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Mahmoud „Manuel“ Charr : Die kuriose Geschichte eines Box-Weltmeisters

  • -Aktualisiert am

Weltmeister ohne Kämpfe: Manuel Charr wartet vergeblich auf den nächsten Fight. Bild: dpa

2015 wurde Mahmoud Charr angeschossen. 2017 wurde ihm an beiden Hüftgelenken eine Plastik eingesetzt. Und wenig später war er plötzlich Box-Weltmeister. Seitdem ging aber einiges schief – auch jetzt in der Corona-Krise.

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          Der Eintritt in die akute Trainingsphase ist für Mahmoud „Manuel“ Charr inzwischen ein etwas ominöses Ritual. In den vergangenen 28 Monaten hat er nach eigener Schätzung „mindestens drei-, viermal“ damit begonnen, sich für das nächste Boxduell in Form zu bringen. Genauso oft wurde der Termin wieder abgesagt. Schalter an, Schalter aus, Pause, Schalter wieder an: In dem holprigen Rhythmus ist der inzwischen 35-Jährige bisher verblieben, ohne dem 36. Vergleich in seiner wechselhaften Profikarriere (31 Siege, 4 Niederlagen) entscheidend näher zu kommen. Und vor allem: ohne seinen erkämpften WM-Titel endlich zu Markte zu tragen.

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          „Vielleicht ist das ja schon ein Rekord“, vermutet er nicht ohne Humor, als er die telefonische Nachfrage in seinem Apartment am Kölner Hafen annimmt. „Könnte man doch mal nachschauen. Dann sollten wir dafür sorgen, dass ich wenigstens ins Guinness-Buch der Weltrekorde komme.“ Er hört sich kurzatmig an, weil er gerade eine schweißtreibende Einheit am Ergometer absolviert. Denn bald soll es definitiv so weit sein. Bald soll der Kampf, in dem er seinen Nimbus bestätigen kann, tatsächlich steigen.

          So heißt es zumindest, wieder mal, aber dazu später. Vorerst ist da nur ein Aufbauprogramm, das Charr runterreißt; zwei ehemalige Boxer aus Köln und Trainer Sükrü Aksu helfen ihm dabei. Alle drei halten jenen Abstand, der in diesen von einer Pandemie geprägten Tagen notwendig ist. Meist ist der 1,93 Meter große Athlet ohnehin allein: Ein Einzelkämpfer in der Haltebucht, der seine Ziele fest im Auge behalten will und sich an den Weisheiten erfolgreicher Männer aufrichtet, die er nur zu gern rezitiert. Wie jene von Henry Ford: „Es gibt mehr Menschen, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“ Nie aufstecken, egal wie kritisch die Lage ist: Für den Spross einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die 1989 im Berliner Wedding ankam, wurde das offenbar früh ein Reflex.

          Wenige haben ihm eine echte Perspektive prophezeit, als er sich mit mäßigem Talent bei deutschen Promotern anbot und als Sparringspartner Verwendung fand. Und keiner traute ihm nach deutlichen Niederlagen unter anderem gegen Vitali Klitschko und Alexander Powetkin eine weitere WM-Chance zu. Zumal ihn einige Zwischenfälle ausbremsten. 2015 wurde Charr bei einem Streit in einem Essener Döner-Imbiss angeschossen. 2017 wurde ihm an beiden Hüftgelenken eine Plastik eingesetzt. Umso größer war die Überraschung, als der einstige Kickboxer, der sich im Faustkampf als „Diamond Boy“ erfand, gerade sieben Monate darauf den 40-jährigen Russen Alexander Ustinov auspunktete.

          Durchhaltevermögen: Eine deutliche Niederlage gegen Vitali Klitschko (links) brachte Charr nicht vom Weg ab.

          Der Erfolg in der Kölner Wahlheimat bestätigte sein Motto „Wille schlägt Klasse“ und brachte ihm den vakanten Gürtel des „Regular Champion“ der World Boxing Association (WBA) ein. Das ist so etwas wie ein kleiner Weltmeister-Titel, weil der in Panama ansässige Weltverband neben einem „Super-Champion“ auch einen „Regular Champion“ und oft auch „Interim-Champion“ führt, um das große Geschäft mit der Aufsicht von Titelkämpfen auszubauen.

          Es hat also nicht nur mit Durchhaltevermögen zu tun, dass der technisch arg limitierte Kämpfer im 13. Berufsjahr noch zu WM-Ehren kam – sondern auch mit der Gier der konkurrierenden Boxverbände. Jeder von ihnen führt längst seine eigenen Welt- und Europameister und ersinnt bei Bedarf die kuriosesten Titel, damit Promoter und TV-Sender die ganze Packung aufbieten können: fahnenschwingende Hostessen, schwülstig intonierte Hymnen. Da kann es mitunter auch mal zum Duell zwischen einem amerikanischen Profi und einem Australier um den „Silver Baltic Title“ oder ähnlichen Nonsens kommen.

          Ein Kampf müsste bis Ende Mai steigen

          Dennoch wäre es zu einfach, in Mahmoud Charr nur den Nutznießer der eingewebten Korruption im Boxgeschäft zu sehen. Ein Nutznießer hätte zählbare Vorteile aus seinem Triumph gezogen, während Charr vorerst nur einen Berg Schulden hat. Der Aufwand, mit dem er seinen Sport betreibt, ist seit Jahren nicht gegenfinanziert worden. Für die WM-Chance verzichtete er auf eine angemessene Börse, und statt der ersten Titelverteidigung, bei der er richtig verdienen könnte, kam es über zwei unheilige Jahre bloß zu Rückschlägen, Verzögerungen und eigenen Fehlern.

          Es fing damit an, dass der wütende Promoter Don King bei der WBA die übergangenen Rechte seines Boxers Fres Oquendo einforderte. Der war Ende 2017 schon 44 Jahre alt und drei Jahre lang inaktiv, wurde in der Rangliste dennoch vor Charr gelistet. Also ordnete der Verband die Titelverteidigung gegen Oquendo an. Wenige Tage vor dem Termin in Köln (August 2018) aber wurden bei einer Kontrolle Anabolika-Spuren in Charrs Blut entdeckt. Der Kampf platzte, und der Titelträger kam nur wegen Verfahrensfehlern bei der A-Probe ohne Sperre sowie mit WM-Gürtel davon.

          Anfang 2019 zog Don King plötzlich ein anderes Schwergewicht aus dem Hut. Der Amerikaner Trevor Bryan hatte sich gegen namenlose Gegner einen makellosen Rekord (20 Siege) aufgebaut – und wurde nun wie auf Bestellung neuer Herausforderer. Alsdann wechselten auf dem transatlantischen Weg monatelang Vorschläge und Vorwürfe einander ab, ohne dass es zu einer Einigung über die Modalitäten kam. Bis man sich Anfang März in Panama bei der Versteigerung der Austragungsrechte am Kampf traf. Dabei erhielt der 88-jährige Promoter-Zar für sein Angebot über zwei Millionen Dollar den Zuschlag – mit der Maßgabe, den Vergleich bis Ende Mai auszurichten.

          Zwei Millionen Gesamtbörse, von denen ihm mehr als die Hälfte zusteht: Das wäre laut Mahmoud Charr „genug, damit ich alle Schulden begleichen kann“. Doch sein Mäzen und Manager Christian Jäger hält diesen Termin angesichts der grassierenden Corona-Pandemie für „illusorisch“. Was bedeutet, dass sein Mandant wohl noch länger auf den ersten großen Zahltag warten muss. Nur wäre der keuchende Mann auf dem Ergometer eben nicht Charr, hielte er nicht auch dafür einen Spruch parat: „Der liebe Gott stoppt deinen Plan, damit der Plan nicht dich stoppt.“

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