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Wirbel bei Schach-Turnier : Fiebermessen auf Zimmer 708

  • -Aktualisiert am

Sitzt in Jekaterinburg am Brett: Der Russe Alexander Grischtschuk (rechts) Bild: Lennart Ootes/Fide

Beim Kandidatenturnier für die Schach-WM herrscht Ausnahmezustand. Die meisten Profis gewöhnen sich so langsam daran, doch es gibt noch andere Probleme: „Viele merkwürdige Dinge passieren.“

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          Die für Zuschauer vorbereiteten Stuhlreihen bleiben leer. An der überflüssig gewordenen Absperrung sind Blumengebinde angebracht. Es ist ja niemand da, dem sie den Blick versperren könnten. Die acht Großmeister, die nach Jekaterinburg gekommen sind, um Herausforderer von Schachweltmeister Magnus Carlsen zu werden, lenken sie vielleicht von den traurigen Begleitumständen eines Turniers im Zeichen der Corona-Pandemie ab.

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          Der spannendste Wettbewerb, den das Spitzenschach zu bieten hat, geht ohne unabhängige Berichterstatter über die Bühne. Sobald Leontxo Garcia von der spanischen Tageszeitung El País die Quarantäne in seinem Hotelzimmer abgesessen hat, wird er wahrscheinlich der Erste sein. Alle Welt ist auf Bilder und Informationen angewiesen, die vom offiziellen Medienteam zur Verfügung gestellt werden. Neben den Spielern, ein paar Offiziellen und Reinigungskräften sind sie die einzigen, die in den Turniersaal dürfen. Alle müssen zweimal am Tag zum medizinischen Rapport auf Zimmer 708. Jeder hat seine fixen Zeiten zum Fiebermessen.

          Zwischen den Runden gehen Spitzenspieler gewöhnlich spazieren oder lockern sich im Fitnessraum auf. Doch die Geräte und Laufbänder im obersten Stockwerk des Hyatt Regency soll noch keiner der Spieler benutzt haben. Die Beine vertreten sie sich lieber auf dem Hotelflur als draußen im Schnee. Das Essen wird auf den Zimmern serviert.

          „Die Situation ist sehr schwierig“

          Alexander Grischtschuk und Ding Liren war das alles zu viel, sie haben sich ein anderes Quartier genommen. Eines, in dem sich wenigstens die Fenster öffnen lassen, damit sie mit Frischluft versorgt sind. Der Russe und der Chinese haben noch etwas gemeinsam. Beiden sind die gigantischen grünen Ledersessel zu bequem. Sie bestreiten ihre Partien lieber auf gewöhnlichen Stühlen. So sind nun wenigstens zwei der überflüssigen Zuschauersitze doch noch im Einsatz.

          „Die Situation ist psychologisch sehr schwierig. Viele merkwürdige Dinge passieren. Den Partien ist anzusehen, dass einige Spieler mit dem Kopf woanders sind“, sagte Judit Polgar während der vierten Runde. Eigentlich sollte die bisher beste Schachspielerin die Partien in Jekaterinburg kommentieren, aber am vorgesehenen Reisetag war ihr Flug gestrichen worden. Nun war die Ungarin per Videokonferenz Zeugin, wie sich das Geschehen auf den Brettern normalisierte.

          Möglicherweise haben sich die Spieler an den Ausnahmezustand gewöhnt. Jedenfalls geschahen weniger Fehler als an den von Nervosität geprägten ersten drei Spieltagen. Fabiano Caruana machte Druck gegen Jan Nepomnjaschtschi. Im 31. Zug hätte wohl jeder an seiner Stelle die Dame in die Mitte des Bretts gezogen. Als Caruana seine stärkste Figur nach längerem Zögern auf ein anderes Feld schickte und damit seinen Vorteil verschenkte, diagnostizierte Carlsen aus der Ferne: „Klarer Fall von Zu-viel-Denken.“ Der Weltmeister schaltet sich von Norwegen aus immer wieder in die Kommentierung auf „Chess24“ ein. Die in Hamburg produzierte Website, ein Spezialist für Liveübertragungen und Lehrvideos, hat voriges Jahr mit Carlsens „Play Magnus“ fusioniert. Anfang März meldete die Firma des Weltmeisters, dass norwegische und Schweizer Investoren mit umgerechnet 13 Millionen Euro eingestiegen sind.

          Den meisten Spaß hatten Carlsen und sein Publikum während der vierten Runde mit Grischtschuk. Vor seinem 18. Zug in einer Stellung, die er aus der Vorbereitung gekannt haben muss, verbrauchte er 57 Minuten, quasi die Hälfte seiner Bedenkzeit. „Einfach krank“, nannte es Carlsen. Obwohl er so oft und schwer in Zeitnot gerät wie kein anderer Spitzenspieler, steht Grischtschuk derzeit auf Weltranglistenplatz vier. Beim „Fantasy Chess“ von „Chess24“ kann darauf gesetzt werden, ob der Russe seine Bedenkzeit auf unter eine Minute ablaufen lässt. Als er ein zweites Bauernopfer annahm, war es so weit.

          Sein Gegner Maxime Vachier-Lagrave hätte nun unter Aufgabe eines Turms für einen weniger wertvollen Läufer eine gewinnbringende Konstellation erzwingen können. Doch, wie er es später nannte, „vergaß“ er diese Möglichkeit. Nach nicht mal drei Minuten seiner Bedenkzeit von über einer Stunde gab er mit seinem Läufer Schach. Danach fand Grischtschuk trotz Zeitnot die perfekte Verteidigung, und es endete wie an den anderen drei Brettern remis.

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