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Tennis-Turnier in Bad Homburg : „Es ist schon wahnsinnig faszinierend“

Die Grashalme profitieren: Der Rasen für das Tennisturnier in Bad Homburg hat ein Jahr mehr Zeit. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Absage des Tennisturniers in Bad Homburg hat auch ihr Gutes: Das Debüt kann besser vorbereitet werden. Vor allem der Greenkeeper hat mehr Zeit für die Rasenpflege. Davon profitieren nicht nur die Stars.

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          Wären die Zeiten nicht so, wie sie sind, hätte der Tennisrasen von Bad Homburg in wenigen Wochen seinen großen Auftritt. Beim erstmals ausgetragenen Turnier Ende Juni würde er Stars wie Angelique Kerber die Bühne bieten zur offiziellen Generalprobe für den Grand-Slam-Klassiker von Wimbledon. Saftig grün, millimetergenau geschoren, ästhetisch anmutig – ganz gemäß dem berühmten Vorbild im altehrwürdigen All England Lawn Tennis Club von London eben. Doch weil die Zeiten so sind, wie sie sind, liegt er stattdessen einfach nur da und wächst vor sich hin.

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          Wimbledon ist aufgrund der Corona-Pandemie längst abgesagt. Die Premiere des neuen Frauen-Vorbereitungsturniers im Bad Homburger Kurpark um ein Jahr verschoben.

          Doch während die Veranstalter, die Spielerinnen und wohl auch viele Fans die längere Wartezeit bedauern, gehört der Rasen selbst zu den wenigen Profiteuren der aktuellen Ausnahmesituation. Zwar wäre er rechtzeitig zum Turnierbeginn mit Sicherheit in einem gut bespielbaren Zustand gewesen, doch die unverhoffte Pause im Sommer tut ihm dennoch gut. „Er ist in einem Jahr viel besser etabliert“, erklärt Christian Engelmann, der mit seiner Firma „Engelmann Turf Care“ vom Turnierveranstalter mit dem Bau und der Pflege der insgesamt sechs neuen Rasenplätze in Bad Homburg betraut wurde. „Die Durchwurzelung ist viel besser, und damit ist er beständiger.“

          Drei Plätze im Zentrum der Kurstadt

          Noch wirken die Rasenflächen mitunter etwas löchrig. Der Boden ist zudem an einigen Stellen uneben, auch Netzpfosten oder die Linien des Tenniscourts fehlen noch. Und doch lässt sich schon in diesem Zustand erahnen, was die besondere Faszination dieses Untergrunds ausmacht. Eingebettet ins idyllische Umfeld des Kurparks, das mondäne Kaiser-Wilhelms-Bad im Rücken, versprühen die Plätze schon jetzt einen Hauch jenes Charmes, der auch Wimbledon zu einem der mythischsten Orte der Sportwelt macht. „Grün ist eben eine beruhigende Farbe“, sagt Engelmann. Und: „Vom Ambiente her ist es hier natürlich ein Traum.“

          Drei Plätze sind im Zentrum der Kurstadt entstanden. Der Centre Court liegt auf der Anlage des TC Bad Homburg, zwei weitere befinden sich unmittelbar davor. Dazu wurden drei Trainingsplätze auf dem Gelände der Homburger Turngemeinde (HTG) geschaffen. Zwei bis drei Leute seien dafür derzeit quasi täglich im Einsatz, erzählt Engelmann. Wässern, walzen, nachsäen und immer wieder mähen. „Das ist ein bisschen Sisyphus-Arbeit“, sagt er. „Im Grunde ist es eine Art Bonsai.“ In seinem Unternehmen, das auch Golf- und Fußballplätze betreut, kümmerten sich deshalb inzwischen nur die fähigsten Mitarbeiter um die Tennis-Courts.

          Mythos Rasentennis entzaubert

          Dabei geschieht alles streng nach den Vorgaben aus Wimbledon. Die Briten, die auch die Lizenzgeber für das Turnier sind, kontrollieren genau, dass die Plätze auch ja dem Vorbild, ihrem „heiligen Rasen“ an der Londoner Church Road, entsprechen. So ist die Rasensaat exakt die gleiche, wie sie in Wimbledon verwendet wird. Statt eines englischen Rasens kurioserweise eine Mischung aus drei Sorten von „Deutschem Weidegras“. Auch die Zusammensetzung des Bodens, ein besonders lehmiges Gemisch, ist genau vorgeschrieben und wird durch die Entnahme von Proben regelmäßig kontrolliert. „Ton hat eine hohe Fähigkeit, Wasser zu speichern. Er kann innen sehr nass und trotzdem außen sehr trocken sein“, erklärt Engelmann. „Das macht man sich zunutze, weil der Platz im Turnierbetrieb sehr hart sein muss, ohne dass der Rasen gleich kaputtgeht.“

          Überhaupt ist die Beschaffenheit des Untergrunds der entscheidende Faktor bei jedem Tennisrasen. „Wenn man ehrlich ist, ist der Rasen eigentlich nur für die Optik da“, sagt deshalb auch Gisbert Steinhorst, der sich als Chef-Greenkeeper im Auftrag Engelmanns um die Plätze in Bad Homburg kümmert. Für die Profis sei es viel wichtiger, dass der Boden eine wirklich glatte Fläche darstelle, die an allen Stellen auch gleich hart ist, damit das Springen der Bälle kalkulierbar wird. Ob er am Ende eines zweiwöchigen Turniers aussehe, als wäre eine Elefantenherde darübergetrampelt, sei den Spielern deshalb fast egal, solange der Untergrund eben bleibt. Der Mythos Rasentennis wird so ein klein bisschen entzaubert.

          Dass das satte Grün dennoch einen besonderen Reiz besitzt, dürfte allerdings auch in Bad Homburg bald deutlich werden. Spätestens dann, wenn auch die ersten Mitglieder des TC Bad Homburg den Platz auf dem Klubgelände nutzen dürfen. „Es ist schon wahnsinnig faszinierend“, sagt Dr. Uwe Eyles, der Vorstandsvorsitzende, und schwärmt davon, wie er selbst einmal auf einem der Außenplätze in Wimbledon ein paar Bälle schlagen durfte. Mit „überwältigender Mehrheit“ hätten die Klubmitglieder deshalb im vergangenen Sommer für die Umsetzung des ambitionierten Projekts gestimmt. Nun nimmt der Traum vom echten Wimbledon-Rasen Konturen an.

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