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Contador bei Vuelta : Abschied von Nummer eins

  • -Aktualisiert am

Auffahrt der Rad-Gladiatoren im Amphîtheater von Nimes: Contador führt noch einmal sein Team Trek Segafredo an Bild: EPA

Vor Start der Vuelta a España an diesem Samstag verneigt sich Spanien noch einmal vor dem Radprofi Alberto Contador – seine Doping-Vergangenheit spielt dabei keine Rolle.

          „Spaniens Fleischer können aufatmen. Niemand wird sie mehr beschuldigen, Clenbuterol zu verkaufen.“ Dieser Spaß machte in Spanien die Runde, nachdem Alberto Contador Anfang des Monats bekanntgegeben hatte, die am Samstag beginnende Spanien-Rundfahrt werde sein letztes Rennen als Radprofi sein. Allerdings fanden das nur jene Spanier amüsant, die nichts mit dem Radsport zu tun haben. Die Fans dagegen – und das sind viele in einem Land, in dem das öffentliche Fernsehen nicht nur die Tour de France, sondern auch den Giro d’Italia und die Vuelta live überträgt – sehen mit dem immer wiederkehrenden Fingerzeig auf Contadors Doping-Vergangenheit sowohl den Rennfahrer aus dem Madrider Vorort Pinto als auch ihre Sportart verunglimpft.

          So überwiegt auch in den spanischen Medien die große Verneigung vor dem Mann, der je zweimal die Tour de France und den Giro d’Italia und dreimal die Vuelta gewonnen hat. Die dunklen Seiten in der sportlichen Biographie Contadors finden nur zähneknirschend Erwähnung – die Affäre um Eufemiano Fuentes sowie die zweijährige Doping-Sperre von 2010 bis 2012 wegen Clenbuterols im Blut, durch die der Radprofi auch je einen weiteren Sieg bei der Tour und beim Giro aberkannt bekam. Das Clenbuterol stamme aus einem Rinderfilet, das ihm ein Vertrauter aus einer spanischen Metzgerei zur Tour gebracht habe, hatte Contador zuvor vergeblich versucht, die Reste des Medikaments in seinem Blut zu erklären.

          „Der beste spanische Radfahrer des 21. Jahrhunderts“

          Contador stand schon lange zuvor im Ruf, seine Leistungsfähigkeit künstlich zu steigern. Er war bis 2006 Schützling von Manolo Saiz bei den Teams Once und Liberty, deren Fahrer vom Gynäkologen Fuentes behandelt wurde. 2006 fand die spanische Guardia Civil im Rahmen einer mit dem Decknamen „Operación Puerto“ versehenen Untersuchung einen Medikationsplan von Fuentes mit dem Kürzel A.C. und in Fuentes’ Kühlschrank auch mehr als 200 Blutbeutel, die den Vorwürfen zufolge für Eigenblut-Doping vorgesehen waren.

          Ob A.C. tatsächlich für Alberto Contador steht, ob sich in den Beuteln auch Contadors Blut befindet, durfte nie geklärt werden. Ein spanisches Gericht hat vor wenigen Wochen abschließend verfügt, dass das Blut nicht einzelnen Radrennfahrern zugeordnet werden darf. Denn Doping war in jenen Jahren keine Straftat. Niemand dürfe an den Pranger gestellt werden, so das Gericht. Aus strafrechtlichen Gründen mag das plausibel sein, in der öffentlichen Meinung hat der Richterspruch Contador aber kaum entlastet.

          Verneigung der spanischen Medien vor Alberto Contador: je zweimal gewann er Tour de France und Giro d’Italia, dreimal die Vuelta

          In der spanischen Radsportszene nehmen viele das Doping bei den Profis so oder so hin. Dort, wo es im Sport um viel Geld gehe, werde auch gedopt, sagt etwa ein Trainer von Radsportamateuren, und zwar am meisten dort, wo auch das meiste Geld verdient werde. Die finanzielle Ausstattung der nationalen Anti-Doping-Agentur sei ein Witz im Vergleich zu den Möglichkeiten eines Profivereins im Fußball. Es sei ungerecht, allein den Radsport anzuklagen.

          So werden sie Contador, der beim Team Trek-Segafredo unter Vertrag steht, von Samstag an bei der Vuelta, die um 17.30 Uhr mit einem Mannschaftszeitfahren in Nîmes startet, vermutlich überall feiern. Der 34 Jahre alte Profi wird in seinem letzten großen Auftritt die Nummer eins tragen. „Der beste spanische Radfahrer des 21. Jahrhunderts“, schreibt die Zeitung „El Mundo“. „Contador, unter den Größten der Geschichte“, titelt „El País“ und ordnet den Spanier in eine Reihe mit Radsportlegenden wie Eddy Merckx, Bernard Hinault oder Miguel Indurain ein.

          Contador winkt seinen Fans vor Beginn seiner letzten großen Rundfahrt

          Einen Nachfolger haben die Fans für ihr altes Idol zudem schon gefunden. „Mikel Landa wird den spanischen Radsport in den nächsten Jahren anführen“, urteilt Eusebio Unzué, Chef des Teams Movistar. Kurz zuvor hatte er den 27 Jahre alten Fahrer für die nächsten beiden Jahre verpflichtet. Landa fuhr bislang für das Team Sky des britischen Tour-Siegers Christopher Froome. Er zeigte sich nach dem vierten Platz bei der Tour 2017 aber außerordentlich wütend. Er werde nie mehr als zweiter Mann im Stall fahren, sagte er im Ärger über die Order aus dem Team, Froome in der Gesamtwertung der Tour nicht gefährlich zu werden.

          Ähnliches hatte Landa schon beim Giro 2015 erlebt, damals noch im Team Astana, als er auf Stallorder dem Italiener Fabio Aru den Vortritt lassen musste. Ohne solche Anordnungen hätte Landa sowohl die Tour wie auch den Giro gewonnen, darüber sind sie sich zumindest in Spanien einig. Beim Team Movistar wird der Baske nun der Chef sein, und er muss zeigen, dass er die großen Rennen tatsächlich auch für sich entscheiden kann. Landa sei ein hervorragender Kletterer, der auch längere Bergetappen mit mehreren Pässen als Schnellster bewältigen könne, und er habe sich zuletzt auch im Zeitfahren verbessert, heißt es in der Szene.

          Der Kolumbianer Nairo Quintana, von dem sie in der Equipe enttäuscht sind, sowie der spanische Veteran Alejandro Valverde werden sich künftig in seine Dienste stellen müssen. Landas bisheriges Team Sky hat ihn nicht für die Vuelta angemeldet. Der Baske wird die Spanien-Rundfahrt zu Hause vor dem Fernseher verfolgen müssen. Dort wird er erleben, wie treu das spanische Radsportpublikum zu seinen Ikonen steht. Contador wird, davon ist auszugehen, noch einmal zum umjubelten Star. Und kein TV-Kommentator wird dabei wahrscheinlich von der „Operación Puerto“ sprechen oder sich über Filetstücke mit Clenbuterol lustig machen.

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