkzeit. Bei dem Tempo fallen auf einem wirklichen Brett Figuren um, online endet hin und wieder eine auf dem falschen Feld. Oder der Gegner greift aus heiterem Himmel die Dame an und schlägt sie, weil man den eigentlich logischen nächsten Zug zur Zeitersparnis bereits eingegeben hat. Nicht aufregen. Nicht nachdenken. Nächstes Spiel!

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          An diesem Apriltag fand DrNykterstein seinen Meister und verlor so oft wie noch nie. Gleich in den ersten Partien gegen Alireza2003 geriet er in Rückstand. Bis zur 194. Partie zog er das spontane Match. Dann stand es 90,5:103,5, und der Weltmeister gab sich geschlagen. Alireza2003 ist ein 16 Jahre alter Teenager aus Iran, der seit dem vergangenen Juni in der französischen Stadt Chartres lebt. Im Bullet-Schach ist Alireza Firouzja vielleicht schon der Beste, im klassischen Schach mit langer Bedenkzeit hat er es immerhin schon auf Platz 21 der Weltrangliste gebracht. Immer mehr trauen ihm zu, Carlsen, der seit Juli 2018 keine Partie mit klassischer Bedenkzeit mehr verloren hat, eines Tages abzulösen.

          Als das zur Halbzeit unterbrochene WM-Kandidatenturnier noch lief, lud Carlsen Firouzja ein, die Spiele zusammen mit ihm auf dem zu seiner Firmengruppe gehörenden Server Chess24 zu kommentieren. Ebenfalls dort treffen die beiden am Mittwochabend im Banter Blitz Cup aufeinander. Banter Blitz ist eine Schachvariante, die ebenfalls online am besten funktioniert. Jeder spielt vor einer Webcam und plaudert dabei vor sich hin, was ihm bei seinen Zügen durch den Kopf geht. Der Gegner hört nicht mit, dafür aber das Online-Publikum.

          Die Bedenkzeit ist mit drei Minuten für eine Partie nicht viel großzügiger bemessen als beim Bullet. Banter Blitz ist mitunter lehrreich und oft unterhaltsam. Sobald Carlsen ansagt, er habe zu viel geredet, bringt er – zack, zack – mit schnellen, nicht erläuterten Zügen die Sache zu Ende. Das Format hat bei den Schachfans eingeschlagen. Früher liefen die am attraktivsten besetzten Online-Turniere beim amerikanischen Konkurrenten Chess.com. Nun hat Chess24 die Führung übernommen. Mit 50.000 Dollar Preisgeld wurden die Profis beim Banter Blitz Cup angelockt, davon 14.000 Dollar für den Sieger am Mittwoch.

          Nun stößt der Server, der seit einem Jahr zur Play-Magnus-Firmengruppe gehört, in eine neue Dimension vor. Beim Magnus Carlsen Invitational spielen der Weltmeister und sieben weitere Weltklasse-Großmeister 250.000 Dollar untereinander aus. Am Samstag geht es los. Auch Alireza Firouzja ist wieder eingeladen. Mit 15 Minuten Basisbedenkzeit und weiteren zehn Sekunden vor jedem Zug ist vergleichsweise hochwertiges Schach möglich, und es werden schon mehr Partien durch die überlegene Strategie entschieden als durch Fallen und grobe Patzer.

          Chess24 überträgt mindestens vier Stunden täglich, und das sechzehn Tage lang. Großmeister werden in neun verschiedenen Sprachen kommentieren. Der norwegische Fernsehsender TV 2 und Match TV in Russland werden die Spiele ebenfalls live zeigen. Auch der derzeit um Live-Spiele verlegene Sport-Streamingdienst DAZN zieht mit. Selbst konkurrierende Schachserver dürfen live übertragen. Auch wenn Chess.com, LiChess und Playchess, das zur Hamburger Firma Chessbase gehört, das Magnus Carlsen Invitational bisher nicht in ihrem Programm angekündigt haben, ist jetzt schon absehbar, dass Online-Schach nie zuvor eine solche Reichweite hatte.

          „Dass wegen Corona nur noch Online- Turniere am Abend oder Wochenende stattfinden, darf nicht sein. Der Schachmarkt wächst seit Jahren, und das wollen wir erhalten“, erklärt Sebastian Kuhnert, der koordinierende Geschäftsführer der Play-Magnus-Gruppe. „Uns ist wichtig, dass die Profis ein Einkommen haben. Wir gehen gerade auf viele Topspieler zu, mit uns zusammenzuarbeiten.“ Bei Chess24 können sie als Kommentatoren auftreten und Lehrvideos aufnehmen. Der zur Firmengruppe gehörende E-Book-Verlag Chessable kann noch namhafte Autoren gebrauchen. Für eine Plattform, mit der Schachlehrer und -trainer online unterrichten können, werden gerade Profis als Tester gesucht.

          Weltmeister im echten Leben und auch beim Online-Schach mittendrin: Magnus Carlsen ist DrNykterstein
          Weltmeister im echten Leben und auch beim Online-Schach mittendrin: Magnus Carlsen ist DrNykterstein : Bild: dpa

          Siebzig fixe Mitarbeiter hat das Online-Imperium des Weltmeisters inzwischen in Oslo, Hamburg, Gibraltar und Riga, wobei einige auch in weiteren Ländern von zu Hause arbeiten. „Alle Firmenteile wachsen derzeit sehr schnell“, erläutert Kuhnert. Anfang März gab die Play-Magnus-Gruppe Neuinvestitionen in Höhe von umgerechnet 12,5 Millionen Euro bekannt. Ein norwegischer und ein Schweizer Fonds und einige kleinere Anleger kamen dazu.

          Angefangen hat alles 2013 mit der App Play Magnus, auf der man gegen eine digitale Version des Weltmeisters auf verschiedenen, seiner Altersentwicklung entsprechenden Niveaus spielen kann. Laut Kuhnert sind nun auf andere Spitzenspieler zugeschnittene Klone in Arbeit. Als Erstes kommt Play Wesley nach dem Amerikaner Wesley So. Und bestimmt ein Renner: Play Alireza.

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