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Radprofis in Corona-Krise : Ein Hauch von Tour de France am Balea-See

  • -Aktualisiert am

Karpatenanstieg: Bergetappe der Sibiu-Tour Bild: Tom Mustroph

Der Radsport startet in der Corona-Krise wieder. Die Profis rollen für die Saison in Siebenbürgen ein. Dabei mischt sich alte Normalität in die neue. Ein deutscher Rennstall kristallisiert sich als Topteam heraus.

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          „Willkommen in der neuen Normalität“, sagt Jens Zemke. Der Sportliche Leiter von Team Bora hansgrohe steht innerhalb der Absperrung im Startbereich der Sibiu Tour. Er trägt Maske. Ein Handschlag zur Begrüßung fällt aus. Stattdessen gibt es einen Ellenbogentouch, mit den Profis nicht einmal das. Das Corona-Regime haben alle verinnerlicht. Sogar innerhalb ihrer Blase, im Fahrerlager vor dem Start, tragen die Bora-hansgrohe-Profis ihre Masken.

          „Wir haben ein ganzes Sortiment, es gibt welche, die wärmer sind als andere, je nachdem, wie das Wetter ist“, sagt Pascal Ackermann, auch er maskiert. Der Topsprinter ist zufrieden mit seinem Einsatz. „Ich brauche gewöhnlich ein, zwei Sprints, um in die Saison zu kommen“, erzählte er vor dem ersten Massensprint am Samstag. Den gewann er aber souverän in Hermannstadt. Recht freuen mochte er sich dennoch nicht. Etwa 19 Kilometer vor dem Ziel kam sein etatmäßiger Anfahrer Rüdiger Selig zu Fall. Selig war am Außenspiegel eines am Streckenrand parkenden Autos hängen geblieben. Er musste ins Krankenhaus, wurde geröntgt. Zum Glück ist nichts gebrochen.

          Selig trat am Sonntag zu den zwei Halbetappen wieder an, einem Bergzeitfahren über 12,5 Kilometer und der abschließenden Sprintetappe über 109 Kilometer am Abend. Die gewann der deutsche Topsprinter Pascal Ackermann vom Team Bora-hansgrohe. Den Gesamtsieg sicherte sich Ackermanns Teamkollege Gregor Mühlberger (Österreich), der auf der ersten Teiletappe des Tages am Sonntag beim Bergzeitzeitfahren von Curmatura Stezii nach Arena Platos seinen zweiten Sieg in Rumänien einfuhr.

          Über der Sibiu Tour in diesem Sommer schwebte aber auch die Pandemie-Gefahr. Weil es dennoch ein Radrennen gab, das erste größere seit den Lockerungen im Lockdown, schaute die Radsportwelt auf Siebenbürgen. „Druck verspüren wir deshalb nicht. Aber es ist eine große Verantwortung, den Radsport wieder ins Rollen zu bringen“, sagte Cosmin Costea, Streckenplaner des Rennens und in diesem Jahr auch Covid-19-Verantwortlicher. Er hat das Hygienekonzept entwickelt. Das sieht eine strikte Trennung von Teams, Organisatoren, Medien und Zuschauern in vier unterschiedliche Blasen vor. „Das Hotelpersonal, mit dem wir Kontakt haben, trägt immer Handschuhe, Visier und Maske“, beschrieb Patrick Konrad die Situation in den Unterkünften.

          Der Österreicher eroberte am Freitag auf einer spektakulären Bergetappe das Gelbe Trikot. Zwar gewann sein Landsmann und Teamgefährte Mühlberger, Konrad sprang aber als Tageszweiter vorübergehend an die Spitze der Gesamtwertung. Die Etappe sorgte für Tour-de-France-Gefühle. Weit konnte man vom Ziel, dem 2040 Meter hoch gelegenen Balea-See, ins Tal blicken. Auf einigen Hängen klebte noch Schnee. In den Serpentinen saßen zahlreiche Zuschauer. Einige hatten die fast 1500 Höhenmeter mit dem Rad bewältigt, andere waren im Auto hinauf gefahren. Auch ein paar Wohnwagen gab es. „Ja, es hatte schon etwas von der Tour de France“, sagte Konrad, „dort sind aber viel mehr Zuschauer.“

          Das stimmt. Aber dass überhaupt Zuschauer zur Strecke kamen, dass sich so viel alte Normalität in die neue mischte, daran hatte die Rennleitung zu Beginn des Rennens gar nicht denken wollen. Da standen noch all die Veränderungen im Mittelpunkt, die großen und die kleinen Details. Zweimal am Tag wurde Temperatur gemessen, zweimal täglich auch der Corona-Symptom-Fragebogen ausgefüllt. Es gab einen Verdachtsfall. „Einem Mitglied der Organisation wurde im Auto schwindlig. Er hatte ein Magenproblem, aber es war nicht verbunden mit Covid-19. Wir haben ihn von unserem Arzt untersuchen lassen und haben ihn unter Kontrolle“, sagte Organisator Costea.

          Rennfahrer waren nur wegen Stürzen beim Arzt. Oder wegen Zahnproblemen. Rumäniens stärkster Bergfahrer Serhei Tvetcov verschob sogar eine Zahn-OP, nur um am Bergzeitfahren noch teilnehmen zu können. Dort hielt er lange die Bestzeit, fiel dann aber auf Rang sechs zurück. Den Sieg machte das Bora-hansgrohe-Duo Mühlberger und Konrad unter sich aus. Mühlberger gewann die Etappe und übernahm das Gelbe Trikot.

          Der WorldTour-Rennstall war mit seiner Teilnahme bei diesem unterklassigen Rennen durchaus zufrieden. Die Profis sehen sich nun besser vorbereitet im Vergleich zu jenen Fahrern, die nicht an den Start gingen. „Für die kommenden Rennen ist es sicher von Vorteil, dass wir schon ein paar Rennkilometer in den Beinen haben. Für viele andere beginnt die Saison ja erst mit der Polen-Rundfahrt“, sagte Konrad.

          Die beginnt am 5. August. Noch etwas früher greifen die Klassikerspezialisten bei den Strade Bianche am 1. August in die Rennsaison ein. Bora hansgrohe kann jetzt schon auf ein paar Siege verweisen. Der deutsche Rennstall kristallisiert sich als Corona-Topteam heraus. Mit Max Schachmann gewann er das letzte Rennen vor dem Lockdown, Paris-Nizza. Jetzt triumphierte er auch in Siebenbürgen. Die Veranstalter waren ebenfalls zufrieden. Einen Anruf von Tour-Ausrichter ASO zwecks Erfahrungsaustauch hatte Streckenplaner und Covid-19-Verantwortlicher Costea aber bis Sonntag noch nicht erhalten.

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